Die Halterner Waldbauern stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Bei der Pflege ihrer Wälder und der Holzvermarktung sind sie bald auf sich allein gestellt. Das könnte dem Wald schaden.

Haltern

, 13.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Karl-Gerd Siehoff (61) und Ludger Winkelkotte (54) sowie rund 45.000 weitere private Waldbesitzer in Nordrhein-Westfalen sehen derzeit vor lauter Bäumen keinen Wald. „Es kommt alles auf einmal“, stöhnt Ludger Winkelkotte. Die Halterner Waldbesitzer haben noch immer mit den Folgen des Borkenkäfer-Befalls und des Sturms Friederike vom vergangenen Jahr zu kämpfen. Die letzten vom Ungeziefer befallenen Bäume müssen noch gefällt und zusammen mit dem bereits gefällten Bestand verkauft werden. Die Vermarktung ist nicht einfach. Das Borkenkäfer-Holz ist bläulich verfärbt und nicht uneingeschränkt einsetzbar. „Die Preise sind im Keller“, klagt Winkelkotte. Just in dieser Situation macht ihnen das Land NRW zusätzlich das Leben schwer.

„Das ist absolutes Neuland für mich“

Denn die Holzvermarktung wird neu organisiert. Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW hatte diese Aufgabe bislang für Tausende Waldbauern und zahlreiche Kommunen in die Hände genommen und auch die Kaufverträge mit den Sägewerken abgeschlossen. Zum Ende dieses Jahres wird die Leistung aber eingestellt. Bis dahin müssen auch die Halterner Waldbauern - insgesamt 143 sind in der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Haltern zusammengeschlossen - einen neuen Kooperationspartner für den Verkauf ihres Holzes, das auf 2150 Hektar Fläche wächst, gefunden haben.

Karl-Gerd Siehoff ist Vorsitzender der Halterner FBG. Ehrenamtlich. Es wird seine Aufgabe sein, die FBG-Mitglieder in neues Fahrwasser zu bringen. „Das ist absolutes Neuland für mich“, sagt er. Vor ihm liegt ein gewaltiger Aufgabenberg, der abgearbeitet werden will. Karl-Gerd Siehoff hat noch eine andere Sorge. Auf Dauer werde wegen dieses gewaltigen Aufwands keiner mehr das (Ehren-) Amt des Ersten Vorsitzenden übernehmen, prognostiziert er. Und was würde dann aus den Forstbetriebsgemeinschaften werden? Und aus der Bewirtschaftung und Pflege der Wälder?

Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht

Ursprünglich zu verdanken hat er sein Problem dem Bundeskartellamt. Was jahrzehntelang praktiziert wurde, nahm die Wettbewerbsbehörde 2018 in Baden-Württemberg ins Visier. Dort vermarktet das Land das Holz zahlreicher Kommunen und privater Waldbauern. Die Kartellwächter stellten allerdings unmissverständlich klar: Wenn das Land das Holz privater und kommunaler Waldbesitzer zusammen mit Holz aus dem Staatswald vermarktet, ist das ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht. Zum einen werde privaten Holzvermarktungsunternehmen der Zugang zum Markt versperrt, zum Anderen habe das Land so eine deutliche Marktmacht. Daher droht auch von seiten der Sägeindustrie Ungemach. Sie erwägt Schadenersatzklagen. Der Vorwurf: Die Länder bestimmen die Holzpreise.

Eile ist geboten: Die nordrhein-westfälische Landesregierung baut ihre Landesforstverwaltung nach dem Kartellamtsurteil jetzt vorsichtshalber um. Karl-Gerd Siehoff indess möchte aufs Tempo drücken, um mögliche Repressalien zu vermeiden: „Wir sollten uns schnell auf eine neue Struktur einigen“, sagt er. Im März wird die Halterner FBG über ihren künftigen Kooperationspartner entscheiden.

Kooperation mit dem Münsterland?

Für die Halterner Waldbauern könnte sich das Münsterland als besonders attraktiv herausstellen. In Saerbeck bietet die Forstwirtschaftliche Vereinigung Münsterland als Gesellschafter der „Naturstoffzentrale Land und Forst GmbH“ (NLF) - dem bislang einzigen Holzvermarktungsunternehmen im Münsterland - ihre Dienste an. 19 Forstbetriebsgemeinschaften sind dort bereits organisiert.

Neustrukturierung der Holzvermarktung stellt Halterner Waldbauern vor große Probleme

Schon jetzt vermarktet der Landesbetrieb Wald und Holz im Aufrag der Halterner Waldbauern Holz im Münsterland. © Ingrid Wielens

Siehoff und Winkelkotte sprechen sich für das Unternehmen aus: „Wir fühlen uns dem Münsterland verbunden.“ Schon jetzt verkaufen die Halterner Waldbesitzer nach Angaben des Landesbetriebs Wald und Holz ihr Holz überwiegend an münsterländische Sägewerke. Sönke Tielbürger, Leiter des Fachgebiets „Betreuung Privatwald“ beim Landesbetrieb, rät grundsätzlich dazu, sich einer Organisation anzuschließen. Der Experte betont: „Erst dadurch wird der Zugang zu professionellen Forststrukturen möglich.“

Schluss mit dem Rundum-sorglos-Paket

„Zurzeit haben wir noch ein Rundum-sorglos-Paket“, erklärt Ludger Winkelkotte, der im Ortsteil Holtwick einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, zu dem auch 24 Hektar Wald gehören. Karl-Gerd Siehoff besitzt in Lippramsdorf rund 75 Hektar Wald. Der 61-Jährige schätzt die Kopperation mit dem Landesbetrieb Wald und Holz. Dieser unterstützt die FBG neben der Holzvermarktung auch mit Rat und Tat. Ein Förster gibt Tipps, wo pflegerische Maßnahmen durchgeführt und Rodungen oder Kahlschläge vorgenommen werden sollten, Aufforstungen nötig sind und Fördermittel abgerufen werden können. „Er führt diese Arbeiten auf Wunsch auch durch“, erklärt Sönke Tielbürger. Zumindest bislang.

