Lehrerberuf im Wandel: Frühere Gymnasiallehrerin erinnert an „Fräulein Becker“

Heiratsverbot

Früher mussten Lehrerinnen unverheiratet sein, wenn sie ihren Beruf ausüben wollten. Eine ehemalige Schülerin erzählt aus der Zeit, die von Strenge und Autorität geprägt war.

Haltern

, 13.09.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Lehrerberuf im Wandel: Frühere Gymnasiallehrerin erinnert an „Fräulein Becker“

Ursula Kelders gab viele Jahre am Halterner Gymnasium Latein- und Erdkunde-Unterricht. © Ingrid Wielens

An die Annaschule kann sich Ursula Kelders noch ganz genau erinnern. Als kleines Mädchen besuchte sie die katholische Einrichtung in Haltern, aus der später die Erich-Kästner-Schule hervorging. Jungen und Mädchen wurden streng getrennt voneinander unterrichtet. „Die weiblichen Lehrkräfte waren alles Fräuleins“, erinnert sich die 79-jährige Halternerin. Damals galt für Lehrerinnen das Heiratsverbot. Ursula Kelders hat das hautnah miterlebt.

Wenn sie von ihrer Volksschulzeit erzählt, dann klingt ihre Stimme begeistert. Aber auch der große Respekt, den sie bis heute ihrer Lehrerin „Fräulein Becker“ zollt, ist hörbar. „Fräulein Becker war eine unglaubliche Lehrerin“, sagt Ursula Kelders. „Wir haben so viel Umfassendes von ihr gelernt.“ Ursula Kelders kann das sehr gut einordnen. Denn das Lehramt studierte sie später selbst.

Privatunterricht in der Küche der Lehrerin

Fräulein (Elfriede) Becker, die ledig bleiben musste, um ihren Beruf ausüben zu dürfen, sei eine extrem engagierte Person gewesen. „Den wenigen Schülern, die aufs Gymnasium durften, gab sie Privatunterricht.“ Kelders erinnert sich noch genau an die Küche der Pädagogin, in der sie so oft zusammen mit einem weiteren Mädchen und einem Jungen gesessen und Rechenaufgaben gelöst hat. „Fräulein Becker wollte uns bestens auf die weiterführende Schule vorbereiten.“

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Grundsätzlich sei Schülerinnen damals höhere Bildung größtenteils verwehrt worden. Auch von den 50 Mädchen in ihrer Klasse gingen nur zwei aufs Gymnasium. Eines davon war Ursula Kelders.

Strenge Autoritätspersonen

Fräulein Becker, die mit ihren Schwestern auf der Bahnhofstraße wohnte, sei aber auch eine „sehr fromme Frau“ gewesen. Nach der Morgenmesse um zehn nach sieben sei in der Klasse zuallererst gebetet worden. Stehend natürlich. Und auch sonst ging es sehr streng zu. „Wir haben nicht nachgefragt, immer alles gemacht, was uns aufgetragen wurde“, so Kelders. „Das können Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich komme eben aus einer anderen Zeit.“ Eine Zeit, in der nicht über Aufgaben oder Inhalte diskutiert wurde. In der Schüler nicht den Unterricht störten. In der Vergehen jedweder Art streng sanktioniert wurden. Für die Jungen setzte es Prügel. Den weiblichen Schutzbefohlenen zogen die Lehrkräfte damals oft die Ohren lang.

Die Angst war auch immer dabei

„Lehrer waren absolute Autoritätspersonen“, betont Ursula Kelders. „Wir hatten einen unglaublichen Respekt vor ihnen.“ Sie will nicht verschweigen, dass sie auch mit dem Gefühl der Angst heranwuchs.

Die Reifeprüfung absolvierte die Halternerin bei den Ursulinenschwestern am Gymnasium in Dorsten - „die waren schon viel fortschrittlicher“. Nach dem Studium in Münster und den ersten Berufsjahren in Moers schließlich kehrte Ursula Kelders in ihre Geburtsstadt zurück. Am Halterner Gymnasium unterrichtete sie ab 1976 Latein und Erdkunde. Schulleiter damals war Josef Muhle - „ein strenger Lehrer“, weiß die 79-Jährige.

Bis zum 73. Lebensjahr Latein unterrichtet

Auch Ursula Kelders leitete ihren Unterricht stets ernsthaft. „Sonst geht man ja auch unter“, sagt sie. Immer aber sei sie auch um jeden einzelnen Schüler bemüht und ihm freundlich zugetan gewesen. „Das haben die Schüler auch gemerkt.“

2004 ging Ursula Kelders in den Ruhestand. Wegen des Lehrermangels gab sie noch bis zu ihrem 73. Lebensjahr Lateinunterricht. Den Kontakt zu ihrer alten Schule hält sie bis heute. „Es hat sich so viel geändert“, stellt sie fest. Die Kollegen seien heutzutage „sehr überlastet“. Digitalisierung, unzählige Konferenzen, Nachmittagsunterricht - die Anforderungen an der Schule seien heutzutage viel komplexer. „Bei uns war es eben einfach gemütlicher“, sagt die Frau, die nach eigener Aussage „aus einer anderen Zeit“ kommt.

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