„Niemand spielte mit ihnen, weil sie Juden waren“ - Geschichten von Holocaust-Überlebenden

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Marina Kauffeldt engagiert sich im Verein Heimatsucher, der dafür sorgt, dass die Stimmen der Holocaust-Überlebenden nicht verstummen. Grundschulkinder wühlen die Geschichten oft auf.

Haltern

, 23.11.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Marina Kauffeldt, 1996 in Sythen geboren, engagiert sich für den Verein Heimatsucher, der zurzeit im Paul-Gerhardt-Haus die Ausstellung mit Porträts von Holocaust-Überlebenden zeigt (wir berichteten). Ihr Interesse an dem Thema wurde bereits in ihrer Kindheit geweckt.

„Als ich neun Jahre alt war, war ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in Berlin. Wir haben dort auch Gedenkstätten besucht und ich hörte zum ersten Mal von Krieg und der Vernichtung der Juden. Das Thema beschäftigte mich sehr, und ich verstand nicht, was da geschehen war“, erinnert sie sich.

Viele Fragen zur Geschichte

Marina wollte mehr wissen. In der Folgezeit las ihr Vater ihr mehrere Bücher vor, die sich mit dem Thema beschäftigten. „Es gibt dazu auch Kinderbücher“, sagt sie. „Mein Vater versuchte, meine Fragen zu beantworten.“

Marina Kauffeldt besuchte das Halterner Gymnasium, den Unterricht dort zum Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg fand sie aber eher trocken. „Mein Interesse nahm zunächst wieder ab.“ Bis ihre Eltern ihr 2014 zum bestandenen Abi die Teilnahme an einer Gedenkstättenfahrt nach Israel schenkten. „Wir waren etwa 10 Tage dort, besuchten Jerusalem und Tel Aviv. Und hatten die Gelegenheit mit einem Zeitzeugen zu sprechen“, so Marina Kauffeldt.

Auf dieser Fahrt lernte sie eine der Gründerinnen des Vereins Heimatsucher kennen, der in Interviews die Berichte der Überlebenden des Holocaust aufzeichnet, sie fotografisch porträtiert und ihre Geschichten weiter erzählt, um sie als „Zweitzeugen“ für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Entstanden aus einem studentischen Projekt

Der Verein war aus einem studentischen Projekt der FH Münster entstanden. Heute gehören ihm über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter in der gesamten Bundesrepublik an. Marina Kauffeldt wirkte als eine der jüngsten beim Aufbau der Organisationsstrukturen mit. Der Verein wurde unter anderem in das Coaching-Programm Start Social aufgenommen und gewann einen Sonderpreis der Bundeskanzlerin.

Hauptberuflich hat Marina Kauffeldt inzwischen ihren Bachelor in Heilpädagogik gemacht, arbeitet auf einer Teilzeitstelle in Hamm und absolviert berufsbegleitend ihr Masterstudium in Freiburg.

Die 23-Jährige hat inzwischen selbst Interviews mit Zeitzeugen geführt. Es ist ihr wichtig, deren Geschichten an Schulen weiter zu erzählen. „Wenn Grundschulkinder hören, dass eine Überlebende davon berichtet, dass ihre Freunde plötzlich nicht mehr mit ihr spielten, weil sei Jüdin war, dann empört sie das“, sagt Marina Kauffeldt. Durch solche Einzelschicksale seien Kinder und Jugendliche besser zu sensibilisieren, als durch abstrakte Zahlen, findet sie. Mehrfach führte sie Gruppen durch die Ausstellung im Paul-Gerhardt-Haus, informierte auch die Konfirmanden über das Projekt. Mit der evangelischen Gemeinde ist sie eng verbunden. „Hier hatte ich immer eine Heimat, Pfarrer Karl Henschel hat mich hier getauft“, sagt sie.

Briefe an die Überlebenden

Die Heimatsucher fordern die Schüler auf, den Überlebenden Briefe zu schreiben. „Wenn wir diese Briefe überreichten, dass sind die berührendsten Momente, die ich bisher erlebt habe“, sagt sie. Mehr als 60 Briefe konnte sie jetzt Eva Weyl von Halterner Schülern überreichen. „Ich winde es wichtig, dass es Gruppen gibt, die lauter sind als die, die rechtes Gedankengut verbreiten“, sagt Marina Kauffeldt. Lauter ist der Verein Heimatsucher vielleicht nicht, aber seine Arbeit beeindruckt nachhaltig.

Die Ausstellung im Paul-Gerhardt-Haus ist noch bis zum 24. November zu sehen.

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