Ab Januar muss ein Teil des neuen Kassengesetzes umgesetzt werden: die Kassenbon-Pflicht. Bürokratie, die Unternehmer und die Umwelt werden belastet. Das sagen Halterner Händler dazu.

Haltern

, 26.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer sich mit Beginn des neuen Jahres den Vorsatz genommen hat, mehr für die Umwelt zu tun, der handelt ab dem 1. Januar 2020 unfreiwillig mit jedem Kauf dagegen. Sei es eine Packung Kaugummi am Kiosk, ein Brötchen vom Bäcker oder eine Portion Pommes vom Imbiss – an jeden Kunden hat der Unternehmer beim Verkauf einen Kassenbon auszugeben.

Diese Bon-Pflicht geht aus dem „Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen“ (im folgenden: Kassengesetz) hervor. Zusätzlich muss der deutsche Einzelhandel seine Kassen mit Hilfe von technischen Sicherheitseinrichtungen manipulationssicher machen. Kassen sind außerdem in ihrer Art und Anzahl dem Finanzamt mitzuteilen.

Sicherheit durch Kassenbon-Pflicht?

Elektronische Registrierkassen oder PC-gestützte Kassensysteme sollen lückenlos Kassiervorgänge aufzeichnen. Über eine Schnittstelle sind die digitalen Aufzeichnungen dann auf Speichermedien festzuhalten und somit jederzeit vom Finanzamt überprüfbar. Dieser Teil des Kassengesetzes ist ab dem 30. September 2020 Pflicht. Ziel des Kassengesetzes, eine Reform der Abgabenordnung, ist die Bekämpfung von Umsatzsteuerbetrug bei Gewerbetreibenden.

„Wir haben vor ein, zwei Monaten eine neue Kasse bekommen“, sagt Djyla Ljatifi, die zusammen mit ihrem Vater Semus Ljatifi die Trinkhalle „Pick Up Snack & Services“ auf der Weseler Straße betreibt. Bisher wollten höchstens fünf Leute den Kassenbon, ab Januar werde sie den Beleg aber immer herausgeben. Auf der einen Seite „gibt der Bon Sicherheit“, so Djyla Ljatifi.

Jetzt lesen

Erst kürzlich habe ein Kunde versucht, eine Paysafecard zu reklamieren, dessen Transaktion nicht erfolgreich abgeschlossen und damit nicht wirklich gekauft worden war. Ein Prepaid-Prinzip mit Pin, der zum Online-Kauf genutzt werden kann. Erst der manipulierte Kassenbon hätte den versuchten Betrug aufdecken können. „In der Hinsicht finde ich Kassenbons wichtig und gut“, sagt die Kiosk-Betreiberin. Doch für alles, auch bei kleineren Beträgen einen Bon auszugeben, sei wegen der Umwelt sinnlos. Djyla Ljatifi resigniert: „Ändern kann man es aber nicht, wenn es das Gesetz so vorgibt.“

„Das ist eine Bürde“, sagt Sandra Sanders, Geschäftsleitung der Bäckereien Sanders, verärgert über das Kassengesetz. Ihre Kassen hätten bereits solche Speicher, sodass jede Handhabung abgespeichert und überprüft werden könne. „Der Sinn ist nicht nachvollziehbar“, so Sanders. Sie rechne mit wahnsinnigen Mehrkosten. Die Software-Updates könnten etwa 500 Euro je Kasse kosten, hinzu kämen 2500 Euro im Jahr extra für Thermopapier.

„Ohne den Umweltgedanken im Blick zu haben“

„Dabei wollen die Kunden die Bons nicht und sind verärgert. Kaum einer benötigt diese, höchstens mal, wenn der Kauf für den Nachbar oder die Firma ist“, so die Bäckerei-Geschäftsleitung weiter. Sie sei auch sauer über die dadurch entstehenden Müllberge. Sanders sagt: „Wir machen gerne etwas für den Umweltschutz. Und dann denken die sich in der heutigen Zeit ein Gesetz aus, ohne den Umweltgedanken im Blick zu haben.“

