Das zweite trockene und heiße Jahr in Folge setzt den heimischen Wäldern zu. Den Wald, den wir kennen, wird es so bald nicht mehr geben.

von Michael Wallkötter und Jürgen Wolter

Haltern

, 30.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Saftig grün sieht der Forst aus. Dass er Not leidet, erkennt der Waldbesucher auf den ersten Blick nicht. Doch Kersten Blaschczok blickt täglich hinter die grüne Fassade. „Ich bin jetzt seit 1992 hier. An eine derart dramatische Situation kann ich mich nicht erinnern“, sagt der Leiter des Forsthofes Haard des Regionalverbandes Ruhr (RVR).

Der Wald schreit nach Wasser. Drei Wochen lang müsste es kontinuierlich regnen, um das Defizit halbwegs auszugleichen, mutmaßt der Experte. „Ein Gewitterschauer ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Kahle Stämme recken sich in den Sonnenhimmel

Man muss mit dem Forstdirektor nicht lange durch die Haard fahren, um das wirkliche Ausmaß der Trockenschäden zu erkennen. Der 60-Jährige hält an einer Stelle, wo zu Beginn des Jahres auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern Fichten dicht an dicht standen. Heute recken sich nur noch einzelne, weitgehend kahle Stämme in den Sommerhimmel.

Auf den sandigen Böden der Haard ist die Fichte sowieso kein standortgerechter Baum. Wohl fühlt sie sich in Regionen, die höher als 700 Meter über Normalnull liegen und niederschlagsreich sind. Im Flachland hat die Dürre, die schon seit dem letzten Jahr anhält, der Fichte den Rest gegeben und sie so geschwächt, dass der Borkenkäfer und andere Schädlinge leichtes Spiel haben. 90 Prozent der Käfer-Populationen haben den milden Winter überlebt. 4,7 Millionen dieser Insekten, so heißt es, bevölkern nun einen Hektar Wald.

Die Haard, die sich über Haltern, Datteln, Oer-Erkenschwick und Marl erstreckt, ist 5500 Hektar groß. „Zum Glück haben wir nur einen Fichtenanteil von drei Prozent“, sagt Kersten Blaschczok. „Ende dieses Jahres wird es kaum noch Bestände geben.“ Die Fichte, die deutschlandweit ein Viertel des Waldes ausmacht, sei eindeutig ein Verlierer des Klimawandels. Gut ein Viertel der Waldfläche der Haard liegt auf Halterner Gebiet. Auch hier spielen Fichtenbestände kaum noch eine Rolle.

Buchen in der Haard sind Kummer gewohnt

Mitte der 80er-Jahre ist der RVR, dem zwei Drittel der Haard gehören, dazu übergegangen, mehr Laubholz anzupflanzen. Dadurch sollte der Forst gestärkt werden. Doch auch die Buchen bereiten den Forstleuten mittlerweile Sorgen. „Betroffen sind allerdings vor allem ältere Buchen“, sagt Kersten Blaschczok. „In der Haard sind die Buchen meist jünger, weil sie erst in den letzten Jahrzehnten angepflanzt wurden. Außerdem kommen sie mit dem trockenen Boden vielleicht auch deshalb besser klar, weil sie Kummer gewohnt sind. Die Halterner Sande sorgen dafür, dass das Wasser schneller versickert.“

Halterner Wälder leiden: RVR-Förster bezeichnet aktuelle Trockenheit als „dramatisch“

Die Preise für Holz sind im Keller. © Jürgen Wolter

Die Bäume in der Haard müssen mit dem Wasser auskommen, das als Niederschlag den Untergrund erreicht. Der Grundwasserspiegel sei teilweise 30 bis 50 Meter tief. „Da kommt keine Wurzel hin“, sagt Blaschczok. Wo oberflächennahe Grundwasserhorizonte den Pflanzen helfen könnten, ist ebenfalls Ebbe.

Der Wald wird sich verändern müssen

Kiefer, Eiche und Buche prägen das Bild in der Haard. Doch der Wald wird sich verändern müssen. Wegen des Klimawandels, wie Forstdirektor Blaschczok betont. Um das Risiko zu streuen, sollen vermehrt Baumarten wie Küstentanne, Douglasie und Roteiche angepflanzt werden. Das sind Arten, die eigentlich in Nordamerika heimisch sind, aber als resistent gelten gegen Trockenheit. „Wir müssen eine vernünftige Mischung hinkriegen“, sagt der Forstexperte.

Hitze, Trockenheit, Stürme und Schädlinge haben nicht nur große Flächen hinterlassen, die wiederaufgeforstet werden müssen. Sie sind für die Waldbesitzer auch wirtschaftlich eine Katastrophe. Wegen des im Übermaß vorhandenen geschlagenen Holzes ist der Holzmarkt weitgehend zusammengebrochen, beklagt der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR), der sich für die Interessen von zwei Millionen Waldbesitzern einsetzt. „Die niedrigen Preise für Fichtenholz sorgen dafür, dass auch andere Hölzer nicht mehr abgenommen werden“, sagt auch Kersten Blaschczok.

Waldbauern brauchen finanzielle Unterstützung

Um die Dürrefolgen im Wald bewältigen zu können, bedürfe es jährlich mindestens 100 Millionen Euro an Bundesmitteln, sagt DFWR-Präsident Georg Schirmbeck. Derzeit kämpften Waldbesitzer und Forstleute in ganz Deutschland darum, den Wald in seinem Bestand zu sichern. Absterbende Bäume müssten gefällt und aus dem Wald abtransportiert, riesige Kahlflächen wieder aufgeforstet und vertrocknete Jungpflanzen ersetzt werden. „Dafür fallen pro Hektar Kosten von 10.000 Euro an, die jahrelange Pflege und der Schutz der Bäume noch nicht mitgerechnet“, sagt Kersten Blaschczok.

RVR-Forstdirektor Blaschczok ist optimistisch, „dass wir das Problem in den Griff kriegen“. Allerdings werde es etliche Jahre dauern, bis die Wunden verheilt seien. „Wir werden künftigen Generationen einen Wald hinterlassen, der seine Leistungen für das Ökosystem erbringen kann. Aber dieser Wald wird anders aussehen als heute.“

Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Altglas im Wald

Müll, der Waldbrände entfachen kann: „Das macht mich rasend wütend“

Die Waldbrandgefahr hat Stufe 4 von 5 erreicht. Das scheint einige Waldbesucher aber nicht zu interessieren. Wie jetzt in Holtwick, wo eine Halternerin einen Haufen Altglas entdeckte. Von Eva-Maria Spiller

Lesen Sie jetzt