MDK-Pflege-Gutachten: Halterner Caritas sieht Nachteile für Betroffene

mlzMedizinischer Dienst der Krankenversicherung

Wer Leistungen der Pflegeversicherung oder einen Pflegegrad beantragt, kommt um den MDK nicht herum. In der Corona-Krise führt das oft zu Nachteilen für den Antragsteller - auch in Haltern.

Haltern

, 28.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hilfebedürftige Menschen, die im Rahmen der häuslichen Pflege Leistungen von ihrer Pflegeversicherung beantragen, benötigen ein Gutachten des medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Darin wird der Pflegegrad des Antragstellers festgelegt. Die Bedingungen zur Erstellung dieses Gutachtens haben sich in Zeiten von Corona enorm geändert. Aus Gründen der Sicherheit entfällt der sonst obligatorische Hausbesuch. Stattdessen soll die Bedürftigkeit in einem Telefoninterview mit dem MDK-Gutachter ermittelt werden. „Für die Pflegebedürftigen entsteht daraus kein Vorteil“, stellt die Caritas in Haltern fest. Eher das Gegenteil sei der Fall. Der MDK räumt Nachteile der Corona-Regelung ein.

Telefoninterviews vorerst bis Ende September

„Bei der Pflegebegutachtung haben wir es überwiegend mit Menschen zu tun, die zur sogenannten Hochrisikogruppe zählen“, sagt Olaf Plotke, Sprecher des MDK Westfalen-Lippe in Münster. Zum Schutz dieser älteren Menschen würden derzeit keine Hausbesuche durch einen Gutachter durchgeführt. Um Antragstellern dennoch helfen zu können, biete der MDK alternativ Telefoninterviews an. „Telefongespräche sind nicht das beste Instrument“, weiß Olaf Plotke. „Aber sie sind das beste Verfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit, das wir zurzeit haben.“ Es solle eine Übergangslösung bleiben. Vorerst sind die „strukturierten Telefongespräche“ bis Ende September vorgeschrieben.

Fragebogen zur Vorbereitung

Mit Hilfe eines sechsseitigen Fragebogens, dem sogenannten Leitfaden für Pflegebedürftige und Angehörige, der vor dem Termin zugestellt wird, sollen sich die Betroffenen auf das Telefonat vorbereiten. Dabei geht es unter anderem um Fragen zu Erkrankungen, Einschränkungen, Mobilität und benötigter Hilfe durch andere Personen. Die Gutachter versuchen dann fernmündlich festzustellen, wie selbstständig der Gesprächspartner seinen Alltag gestalten kann und wo er Hilfe benötigt.

Nichts geht über einen Hausbesuch

„Natürlich kann das Gespräch nicht den Hausbesuch ersetzen“, gesteht Olaf Plotke. Dieser gebe mehr Einblicke in die Gesamtsituation des Antragstellers. Vor allem aber sei eine Einschätzung des gesundheitlichen Zustands viel besser möglich, wenn man die betreffende Person auch sehen könne.

„Niedrigere Pflegegrade sind oft die Folge“

Der Caritasverband Ostvest in Haltern sieht hier ein großes Problem. „Es gibt Dinge, die wir nicht über die Sprache allein klären können“, sagt Pflegeberater Stefan Maas. „Es geht nichts über das persönliche Gespräch.“ Dabei könne genau festgestellt werden, „wo der Schuh drückt“. Und wenn die Gesamtsituation, auch das soziale Umfeld, nicht direkt vor Ort erfahren und in die Beurteilung einbezogen werden könnten, sei meistens eine schlechtere Bewertung die Folge. Soll heißen: Die Antragsteller werden in niedrigere Pflegegrade eingestuft. Das hat die Caritas in Haltern während der Corona-Pandemie oft beobachtet.

Stefan Maas ist Pflegeberater beim Caritasverband Ostvest in Haltern.

Stefan Maas ist Pflegeberater beim Caritasverband Ostvest in Haltern. © Ingrid Wielens

Maas: „Was nicht gesehen wird, kann auch nicht gewertet werden.“ Es gibt fünf Pflegegrade, die von geringen (Pflegegrad 1) bis hin zu schwersten Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten (5) reichen.

Viele Antragsteller bekommen nach Corona Besuch vom Gutachter

Der MDK widerspricht. „Seit der corona-bedingten Umstellung der Pflegebegutachtung nehmen die mittleren Pflegegrade zu, während der Pflegegrad 1 und die Beurteilung ‚nicht pflegebedürftig‘ dementsprechend weniger vergeben werden“, sagt Olaf Plotke. Der MDK-Sprecher verschweigt aber nicht, dass die Gutachter den Pflegekassen seit Einführung der Interims-Lösung auch vermehrt Wiederholungsbegutachtungen für die Zeit nach der Corona-Krise empfehlen. Viele Betroffene werden also noch zusätzlich mit dem Besuch eines MDK-Gutachters rechnen müssen.

Knapper Zeitrahmen fürs Telefonat

Stefan Maas kritisiert auch, dass der Gutachter am Telefon vieles gar nicht anspreche. Der Grund: Bei der Pflegebegutachtung gibt es grundsätzlich ein Bewertungssystem, verbunden mit vielen Fragen in sechs großen Themenbereichen, darunter neben Mobilität auch kognitive und kommunikative Fähigkeiten, psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Gestaltung des Alltagslebens, soziale Kontakte. Alle diese Fragen aber im Telefonat zu stellen, würde den zeitlichen Rahmen sprengen. „Das kann man gar nicht alles in einem Telefongespräch im Rahmen der vorgegebenen 60 bis 90 Minuten abfragen“, sagt Maas.

„Gut vorbereitet ins Gespräch gehen“

Sein Rat: „Der Antragsteller muss sich gut auf das Telefoninterview vorbereiten, eventuell einige Punkte sogar selber ansprechen.“ Ein Beispiel: Viele Menschen sind im Alter antriebsarm. Für den MDK sei das allein laut Maas kein Indiz für eine Pflegebedürftigkeit. Attestiere hingegen der Arzt eine „Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage“, stelle sich der Sachverhalt ganz anders dar. Wenn man das wisse, könne man sich entsprechend vorbereiten. Stefan Maas betont ausdrücklich: „Wer sich vor dem Gespräch mit dem MDK beraten lässt, wird auch besser versorgt, weil er besser informiert und damit auf das Telefonat vorbereitet ist.“ Die Caritas in Haltern bietet eine solche Pflegeberatung kostenlos an (Tel. 02364/10 90 53).

„Keine Vollkaskoversicherung“

„Die Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung“, sagt Stefan Maas. Aber sie könne enorm zur Unterstützung der Pflegebedürftigen beitragen. Der Caritasverband Ostvest in Haltern berät derzeit rund 360 Menschen, die Pflegegeld bekommen. 240 Personen werden vom ambulanten Pflegedienst des Verbands in ihrer häuslichen Umgebung versorgt.

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