Neustrukturierung der Holzvermarktung stellt Halterner Waldbauern vor große Probleme

Sönke Tielbürger sieht einen gewaltigen Aufgabenberg auf die Waldbauern zukommen. © Landesbetrieb Wad und Forst/Ulla Giesen

Denn auch bei der Hege und Pflege der Wälder wird sich Grundsätzliches ändern. Was das Bundeskartellamt in Sachen Holzvermarktung bemängelt, wird in puncto Forst-Betreuungsleistungen von der Europäischen Kommission kritisiert. Auch die Beförsterung soll künftig nicht mehr automatisch durch Mitarbeiter des Landesbetriebs erledigt werden. Die bisher subventionierten Tätigkeiten sollen künftig zu vollen Kosten abgerechnet werden. Zudem müsse der Markt auch hier für private Anbieter geöffnet werden, so die EU-Forderung. Die Forstbetriebsgemeinschaften müssen dann mindestens drei Angebote einholen. Hier gilt allerdings noch eine Schonfrist bis Ende 2020.

„Die erwünschten Dienstleistungen müssen genauestens ausgeschrieben werden“, sagt Karl-Gerd Siehoff. Der Lippramsdorfer schüttelt mit dem Kopf. „Wir müssen uns hier in völlig neue Bereiche einarbeiten.“ Siehoff befürchtet, dass es teurer für die Forstbetriebsgemeinschaften wird. Allerdings stellt das Land direkte Fördermittel in Aussicht - obwohl die konkreten Richtlinien schon seit einem Jahr auf sich warten lassen.

„Nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder in Gefahr“

„Es ist ein riesengroßer Aufwand, wenn die Beförsterung von den Forstbetriebsgemeinschaften ausgeschrieben werden müssen“, sagt auch Ludger Winkelkotte. Tielbürger sieht die Waldbauern ebenfalls vor riesengroße Aufgaben gestellt. Winkelkotte und Siehoff ärgert der gewaltige bürokratische Aufwand. Ihre große Sorge: Werden die Bewirtschaftung der Wälder und die Holzvermarktung teurer, treten die Waldbauern aus den Forstbetriebsgemeinschaften aus, tun überhaupt nichts mehr für ihre Wälder und nutzen ihn nur noch für Brennholz. „Was Wald und Holz uns heute kostet, ist schon die Obergrenze“, macht Siehoff deutlich. Die Waldbesitzer seien nicht bereit, noch mehr zu bezahlen. Für den Natur- und Klimaschutz wäre das fatal. Die für den Klimaschutz dringend erforderliche Umgestaltung der Wälder mit klimaresistenten Bäumen bliebe dann auf der Strecke. Auch Sönke Tielbürger befürchtet, dass gerade kleinere Waldbauern nicht bereit sind, die geforderte Mehrarbeit zu leisten und gegebenfalls mehr zu bezahlen. „Die nachhaltige Bewirtschaftung der nordrhein-westfälischen Wälder wäre dann in Gefahr.“

„Das Ehrenamt wird über Maß beansprucht“

Karl-Gerd Siehoff hätte niemals damit gerechnet, dass die Organisation von Holzvermarktung und Beförsterung in seine Zuständigkeit fallen würde. Und wieder schüttelt er mit dem Kopf, als er darüber nachdenkt. Ludger Winkelkotte bringt es auf den Punkt: „Das Ehrenamt wird eben vom Land über Maß beansprucht.“

Wem gehört der Wald in Haltern?Neben den privaten Waldbesitzern gibt es noch weitere Waldeigentümer auf Halterner Gebiet. Dies sind vor allem:
  • - der Regionalverband Ruhr (RVR): Er bewirtschaftet 1716 Hektar Wald (im gesamten Kreisgebiet sind es 6000 Hektar) mit Hilfe der eigenbetriebsähnlichen Einrichtung Ruhr Grün. Die Wälder liegen in der Haard und in der Hohen Mark (Flaesheim, Hammer Berg, rund um den Silbersee III).
  • - der Wasser- und Energieversorger Gelsenwasser: Das Unternehmen verfügt über 707 Hektar Wald. Der Landesbetrieb Wald und Holz pflegt die Flächen und vermarktet das Holz. Auch Gelsenwasser muss sich neu aufstellen.
  • - die Stadt Haltern: Gut 500 Hektar Wald sind im Besitz der Stadt, die HVG Grünflächenmanagement GmbH in Gelsenkirchen ist mit der Pflege und Holzvermarktung beauftragt. Die Flächen liegen zwischen Granatstraße und „Sugenberg“, in Sundern, Stockwiese und Hoher Niemen. Die Erlöse aus den Holzverkäufen 2018 beliefen sich auf rund 140.000 Euro. Demgegenüber lagen die Ausgaben (Beförsterung, Verkehrssicherungsmaßnahmen, Pflege- und Aufforstungsmaßnahmen, Wegeunterhaltung) bei rund 122.000 Euro. 2017 wurden sogar nur rund 82.000 Euro eingenommen (Ausgaben 84.000), 2016 lediglich 47.000 Euro (Ausgaben 67.000). Die Witterung ist hier ganz entscheidend.

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