Thorsten Brüggemann hat den Weg zu Gott gefunden - und nach Haltern

Interview

Am 1. September nimmt Kaplan Thorsten Brüggemann seinen Dienst im Noch-Dekanat Haltern auf. Am 18. September fusionieren die neun Gemeinden zur großen Pfarrei St. Sixtus. Elke Rüdiger sprach mit dem neuen Kaplan.

HALTERN

von Elke Rüdiger

, 30.08.2011, 15:02 Uhr / Lesedauer: 3 min
Damals noch Weihekandidaten, heute Kapläne: Thorsten Brüggemann (r.) - mit Christian Olding - kommt nach Haltern.

Damals noch Weihekandidaten, heute Kapläne: Thorsten Brüggemann (r.) - mit Christian Olding - kommt nach Haltern.

Ich bin guter Dinge, dass ich die volle „Kaplanszeit“ in Haltern verbringe. Über das, was nach den vier Jahren ansteht, denke ich noch nicht nach.

Eben weil ich „mitten im Leben“ stehe, kann ich mich für diesen Weg entscheiden. Ich empfinde ihn nicht als Weltflucht. Kein Rück-, sondern Auszug; mitten in diese Welt, mitten ins Leben der Menschen, die uns anvertraut sind. Das finde ich so reizvoll am priesterlichen Dienst: an den Knotenpunkten des Lebens dabei sein, Anteil nehmen, den Menschen in diesen Situationen von Gott erzählen und ihnen Gott bringen.

Also himmelhochjauchzende Reaktionen blieben am Anfang eher aus! Heute habe ich die volle Rückendeckung meiner Familie und auch von vielen Freunden. Aber Skepsis und Fragen helfen mir, nicht die Bodenhaftung zu verlieren, an den Fragen der Menschen dranzubleiben…

Ein Schrecken ist es nicht, aber eine Herausforderung. Wie es eben eine Herausforderung ist, die Ehe zu leben. Es ist nicht so, dass das Thema Zölibat mit der Priesterweihe abgeschlossen ist. Es ist auch nicht so, dass dieses Versprechen leichtfertig gegeben wird. Ich hatte viele Jahre Zeit, mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Und natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich an meine Grenzen gekommen bin. Für mich steht die ehelose Lebensform auch für ein gläubiges Sich-Verlassen auf Gott; als ein Zeichen dafür, dass auch weiterhin mit Gott zu rechnen ist.

Es gab viele Fragen auf meinem Weg. Die wird es hoffentlich weiter geben, sie halten mich lebendig. Stichworte wie „Priestermangel“, „Gläubigenmangel“, „immer dünnere Finanzdecke“, „Fusionen“, „Missbrauchsskandal“, „Zölibat“ usw. lassen in mir schon manchmal die Frage hochkommen, auf welche Wirklichkeit ich mich überhaupt einlasse als Priester. Es gab natürlich Momente der Enttäuschungen, Verletzungen, Krisen, des Allein- und Einsamseins auf meinem Weg. Da ist es gut, wenn man Freunde hat – und auch einen geistlichen Begleiter.

Bewegt hat mich eine Sehnsucht. Zunächst war ich zutiefst verunsichert und sehr ablehnend dem Gedanken gegenüber, Priester zu werden. Ich habe dann Gespräche mit guten Freund(inn)en geführt und gemeinsam, auch mit Priestern, darum gerungen, ob es ernst sein kann, mit diesem Gefühl, das sich immer mehr zu einer Sehnsucht entwickelte. Eben zu einer Sehnsucht, die mir sagte, dass es da noch mehr gibt, als all das, was ich bisher erlebt habe: Liebe in der Familie, guter sozialer Status, Beziehung... Gottes An-Ruf hat mich ziemlich heraus gerissen aus meinen bisherigen alltäglichen Bezügen. Aber so ist Gott: er spricht an und ruft heraus – und der Mensch, Ich, darf sich an-gesprochen und heraus-gerufen fühlen.

Meinen Dienst als Seelsorger tue ich als Priester. Ein Dienst des Herausgerufenen, als eine wesentliche Dimension der Kirche in Gemeinsamkeit mit allen Getauften, Menschen in schwierigen Situationen, in Ab- und Umbrüchen des Lebens, auf Gottes bleibende Gegenwart hinzuweisen, an sein Da-sein zu erinnern, um deutlich zu machen: Gottes Handeln geht weiter. Denn: „Wir sind Diener eurer Freude“. Mein Motto für meinen priesterlichen Dienst. Das ist nicht einfach Romantik. Diese Freude ist erfüllt von einer tiefen Hoffnung, die im Geschehen der Auferstehung gründet.

Die Innenstadt und die umliegenden Dörfer sind mir noch nicht so vertraut. Aber was ich beim ersten Besuch in Haltern gesehen habe, hat mir gut gefallen. Der erste Eindruck hat sich bestätigt.

Ich bin offen für Neues. Offenheit und Ernsthaftigkeit in der Seelsorge haben für mich etwas damit zu tun, mitten in der Welt zu leben und zu sein. Sich also den Fragen der Menschen zu stellen, sie ernst zu nehmen und gemeinsam eine Antwort zu suchen – aber sich auch einzugestehen, dass es nicht immer Antworten gibt. Manchmal denke ich aber auch, dass wir als Kirche der Versuchung erliegen, Antworten auf Fragen zu geben, die keiner gestellt hat.

Ich glaube, es wäre ziemlich blauäugig, wenn es bei einer Zusammenlegung von so vielen Pfarreien zu einer großen Pfarrei, nicht auch Probleme oder Schwierigkeiten gibt. Aber ich habe keine Angst davor. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich wenig von Zahlen beeindrucken lasse. Wir schauen manchmal viel zu oft auf die „nackten“ Zahlen. Mir ist es wichtiger, auf die Menschen zu schauen, die kommen und Interesse haben, Christsein in Haltern am See zu leben. Darauf freue ich mich! Ich denke, es wird eine große Herausforderung sein, in der neuen Pfarrei die Seelsorge zu leben (nicht nur zu organisieren!!).

Ein offenes und ehrliches Miteinander im Glauben und im Leben!

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