Tränengas und Plünderungen in Chile: Familien Amendt und Marek aus Haltern sind mittendrin

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Über eine Million Menschen sind in Chile gegen die soziale Ungerechtigkeit auf die Straßen gegangen. Mittendrin: Familie Amendt und Familie Marek aus Haltern.

Haltern/Viña del Mar

, 30.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es waren vier Euro-Cent, die das Fass offenbar zum Überlaufen gebracht haben. Um so viel wollte die chilenische Regierung den Preis für Fahrkarten in der Hauptstadt Santiago erhöhen. Ein Tropfen, um den sich der aufgestaute Ärger der chilenischen Bevölkerung entladen hat. Um niedrige Löhne und Renten, hohe Studiengebühren und extreme Unterschiede zwischen Arm und Reich.

Es kam zu gewaltsamen Demonstrationen, bei denen Menschen Geschäfte plünderten und Brände legten. Auch, als Chiles Präsident Sebastián Piñera die Erhöhung der Ticketpreise zurücknahm, konnte das die Bevölkerung nicht besänftigen. Am vergangenen Freitag gingen in Santiago mehr als eine Million Menschen friedlich auf die Straßen.

Sebastian und Hannah Arendt waren Trainer beim TuS Haltern

122 Kilometer entfernt, in der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, leben zwei Halterner Familien - die Mareks, die 2017 in das südamerikanische Land ausgewandert sind, und die Amendts, die seit Februar 2019 dort leben. Auch sie beschäftige die Politik in Chile von Tag zu Tag, schreibt uns Sebastian Amendt in einer E-Mail, in der er versucht, seinen komplexen Alltag auf wenige Zeilen zu komprimieren.

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Hannah und Sebastian Amendt bei den Protesten in Chile

Sebastian Amendt ist Lehrer und unterrichtet an der Deutschen Schule Valparaíso. Gemeinsam mit seiner Frau Hannah, die wie er bis zuletzt als Jugendtrainer beim TuS Haltern aktiv war, und den gemeinsamen Kindern Ole, Paul und Leo, hatte sich Sebastian Amendt seit Oktober 2018 darauf vorbereitet, für zwei Jahre auszuwandern.

„Der Schulbetrieb und sämtliche kulturelle und sportliche Veranstaltungen sind praktisch bis auf Weiteres ausgesetzt“, schreibt Sebastian Amedt. „Es gab/gibt viel Spekulationen um Lebensmittelknappheit oder Ausfall von Wasser/Stromversorgung, vor allem, weil der Präsident fatalerweise von ‚Krieg‘ gesprochen hat.“

In Viña del Mar sei es noch ruhig, aber im acht Kilometer entfernten Valparaíso würden täglich Läden geplündert oder verbrannt. Zwischen Demonstranten auf der einen und Polizei und Militär auf der anderen Seite komme es zu gewaltsamen Aufeinandertreffen. Als problematisch bezeichnet der Halterner den rabiaten Umgang der Polizei sowie den „unnötigen“ Einsatz von Militärs.

Tränengas und Plünderungen in Chile: Familien Amendt und Marek aus Haltern sind mittendrin

In Viña del Mar haben in der vergangenen Woche Menschen gegen die Politik der chilenischen Regierung protestiert. © Sebastian Amendt

Ihr Haus am Meer ist für die Kollegen der Familie ein Zufluchtspunkt

„Die erste Nacht [der Proteste, Anm. d. Red.] war kritisch, weil Hannah mit einer Freundin im Norden im Auto übernachtet hat und durch die zerstörten Städte frühzeitig zurückreisen musste, gleichzeitig übernachteten deutsche Freunde bei uns, da ein Rückweg nach Valparaíso zu gefährlich war“, so Sebastian Amendt. „Politisch gibt es in dieser Woche schnelle Änderungen, die aber kurzfristig und für die Bevölkerung definitiv nicht ausreichend sind, weshalb die Demonstrationen immer größer, aber auch friedlicher werden.“

Trotz Sperrstunde bis in die vergangene Woche, permanenter Hubschrauberflüge, Militärpräsenz, seltener Schusswechsel und Tränengas-Einsätzen neben Plünderungen fühle sich die Familie sicher, sagt Sebastian Amendt. Denn auf Ausländer hätten die Demonstrationen bisher wenig Auswirkung. Für Kollegen hingegen sei ihr Haus am Meer zu einem Zufluchtspunkt geworden. Die Solidarität ist da.

„Wir nehmen an den friedlichen Protestaktionen in Viña teil, weil wir auch eine Veränderung des kapitalistischen Systems unterstützen. Vor allem, da wir selbst erleben, wie wenig die Menschen verdienen, obwohl es für uns praktisch genauso teuer wie in Deutschland ist“, schreibt der Halterner. „Und wie groß offensichtlich die Differenzen sind durch unfaire Verteilung der Ressourcen, Ausbeutung der geringverdienenden Arbeiter, ungerechte Sozial-, Gesundheits- und Rentensysteme und die Privatisierung vieler Bereiche.“

Tränengas und Plünderungen in Chile: Familien Amendt und Marek aus Haltern sind mittendrin

In Viña del Mar gingen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. © Amendt

Auch wenn sich die Familie definitiv nicht in Chile „verliebt“ habe, fühle sie sich dort wohl. „Ob Seehunde, Delfine oder Pinguine im Meer, Füchse, Vikuñas, Lamas, Vogelspinnen, Flamingos oder Geier in den Nationalparks - die Erkundung des Nordens und vor allem der Atacama-Wüste war atemberaubend“, sagt Sebastian Amendt.

Dennoch sei die Wahrung des Familienfriedens zwischen extrem hoher Arbeitsbelastung und fehlender Betreuung der Kinder in der Anfangszeit schwer gewesen. „Durch die freundliche Art der Chilenen, tolle Klassenlehrer und die Erfahrung anderer Deutscher an der Schule, z. B. Rebecca Marek, haben wir uns aber schnell zurecht gefunden.“

Die Kinder, die sich erst ungern auf die Reise eingelassen hätten, seien nun über Fußballvereine voll integriert und lernten die Sprache mehr und mehr. Auch Hannah Amendt habe sich in dem Kindergarten, in dem sie arbeitet, gut eingelebt. Der Deutschunterricht an der Deutschen Schule Valparaíso sei sehr fordernd, sagt Sebastian Amendt. „Viele Schüler haben wenig Interesse am Deutschen und besuchen die teure Privatschule nur, weil sie eine gute Zukunft verspricht. Andererseits sind die Schüler sehr begeisterungsfähig, vor allem, wenn man etwas mit Musik oder Tanz macht.“

Mit dpa

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