Hausgeburt macht Vroni Schulte-Lünzum zu einer ganz besonderen Halternerin

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Ein Wunder in den eigenen vier Wänden: Carolina und Martin Schulte-Lünzum haben sich auch beim zweiten Kind für eine Hausgeburt entschieden. Sie schildern ihre Gründe und Erfahrungen.

Haltern

, 12.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Als unsere Kollegin Steffi Papproth die Standesamtsnachrichten bearbeitet, macht sie große Augen. Für Familie Schulte-Lünzum wird am 13. Juni die Geburt einer Tochter in Haltern angezeigt. In Haltern?

„Dann muss das eine Hausgeburt gewesen sein“, macht uns Steffi auf die außergewöhnliche Neuigkeit aufmerksam. Seit nämlich die Geburtenstation des Halterner Sixtus-Hospitals im vergangenen Sommer geschlossen wurde, erblicken normalerweise keine gebürtigen Halterner mehr das Licht der Welt. Sie werden jetzt meistens in Datteln, Coesfeld oder Dorsten geboren.

Außer Vroni, die im elterlichen Schlafzimmer in Haltern auf die Welt kam und bei unserem Hausbesuch entspannt in den Armen ihrer Mutter Carolina Schulte-Lünzum (29) schlummert. „Ist schon schön, eine Halternerin bekommen zu haben“, lacht Papa Martin (31) verliebt. Er hat jetzt ein Damentrio zu Hause, denn Vroni hat Heidi zur großen Schwester gemacht. Sie wurde vor zweieinhalb Jahren ebenfalls als Hausgeburt entbunden.

Carolina Schulte-Lünzum ist selbst Hebamme

Carolina Schulte-Lünzum ist vom Fach, hat selbst als freiberufliche Hebamme gearbeitet und Hausgeburten begleitet. „Das ist mir sehr vertraut“, erklärt sie. Dieser Hintergrund hat die Entscheidung der Familie für zwei Hausgeburten wohl mit beeinflusst. „Ich wäre vielleicht nicht auf die Idee gekommen“, gibt Martin Schulte-Lünzum zu.

Nach den positiven Erfahrungen bei der ersten Entbindung, stand für das Paar schnell fest, dass auch die Entbindung des zweiten Kindes nicht in einem Krankenhaus stattfinden sollte. „Ich wollte wieder die private Atmosphäre“, begründet die junge Mutter ihre Haltung.

Alle Voraussetzungen für eine Hausgeburt waren auch bei Vroni gegeben. Es lagen keine Riskofaktoren beziehungsweise Krankheiten vor und die Schwangerschaft verlief unauffällig. So blickten die Eltern der Geburt entspannt entgegen. Die Gynäkologin von Carolina Schulte-Lünzum sieht Geburten generell zwar lieber im Krankenhaus, passte sich aber den Wünschen der Familie an und gab im Vorfeld alle Hilfestellung, die möglich ist.

Die Geburt hat etwa acht Stunden gedauert

In der Nacht zum 13. Juni setzen die Wehen ein, gegen 0 Uhr trifft Hebamme Heike Paunova aus Bochum ein, die Hausgeburten betreut und etwa 45 Minuten für den Weg nach Haltern braucht. „Zum Glück gab es um diese Zeit keinen Stau auf der A 43“, beschreibt Carolina Schulte-Lünzum, was es bei einer Geburt zu Hause zu bedenken gibt.

Bis es so richtig zur Sache geht und Vroni (3500 Gramm und 50 Zentimeter) um 4.29 Uhr ihren ersten Atemzug macht, nutzt ihre Mutter die Möglichkeit, sich in der ganzen Wohnung zu bewegen. Das Gefühl von Geborgenheit in einer geschützten Umgebung und die Nähe vertrauter Menschen sind ihr und ihrem Partner sehr wichtig.

„Eine Geburt ist ein Riesenereignis, das in den eigenen vier Wänden schöner ist als in einem sterilen Krankenhaus“, erklärt Martin Schulte-Lünzum. Zu Hause wisse man am besten, wo man gut sitzen oder liegen könne.

„Die Frau muss wissen, dass sie getragen wird“, beschreibt Heike Paunova ihren Anspruch bei der Begleitung einer Hausgeburt. Das bedeute, dass sie sich als Fachfrau mit allen Sinnen der Gebärenden zuwendet, sie ernst nimmt und ihr auf Augenhöhe begegnet.

