Immer mehr Brummton-Geplagte aus Haltern und Umgebung melden sich mit ihren Problemen

mlzTieffrequenter Schall

Immer mehr Leser melden sich, weil sie unter tieffrequentem Schall und damit einem unerklärlichen Brummen leiden. „Opfer fühlen sich einsam und unverstanden“, schreibt eine Betroffene.

Haltern

, 26.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Bewohnerin von der Josef-Paris-Straße brachte den Stein ins Rollen: Sie leidet seit Anfang Januar unter unerklärlichem Brummen und ging damit an die Öffentlichkeit. Es handelt sich um tieffrequenten Schall, den nur außerordentlich sensible Personen wahrnehmen. Hilfe zu finden, ist äußerst schwierig. Doch es haben sich etliche weitere Betroffene aus Haltern, umliegenden Städten des Kreises und sogar aus Bayern gemeldet.

Ein Ehepaar vom Dahläckern, das in einem Mehrfamilienhaus wohnt, hört das Brummen seit etwa einem Jahr. Nicht die ganze Zeit, aber immer wieder, wie es erzählt. Die 89 Jahre alte Wohnungsnachbarin hört es auch. Von den Kühlgeräten komme es nicht, sagen beide, auch die vor etwa einem halben Jahr eingebaute neue Heizung könne es nicht sein, weil das Geräusch schon länger da sei. Es herrscht Ratlosigkeit.

Manchmal hat das Brummen eine einfache Ursache

Manchmal bleibt das Problem mysteriös, manchmal kann das Brummen aber auch eine einfache Ursache haben. Eine Leserin schildert, dass in ihrem Dreifamilienhaus eine Mieterin über Geräusche geklagt habe. Nach langem Suchen mit einem Elektriker sei herausgekommen, dass ein Mieter eine neue Kühl- und Gefrierschrank-Kombination gekauft habe, die einen Brummton von sich gab. Das Problem sei mit einer Gummimatte unter dem Kühlschrank gelöst worden.

In einem Getränkehandel am Münsterknapp brummt es zwar nicht, doch werden täglich immer wieder Vibrationen festgestellt.

In einem Getränkehandel am Münsterknapp brummt es zwar nicht, doch werden täglich immer wieder Vibrationen in Wasserflaschen festgestellt. Die Regale sind fest im Boden verankert, dennoch gerät das Wasser in den Getränkeflaschen im dritten „Stockwerk“ in unregelmäßigen Abständen in Schwingungen. © Elisabeth Schrief

Heinrich Kinzler, Kreishandwerksmeister und Bauunternehmer im Ruhestand, wurde von einer unter Geräuschen leidenden Kundin aus Marl um Hilfe gebeten. „Als ich beim zweiten Mal den Obermeister der Innung dazu gebeten habe, hat er eine Musikbox auf dem Fußboden im Erdgeschoss entdeckt, die über die Steckdose des Stromkreises mit der Musikanlage verbunden war“, schildert Heinrich Kinzler den Fall. Die Musikanlage sei aus gewesen, die Magnete in der Box hätten allerdings derart störende Geräusche verursacht, dass sie auch noch in der darüber liegenden Wohnung zu hören gewesen seien.

„Ich musste umziehen, um zu überleben“

Doch in der Regel lassen sich Ursachen für tieffrequenten Schall nur sehr schwer finden, so ein Gutachterbüro aus Coesfeld. Vor allem, wenn der Schall nicht hausintern, sondern extern ausgelöst werde. Tieffrequenter Schall trüge sehr weit. Externe Quellen können Blockheizkraftwerk, Trafokästen oder selbst Straßenlaternen sein.

Für Brigitte Voigt liegt der Fall ganz klar. Sie macht die Windräder für ihre Probleme verantwortlich. Sie ist wegen ihrer Beschwerden von Haltern nach Marl gezogen. „Mithilfe eines Schallexperten aus Birkenau und eines Baubiologen aus Wesel ist herausgekommen, dass ich zu den 20 Prozent der Bevölkerung gehöre, die unter dem Infra- und Körperschall von Windenergieanlagen spürbar leiden“, schreibt sie in einer E-Mail an die Halterner Zeitung.

Umso mehr sie über die Technik gelernt und mit Anwälten, Ärzten und anderen Betroffenen gesprochen habe, sei ihr klar geworden, dass sie umziehen müsse, um zu überleben. Sie bedauert, dass Opfer häufig allein gelassen werden und sie mit ihren Problemen auf Unverständnis stoßen.

Eine Betroffene gab Hoffnung auf Hilfe auf

Die Anwohnerin der Josef-Paris-Straße hat sich inzwischen an das Umweltamt des Kreises gewandt. Man versprach ihr, sich die Lage vor Ort anschauen zu wollen. Doch eine Messung könne in absehbarer Zeit aufgrund der Personalsituation nicht durchgeführt werden. Das Umweltamt kann auch nur prüfen, ob Gewerbe oder Einrichtungen in der Nähe von Wohnungen als Verursacher in Frage kommen.

Keine Lösung in Sicht in Waltrop: Aufgrund schlafloser Nächte und der nervtötenden Dauerbeschallung haben sich bei einer Bewohnerin eines Mehrfamilienhauses gesundheitliche Probleme wie Kopfschmerz, Schwindel, Konzentrations- und Leistungsschwäche eingestellt. „Ich habe inzwischen die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben“, schreibt sie an die Halterner Zeitung. „Und auch, wenn es beruhigend ist, dass andere ebenfalls betroffen sind, so ist es doch weiterhin äußerst belastend.“

Robert-Koch-Institut sieht Forschungsbedarf

Das Robert-Koch-Institut in Berlin bestätigt, dass die Zahl der Beschwerden hinsichtlich tieffrequenter Geräuschbelästigungen offenbar zugenommen hat. Folgen des Schalls seien unter anderem Schlaflosigkeit, erhöhte Morgenmüdigkeit und chronischer Stress. Es gebe definitiv einen Forschungsbedarf in Bezug auf die Wahrnehmung von tieffrequentem Schall.

Das Robert-Koch-Institut ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention und damit auch die zentrale Einrichtung des Bundes auf dem Gebiet der biomedizinischen Forschung.

Zur Sache

Tieffrequenter Schall hört sich wie Brummen an

Menschen hören Geräusche mit Tonhöhen zwischen etwa 20 Hertz (Hz) und 20.000 Hz. Tiefere Geräusche unter 20 Hz nehmen nur Menschen mit sensiblem Gehör wahr. Der Klang verschiedener tiefer Geräusche ist schwer zu unterscheiden, deshalb nimmt man tieffrequente Geräusche allgemein als „Brummen“ oder Vibrationen wahr. Tieffrequenter Schall tritt innerhalb von geschlossenen Räumen prägnanter hervor als beim Aufenthalt im Freien, wo das Geräuschempfinden oftmals durch die höheren Töne dominiert wird. Von tieffrequenten Geräuschen geht häufig eine erhöhte Belästigung aus, da man sie als besonders bedrohlich empfindet. Zusätzlich kann tieffrequenten Geräuschen meist nicht ausgewichen werden, denn sie treten im gesamten Wohnbereich auf. Seit einigen Jahren häufen sich Beschwerden über tieffrequente Geräuschimmissionen. Auslöser können Anlagen zur Energieerzeugung sowie Lüftungs- und Klimatechnik sein, die durch eine verstärkte Dezentralisierung nah an die Verbraucher heranrücken.
Lesen Sie jetzt