Da die Kassenbons aus Thermopapier übrigens derzeit noch mit der Chemikalie Bisphenol-A (BPA) hergestellt werden, kommen diese nicht in den Papiermüll zum Recycling. Stattdessen werden sie produziert, um anschließend direkt wieder im Restmüll und damit in der Verbrennung zu landen. Neben dem Müll und den Kosten sieht Sanders noch folgendes Problem: „Im betrieblichen Ablauf dauert es dann auch länger.“

Hoffnung auf Sonderregelung

Sandra Sanders hoffe für ihre Bäckereien, dass eine Sonderregelung greife. Dafür setzt sich derzeit der Bäckerinnungs-Verband ein. Auf Nachfrage erläutert Michael Bartilla, Geschäftsführung beim Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe, dass man den nordrhein-westfälischen Minister der Finanzen, Lutz Lienenkämper, angeschrieben habe.

„Laut Kassengesetz kann die Finanzbehörde bei Warenverkauf an viele unbekannte Kunden von einer Belegausgabepflicht befreien“, sagt Michael Bartilla. Diese Befreiung versuche man für die Bäcker zu erringen. Doch bisher habe es für andere, ähnliche Anträge nur Ablehnungen gegeben. „Wir können die Sinnhaftigkeit nicht verstehen“, so die Geschäftsführung des Bäckerinnungs-Verbandes Westfalen-Lippe über die Bon-Pflicht.

QR-Code mit verschlüsselten Daten

Auf den Bons werde zukünftig ein QR-Code mit verschlüsselten Daten landen, insgesamt käme ein Kassenbeleg dann schon mal auf 30 bis 40 Zentimeter Länge. „Ein Bon für den Müll“, so Bartilla weiter, denn 97 Prozent der Kunden würden ihn gar nicht wollen. Weil er dennoch ausgedruckt werden müsse und es sich um Thermopapier handle, sei es umweltpolitisch unsinnig.

Über die technischen Sicherheitseinrichtungen denkt der Geschäftsführer des Bäckerinnungs-Verbandes Westfalen-Lippe ähnlich. „Kassiervorgänge waren vorher auch schon elektronisch belegt, die Verschärfung der Sicherheitsstufe würde diejenigen, die jetzt schon betrügen, nicht davon abhalten, weitere Wege zu finden.“, sagt Bartilla. Stattdessen stünden die Steuerehrlichen immer unter Generalverdacht.

„Es gibt immer mehr Bürokratie“

Hinzu käme die Tatsache, dass die Technik dafür noch nicht da sei. Die Gesetzgeber hätten sich so viel Zeit gelassen, dass die Hersteller der Kassen den Unternehmern noch keine zertifizierte Technik in Form von Geräten und Software-Updates zur Verfügung stellen könnten. Das sei der Grund für den zeitlichen Aufschub. Er resümiert: „Es gibt immer mehr Bürokratie, die die Betriebe belastet.“

Andere Unternehmer sehen sich durch das neue Kassengesetz keinen großen Änderungen ausgesetzt. So sagt Emanuele Corai, Angestellter und Ehemann der Eiscafe-Geschäftsführung von „Dolomiti“: „Bei uns bleibt alles gleich. Wir haben bisher immer Kassenbons ausgedruckt, weil die Kellnerin diesen immer für die Zahlung an den Tisch des Kunden gebracht hat.“ Die Kasse hätten sie seit fünf Jahren und seitdem werde es so gehandhabt. Für die drei Kassen in den drei Filialen benötige man höchstens Updates.

Gelassener Unternehmer

So ergeht es auch dem Geschäftsführer Sarialtun vom City Kebap Haus auf der Rekumer Straße. „Eine dementsprechende Kasse haben wir schon und es ist bisher auch immer alles in die Kasse eingegeben worden“, so der Unternehmer. Nur wie viel mehr Papier man benötige, werde die Zukunft zeigen. „Dann haben wir mehr Müll, was für die Umwelt blöd ist“, so Sarialtun weiter.

Jetzt lesen

Dass viel vermeidbarer Müll deutschlandweit durch das Kassengesetz entsteht, kann nicht abgestritten werden. Auch die im Gesetz angedeutete Möglichkeit der elektronischen Kassenbeleg-Ausgabe zum Beispiel via Mail an den Kunden wird wahrscheinlich keine Abhilfe leisten. Dem steht immerhin die EU-Datenschutz-Grundverordnung im Weg. Und: Wer möchte schon nach jedem kleinen Einkauf digital zugespamt werden?

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt