Günter Hildebrandt ist nicht nur Bulli-Liebhaber, sondern auch unheilbar krank. Mit einer berührenden Aktion überraschten Freunde den Wirt der Halterner „Schänke“.

Haltern

, 25.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Samstagmittag (9. November) klingelt es bei Günter Hildebrandt an der Haustüre. Durch ein Megafon dröhnt lautstark die Aufforderung, herunterzukommen. Unten vor der Schänke empfangen ihn dann zahlreiche Menschen, Live-Musik und eine Bulli-Parade – mit etwas ganz Besonderem zum Schluss: seinem „Ollen Johann“, ein VW T3, den Freunde heimlich für ihn restauriert haben.

Der 62-jährige Wirt und Vater von drei Kindern bekam vor dreieinhalb Jahren die Diagnose Lungenemphysem. Als die schockierende Nachricht kam, musste er sein Leben danach richten. Nur eine Sache änderte er nicht. Er betreibt weiterhin mit Herzblut die Schänke, obwohl Menschenansammlungen für ihn ein Infektionsrisiko darstellen. „Die Kneipe ist mein Leben“, sagt Günter Hildebrandt.

Traumauto: VW T3

Mit der Schänke unterhält der 62-Jährige zusammen mit seiner Frau Sylvia einen Treffpunkt für viele Halterner. Jörn Peters, ein Freund der Familie und Initiator der Überraschungsaktion, sagt: „Wir haben so viele schöne Zeiten hier erlebt, der Bulli ist unser Dank.“

Vor 16 Jahren entdeckte Günter Hildebrandt durch Zufall sein Traumauto im Internet. „Ich wollte schon immer einen T3 haben“, so der Wirt. Gemeinsam mit Jörn Peters, der sich mit Autos besser auskannte, fuhr er damals nach Köln. Nach einer Probefahrt hieß es von Hildebrandt: „Ich kaufe ihn.“ Seitdem hängt Günter Hildebrandt an seinem Bulli.

„Ein Auto, das einen Namen hat, das hat auch eine Seele“

Er ist der dritte Besitzer des Fahrzeugs mit Baujahr 1988. Der erste taufte es bereits auf den Namen Oller Johann. „Ein Auto, das einen Namen hat, das hat auch eine Seele“, sagt der 62-Jährige. Dies sei auch ein Grund, weshalb der Wirt den Bulli nie weiterverkaufte, obwohl dieser elf Jahre ungenutzt in der Garage stand. „Den T3 habe ich mit TÜV untergestellt, irgendwann lief der ab und dann stand der da.“

Nach seiner Diagnose wollte Günter Hildebrandt sein Traumauto wieder instand setzen, doch das habe sich verlaufen, sagt er. Eines freitagabends an der Theke der Schänke fragte Jörn Peters, nachdem er einen weiteren Freund, Martin Ruttert, mit ins Boot geholt hatte, Sylvia Hildebrandt: „Sollen wir den Ollen Johann wieder fertig machen?“ Die Wirtin habe sofort Tränen in den Augen gehabt. Die Idee wurde zur beschlossenen Sache und die anstehende Reha von Günter Hildebrandt zum perfekten Zeitpunkt für die geheime Mission.

In der Werkstatt von Jörn Peters herrschte drei Wochen lang das Motto „Aufgeben ist keine Option“.

In der Werkstatt von Jörn Peters herrschte drei Wochen lang das Motto „Aufgeben ist keine Option“. © Stefan Kautsch

Drei Wochen standen Jörn Peters, Martin Ruttert und dem später dazugekommenen Stefan Kautsch zur Verfügung. Ein ambitioniertes Vorhaben, musste der T3 doch gänzlich überholt werden. „Der Motor wurde zum Leben erweckt, es wurde geschweißt, lackiert und vieles mehr“, sagt Peters. Egal welches Problem auch auftauchte, es herrschte das Motto „Aufgeben ist keine Option“. Also „arbeiteten wir auf 300 Prozent“, so Jörn Peters. In jeder freien Minute nach Feierabend und an den Wochenenden sei am T3 gearbeitet worden. Er habe gar sechs Kilo abgenommen.

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Überraschungsaktion für Schänke-Wirt

Kurz vor Schluss habe vor allem eines an den Nerven gezerrt: die TÜV-Prüfung. Diese habe man erst beim zweiten Anlauf bestanden. Durch das tatkräftige Anpacken weiterer Helfer sowie finanzieller Unterstützung vom Rockbüro, dem Malerbetrieb Lohle und vielen Privatpersonen sei die Aktion zudem erst möglich gemacht worden.

So konnte final auch das Namensschild frisch geputzt für die Überraschung hinter die Windschutzscheibe des überholten Oldtimers geklemmt werden. Und auf den Liegestühlen, die Günter Hildebrandt vor elf Jahren unverpackt mit ins Auto legte, konnte er nun am Samstag nach seiner Entlassung aus der Reha Platz nehmen. Der Halterner Singer-Songwriter Marian Kuprat hielt ein „Schänke-Lied“ parat.

Ein Stück Freiheit

Der Moment, als die Bekannten in ihren Bullis nacheinander an der Schänke vorbeifuhren und der Olle Johann final vor ihm hielt, „war unwirklich“, sagt Günter Hildebrandt. Ihm hätten die Worte gefehlt, noch heute scheint der Wirt überwältigt. Am selben Tag wurde in der Schänke gefeiert, am nächsten fuhr Günter zusammen mit seiner Frau nach Holland. „Auch die erste Fahrt war unwirklich und ich konnte es noch immer nicht realisieren.“

Der Bulli sei für ihn ein Stück Freiheit. „Das Fahren mit dem Ollen Johann entschleunigt und entspannt, man will nicht schnell ankommen“, sagt der 62-Jährige. Wenn es wieder etwas wärmer wird und damit weniger gesundheitliches Risiko für Günter Hildebrandt besteht, sei Dänemark das nächste Reiseziel für ihn und seine Frau.

Wahre Freundschaft

Er wüsste nicht, wie er sich dafür bedanken kann, sagt Hildebrandt. Eine Idee hat er aber: „Ich werde eine Party machen, auch wenn ich das damit immer noch nicht gutmachen kann. Aber das erwarten meine Freunde auch gar nicht.“ Eines steht fest: Die Überraschungsaktion hat die Freunde noch enger zusammengeschweißt und neue Freundschaften geschaffen.

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