Die Hebamme hat den Velrauf der Geburt im Blick

Es gehe darum, dass die Frau das Kind auf die Weise bekommt, die für sie die beste ist. Die eine entscheidet sich für eine Hausgeburt, viele entbinden im Krankenhaus. Und sie könne auch verstehen, dass sich manche Frauen einen Kaiserschnitt wünschen.

Bei Familie Schulte-Lünzum verläuft die Geburt von Vroni reibungslos. Hebamme Heike Paunova hat den Verlauf im Blick und überwacht die Herztöne des Kindes. Papa Martin ist die ganze Zeit an der Seite seiner Frau. „Er hat meine Hand gehalten und alles ausgehalten“, sagt Carolina Schulte-Lünzum lächelnd. Ihre Schwester Anna-Lena Jeromin ist ebenfalls dabei und übernimmt praktische Aufgaben.

Das Schlafzimmer ist mit Unterlagen ausgestattet, im Backofen warten schon die warmen Handtücher für die neue Erdenbürgerin. Martin Schulte-Lünzum schneidet die Nabelschnur als letzte körperliche Verbindung zwischen Mutter und Kind durch.

„Darauf vertrauen, dass es die Natur richtig macht“

Kinofilme zeigen es übrigens oft anders, aber im Normalfall ist eine Geburt keine überaus blutige Angelegenheit. „Wenn ich die Familien verlasse, sieht es in den Wohnungen genauso aus wie vorher“, lacht Heike Paunova. Es fielen lediglich ein Korb mit Schmutzwäsche und ein Müllbeutel an. „Je nach Familiensituation mache ich auch schon mal die erste Waschmaschine an“, verrät die erfahrene Hebamme augenzwinkernd.

Wer sich für eine Hausgeburt entscheidet, sollte darauf vertrauen können, dass es die Natur richtig macht und sich selbst zutrauen, es zu schaffen, meint Corlina Schulte-Lünzum. Sehr wichtig sei es auch, dass sich die Partner einig sind.

Der Gebärenden muss außerdem klar sein, dass die begleitende Hebamme keine Periduralanästhesie (PDA) vornehmen darf, um von Schmerzen zu befreien.

„Man denkt auch gar nicht daran, weil es sowieso nicht möglich ist“, berichtet Corlina Schulte-Lünzum über ihre Erfahrungen. Es gibt aber auch Fälle, wo Heike Paunova die Notbremse zieht und den Krankenwagen anfordert. Das sei bei acht bis neun Prozent der von ihr betreuten Hausgeburten der Fall. „Wenn die Frau nicht mehr kann, fahren wir in die Klinik“, sagt die Hebamme. Gründe hierfür können beispielsweise zu starker Wehenschmerz oder auch ein schleppender Geburtsverlauf sein.

Auch im Bürgerbüro hat man sich gefreut

Vroni hat sich acht Stunden Zeit gelassen, um auf die Welt zu kommen (ihre große Schwester zwölf Stunden). Ihre Eltern haben es jetzt schriftlich, dass sie eine echte Halternerin in ihrer Familie begrüßen können.

Papa Martin schaffte es am Tag nach der Geburt, einem Freitag, erst kurz vor Büroschluss ins Rathaus, um seine Tochter anzumelden. Er habe vorgeschlagen, die Unterlagen dazulassen und an einem anderen Tag wieder abzuholen, erinnert er sich.

Die Mitarbeiterin des Bürgerbüros aber habe abgewunken. Eine Halternerin wollte sie gerne persönlich ins Register der Stadt eintragen. Danach hat sie gleich ihre Kollegen informiert („Ihr glaubt nicht, was passiert ist.“). Vroni ist in Haltern schon jetzt eine kleine Berühmtheit.

Hebamme Heike Paunova (50) aus Bochum ist seit 1984 in der Geburtshilfe tätig. Sie arbeitet als Beleghebamme mit einem Krankenhaus in Bochum und Herdecke zusammen und begleitet Hausgeburten seit 1991. Etwa 30 von bis zu 90 Geburten im Jahr, die sie betreut, finden zu Hause statt. Werdende Eltern, die sich von Heike Paunova begleiten lassen möchten, sollten nicht mehr als eine Fahrstunde entfernt wohnen. Haltern am See liegt an der Grenze ihres Einzugebietes. Um den 1. August ist aller Voraussicht nach ein weiteres Kind in Haltern zu erwarten, dass per Hausgeburt das Licht der Welt erblickt.
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