„Jeder Mensch verdient, zu leben“, blickt Ruby Hartbrich mit Sorge nach Italien. Sie arbeitete mehrmals auf dem Rettungsschiff Sea-Watch und wird für ihren Mut nun ausgezeichnet.

Haltern

, 29.06.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die in Haltern geborene Ärztin Ruby Hartbrich (29) weiß, was gerade an der italienischen Küste passiert. Sie ist Vereinsmitglied von Sea-Watch und ist in die interne Kommunikation eingebunden. Mehrmals war sie selbst mit dem Rettungsschiff unterwegs, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten.

„Den Rassismus erlebt man dann mit aller Härte, wenn man versucht, die Menschen in einen sicheren europäischen Hafen zu bringen“, sagt sie in einem Gespräch mit der Halterner Zeitung. Ruby Hartbrich, die in Hullern aufgewachsen ist, wurde häufig für ihr Engagement angefeindet. Sie habe deutlich Hass zu spüren bekommen: „Es gibt Menschen, die enorm viel Energie aufwenden, um uns zu diffamieren und gegen Migration zu wettern.“

Elementare Not

Ruby Hartbrich lässt sich in ihrem humanitären Einsatz nicht beirren. „Sie leistet unverzichtbare Hilfe für Menschen in elementarster Not und schaut nicht weg, wo Staaten und Europa versagen. Sie ist Vorbild und Mahnung zugleich“, würdigt der Marburger Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies den Mut von Ruby Hartbrich.

Am 9. Juli zeichnet er die Ärztin mit dem „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ aus. Die Laudatio hält die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth. Die zweite Preisträgerin ist Kristina Hänel, sie setzt sich für den freien Zugang zur Information über Schwangerschaftsabbrüche ein.

Sehr entschlossen

Ruby Hartbrich freut sich sehr, dass mit dem Preis ein klares Zeichen gegen Rassismus und menschenverachtendes Verhalten - auch auf politischer Ebene - gesetzt wird. 2015 ist die Ärztin zum ersten Mal auf die Sea Watch gegangen: „Ich war nicht mutig, sondern sehr entschlossen.“ Während der Einsätze lebte sie wie alle Freiwilligen eher abgeschottet von der Öffentlichkeit und den Medien und konzentrierte sich auf die Arbeit auf dem Schiff.

Halternerin (29) wird für ihren Einsatz auf dem Rettungsschiff Sea-Watch ausgezeichnet

Ruby Hartbrich (r., hier bei einer Sondertour mit einem Schlauchboot) arbeitete mehrmals auf der Sea Watch. Sea-Watch ist ein deutscher Verein mit Sitz in Berlin, der gegründet wurde, um im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten. © Sea Watch

Was gerade in Italien geschieht, beobachtet sie mit Sorge und Entrüstung. Die 40 Menschen, die auf der Sea Watch 3 auf einen sicheren Hafen warten, tun ihr unendlich leid. „Sie sind Folter, Sklaverei oder Vergewaltigungen entflohen. Ihnen und auch allen anderen, denen davor dasselbe Schicksal widerfahren ist, wird von der EU signalisiert: Wir wollen euch hier nicht, euer Wohlbefinden ist uns egal.“ Die Menschen, findet die Ärztin, sollten sich lieber die Frage stellen: Was würde ich tun, wenn ich nicht in Deutschland, sondern beispielsweise in Somalia geboren wäre?

„Ein Recht auf Flucht“

Die EU sollte Verantwortung für die Flüchtenden übernehmen. „Sie alle haben ein Recht auf Flucht und ihnen müssen sichere Einreisewege zur Verfügung gestellt werden“, Ruby Hartbrich fordert menschliches Mitgefühl. Außerdem dürfe die libysche Küstenwache nicht weiter für illegale Rückführungsaktionen ausgestattet und bezahlt werden.

Ruby Hartbrich berichtet für Sea Watch, erledigte anfangs auch die Presse- und Medienarbeit für die Organisation. Sie möchte als eine von einigen hundert Menschen aus Deutschland der Öffentlichkeit die Chance geben, nachzuempfinden, was auf dem Mittelmeer tatsächlich geschieht. Fernab von Kameras, Innenminister Salvinis Twitter-Account und rechter Hetze. Dann werde es plötzlich ganz einfach: „Jeder Menschen verdient, zu leben.“

Ärztin in Marburg

Ruby Hartbrich weltweit unterwegs

Ruby Hartbrich wuchs in Hullern auf, 2009 legte sie ihr Abitur am Joseph-König-Gymnasium ab. Seit ihrer Jugendzeit spielt sie begeistert Cello, sie gewann unter anderem mehrmals erste Preise bei „Jugend musiziert“ und spielte im Jugendsinfonieorchester Recklinghausen. Ruby Hartbrich studierte Medizin und ist heute Ärztin in der Tropenmedizin und Infektiologie in Marburg. Sie war viel unterwegs, zuletzt in Äthiopien für ihr praktisches Jahr. Auch dort werden Minderheiten politisch verfolgt und gewaltsam unterdrückt, sagt sie. Die Aussichten auf Asyl sind in Deutschland für Äthiopier trotzdem nicht sehr gut. „Ich erlaube mir keine Wertung. Wenn jemand flieht, dann hat er seine Gründe. Niemand verlässt einfach so seine Heimat und Familie.“
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