Prozess zu Germanwings-Absturz: „Für Wut fehlt mir einfach die Kraft“

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Rund fünf Jahre ist es her, dass 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern beim Absturz einer Germanwings-Maschine starben. Jetzt ist das Drama bei Gericht.

Haltern, Essen

, 06.05.2020, 18:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die ersten Kläger waren schon Stunden vor Prozessbeginn am Essener Landgericht erschienen. Sie kennen sich, manche treffen sich zweimal pro Jahr. Um ihren Schmerz zu verarbeiten, wenn das überhaupt möglich ist.

„Die Trauer wird nie vergehen“, sagt eine der angereisten Frauen aus Haltern leise. Sie hat bei der Katastrophe vom 24. März 2015 ihre einzige Tochter verloren. „Tagsüber versucht man irgendwie zu funktionieren, aber abends...?“

Es sind die kleinen Alltagsmomente, die alles wieder aufwühlen. „Wenn die Nachbarn mit ihren Kindern grillen - oder am Wochenende gemeinsam wegfahren.“

Ob sie wütend sei? „Nein“, lautet die Antwort. „Für Wut fehlt mir einfach die Kraft.“

Auch andere Hinterbliebene sind einfach nur unfassbar traurig. „Das Vertrauen ist weg“, sagt eine andere Frau. Selbst in Menschen, die man kenne. „Man möchte sich einfach niemanden mehr so richtig anvertrauen.“ Das gelte auch fürs Busfahren und Bahnfahren. „Man bekommt diese Katastrophe einfach nicht mehr aus dem Kopf heraus.“

„Wenn man sein Kind verloren hat, wird das immer so bleiben“

Es sei schon seltsam, dass man gefragt werde, ob man immer noch traurig sei, so eine der Mütter aus Haltern. Natürlich sei man noch traurig. Was denn auch sonst? „Wenn man sein Kind verloren hat, wird das immer so bleiben.“

Fotografiert werden möchten sie eigentlich nicht.

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Später im Gerichtssaal ließ sich das jedoch gar nicht vermeiden. Dort hatten sich zahlreiche Kamerateams versammelt, dazu Fotografen und andere Journalisten. Aufgrund der strengen Corona-Bestimmungen konnten nur 18 Angehörige auf den Zuschauerplätzen Platz nehmen.

Es geht auch um die Verantwortung von Lufthansa

Ihr Anwalt, Elmar Giemulla, war extra aus Berlin angereist. Er vertritt die Angehörigen von 40 Opfern. Das sind fast 190 Personen. Vor Gericht geht es zwar um Schmerzensgeld, aber nicht nur. Es geht auch um die Verantwortung der Lufthansa. „Man muss ja auch sehen, dass immerhin zum Beispiel 16 Schulkinder getötet worden sind“, so Giemulla vor Prozessbeginn. „Sie waren die Hoffnung der Eltern, für manche Eltern das einzige Kind. Der Lebenszweck dieser Menschen ist weg. Das Trauma sitzt tief. Die Menschen werden das ihr Leben lang nicht mehr los.“

Klägeranwalt Elmar Giemulla im Essener Landgericht.

Klägeranwalt Elmar Giemulla im Essener Landgericht. © Jörn Hartwich

Ob die Klagen erfolgreich sind, ist allerdings zweifelhaft. Die Richter haben bereits signalisiert, dass sie dazu neigen, die Verantwortung für die medizinische Überwachung der Piloten beim Luftfahrtbundesamt sehen. Eine endgültige Entscheidung wollen sie allerdings erst am 1. Juli verkünden.

Bei dem Absturz in den französischen Alpen waren alle 150 Insassen ums Leben gekommen. Der psychisch kranke Copilot soll die Maschine absichtlich vor einen Berg gesteuert haben.

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