Erst schwarz-weiß, dann immer bunter. Das Gesicht der Halterner Zeitung veränderte sich. © Silvia Wiethoff
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Jahreswechsel im Rückblick (I): Verlobung mit Soldat im Felde gefeiert

Uns steht ein außergewöhnlicher Jahreswechsel bevor. Wir haben uns gefragt, wie die Halterner diese Zeit früher erlebten und haben dafür die Halterner Zeitung aufgeschlagen.

Der Jahreswechsel 2020/21 steht unter besonderen Vorzeichen. Dafür sorgt vor allem das Coronavirus, das unser Zusammenleben weltweit verändert hat. Blicken wir sorgenvoll oder zuversichtlich in die Zukunft? Was hat eigentlich die Halterner in früheren Zeiten bewegt? Für eine Antwort haben wir in der Halterner Zeitung geblättert und werfen ein Schlaglicht auf Jahreswenden vergangener Jahrzehnte.

1920/21

Pelze, immer wieder Pelze – Sie sind anscheinend der Inbegriff von Luxus und Großbürgertum. Modehäuser aus der gesamten Umgebung inserieren in der Halterner Lokalzeitung. Dabei können sich die wenigsten Halterner einen solchen Pelz leisten. Die Lage im Land ist wirtschaftlich und politisch unsicher.

Jahreswechsel 1920/21
Jahreswechsel 1920/21 © Silvia Wiethoff © Silvia Wiethoff

Im Frühjahr 1920 ist es in Folge des Ruhrstreiks auch in Haltern zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen es Tote gegeben hat. Die Folgen des Ersten Weltkriegs sind nicht überwunden. Die Stadt druckt Notgeld gegen die Inflation. Sie ist noch nicht einmal elektrifiziert. Der Stromanschluss kommt erst 1923 nach Haltern.

Für die Kriegsbeschädigten beginnt jetzt im Winter, wenn die Straßen und Wege vereist sind, eine harte Zeit, steht in der Zeitung. Vor Ort geht es um heile Welt. „Im Kreise der Lieben ist ein Fest doppelt schön. Die Stimmung erhöht eine gute Bowle“, wirbt die Hubertus Drogerie in Haltern.

1930/31

Der Turnverein weiht die Jahnhalle am Lippspieker ein. „Hunderte tapfere Männer“ haben für diesen Bau gerackert. Leibesübung entspricht dem Zeitgeist, ist aber den Männern vorbehalten. Es gibt sogar einen Turnverein der Freiwilligen Feuerwehr. Als Übungsgeräte müssen Tische und Stühle reichen.

In Haltern leben die meisten Unterstützungsempfänger des Arbeitsamtes Recklinghausen. Über 1000 Personen beziehen Fürsorge. Dabei zählt die gesamte Stadt weniger als 15.000 Einwohner, die meisten davon sind wohl Kinder.

1940/41

Die Zeitung ist gleichgeschaltet und erscheint als Organ des Gaues Westfalen-Nord. Kriegsnachrichten beherrschen die Titelseiten. Von Erfolgen im Seekrieg ist ebenso die Rede wie von großen Bränden in London, die nach deutschen Luftangriffen entstanden sind.

Im Fußball finden nur wenige Meisterschaftsspiele statt, die Sportler sind an der Front. Die Halterner sollen sich keine Sorgen machen, denn die deutschen Rationen sollen stabil bleiben.

Im Halterner Römer-Theater läuft der Film „Rotkäppchen und der Wolf“. Karola Köster, Haltern, hat sich mit Heinz Nieberg, Uffz. einer Fallschirmjäger-Division, zurzeit im Feld, verlobt. Ob sie sich wiedergesehen haben und eine Familie gründen konnten?

1950/51

Der Krieg ist zum Glück vorbei, aber die Nachwirkungen noch nicht. Das Warten und die Suche nach Kriegsgefangenen geht weiter. Die Fliegergeschädigten und Evakuierten treffen sich in Haltern. Dank großer Opferbereitschaft in der Pfarrgemeinde St. Sixtus kann der Turm der Kirche neu gedeckt werden.

In Sythen ist eine Krupp´sche Zeche im Gespräch. Die Zeitung titelt: „Eine Zeche ist besser als fünf Stauseen“. Die IG Bau baut ihr Erholungsheim in Haltern.

Ein Blick in die Polizeistatistik: 459 Straftaten werden in Haltern gezählt (bei knapp 20.000) Einwohnern, darunter 59 Einbrüche, 2 Raubüberfälle, fünf fahrlässige Brandstiftungen und 15 Sittlichkeitsdelikte.

Die Jugend? Ist so, wie sie immer schon war. In Lavesum haben „unbekannte Burschen“ (Mädels werden gar nicht erst verdächtigt) Wegweiser an Straßen umgeknickt. Der „unverantwortliche Unfug“ soll gebührend bestraft werden. Deshalb werden Zeugen gesucht.

Werbeanzeige von 1960
Werbeanzeige von 1960 © Silvia Wiethoff © Silvia Wiethoff
Traditionsgeschäfte in Haltern: Das Modegeschäft Heckmann gibt es immer noch. Der Betrieb Overmeyer (Bett- und Tischwäsche) wurde eingestellt.
Traditionsgeschäfte in Haltern: Das Modegeschäft Heckmann gibt es immer noch. Der Betrieb Overmeyer (Bett- und Tischwäsche) wurde eingestellt. © Silvia Wiethoff © Silvia Wiethoff

1960/61

Die sozialen Verwerfungen des Krieges sind noch immer ein Thema. In der Zeitung steht: „Jeder vierte Bundesbewohner ist ein Flüchtling“. Haltern bekommt ein eigenes Straßenverkehrsamt an der Recklinghäuser Straße.

Dabei lassen nicht einmal alle Straßen im Stadtgebiet ohne weiteres Autoverkehr zu. Der Ausbau des Hellwegs ist Thema, um die Münsterstraße zu entlasten.

Im Römer-Theater läuft der Heimatfilm „Wenn die Heide blüht“. Auf dem Marktplatz findet „das traditionelle Silvesterblasen der Halterner Fanfaren“ statt.

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Redaktion Haltern
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen und hinter jeder Zahl steckt eine ganze Welt. Das macht den Journalismus für mich so spannend. Mein Alltag im Lokalen ist voller Begegnungen und manchmal Überraschungen. Gibt es etwas Schöneres?
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Silvia Wiethoff

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