Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren große Teile der Stadt Haltern zerstört oder zumindest beschädigt. © Stadtarchiv Haltern
Kriegsende

Tagebuch des Schreckens (1): Tiefflieger erschießt drei Flakmädchen

Wir erleben eine Krisenzeit, die Vergleiche zur Vergangenheit provoziert. Aus diesem Anlass blicken wir zurück ins Jahr 1945 und schlagen das Tagebuch des Schreckens (Teil 1 - Januar) auf.

Nahrungsmittel sind knapp. Normaler Alltag, zum Beispiel der Schulbesuch, ist kaum noch möglich. Am schlimmsten sind die Angriffe der Tiefflieger und Bomber

auf die Stadt.

So erlebten die Menschen in Haltern 1945 die letzten Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Ausnahmezeit, in der die Halterner großes Leid erfuhren, das kaum eine Familie verschonte.

1. Januar: Das neue Jahr beginnt mit erhöhten Entbehrungen und vor allem mit Sorgen vor der kommenden unheilvollen Zeit. Es liegt wie ein Albdruck auf allen und lähmt die Tatkraft für jedes Beginnen.

3. Januar: Die Hilfszüge „Dr. Göbbels“ und „Hermann Göring“ sind in Haltern stationiert und haben ihre Bestände in der Knabenschule (damalige Annaschule an der Drususstraße) und am Seehof untergebracht. Sie bestehen aus großen Lastkraftwagen und haben die Aufgabe, nach Bombenangriffen die Bevölkerung mit Textilien und Lebensmitteln zu versorgen.

Blick zurück

Der Krieg und seine Schrecken waren noch lange präsent

Die ersten Monate des Jahres 1945 waren für die meisten Halterner ein Kampf ums nackte Überleben. Heinrich Albers, Redakteur der Halterner Zeitung, erinnerte in einer Serie 1950/51 an die Tage des Schreckens. Der Krieg war lange vorbei, aber immer noch präsent. Das lag zum Beispiel daran, dass man in Haltern fünf Jahre nach der Stunde Null noch immer auf sieben Kriegsgefangene wartete und das Schicksal von 290 vermissten Soldaten und zwölf Zivilpersonen aus der Stadt weiterhin ungeklärt war.

5. Januar: Die anhaltenden Störungen im Bahnverkehr zwingen viele durchreisende Soldaten zu längerem Aufenthalt. Weil der Bahnhof stark gefährdet ist, hat man im Gasthof Reismann eine Wehrmachtsunterkunft eingerichtet.

13. Januar: Der Schulbesuch wird immer unregelmäßiger. Bei den täglichen Luftalarmen kann nur noch verkürzter Unterricht erteilt werden.

Fund einer Flakgranate in Flaesheim im Oktober 2020. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs begleiten uns auch in Haltern bis heute.
Fund einer Flakgranate in Flaesheim im Oktober 2020. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs begleiten uns auch in Haltern bis heute. © Daniel Winkelkotte © Daniel Winkelkotte

18. Januar: In der vergangenen Nacht fielen Bomben auf das Gebiet um den Overrather-Hof (der später für die Erweiterung des Halterner Stausees abgerissen wurde), wo eine Wehrmachtsabteilung untergebracht ist. Tiefflieger sind jetzt fast täglich über Haltern. Sie greifen vor allem Züge und Bahnanlagen an.

19. Januar: Wie stark der Eisenbahnverkehr gestört ist, geht vor allem aus der ungewöhnlichen Postverzögerung hervor. Briefe sind vielfach vier bis fünf Wochen unterwegs. Die Ernährungslage ist einigermaßen zufriedenstellend, allerdings sind Tabakwaren knapp. Spirituosen gibt es überhaupt nicht mehr.

23. Januar: Heute wurden an der Flakstellung im Venn drei Flakmädel durch Tiefflieger erschossen.

24. Januar: Bei einem schweren Unglücksfall am Bahnhof finden drei Soldaten den Tod.

Die Sprengstofffabrik in Sythen, hier ein aktuelles Luftbild, war häufig das Ziel alliierter Bomber.
Die Sprengstofffabrik in Sythen, hier ein aktuelles Luftbild, war häufig das Ziel alliierter Bomber. © Blossey © Blossey

27. Januar: In der vergangenen Woche wurde die Sprengstofffabrik in Sythen (Wasag) dreimal von Bombenflugzeugen angegriffen. Man erfährt nichts über den Umfang der Schäden. Nach wie vor täglich Tiefflieger über Haltern, fast ohne Gegenwehr.

28. Januar: Die Wehrmacht sammelt auch in Haltern für das Volksopfer. Der aufgestellte Volkssturm hält seine Übungen regelmäßig ab. Der harte Winter erschwert die Lage, viel Schnee.

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Silvia Wiethoff

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