Die Kinder- und Jugendpsychiatrie steht vor neuen Herausforderungen (Symbolbild). © picture alliance / dpa

Triage in Kinder- und Jugendpsychiatrien? LWL-Klinik: „Fake News“

Kinder- und Jugendpsychiatrien seien wegen Corona derart überfüllt, dass bei Neuaufnahmen inzwischen eine Triage stattfinde. Die LWL-Klinik in der Haard widerspricht: „Wir sind erschüttert“.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnt: Kinder- und Jugendpsychiatrien seien derart überfüllt, dass bei Neuaufnahmen inzwischen eine Triage stattfinden müsse. „Wer nicht suizidgefährdet ist und nur eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen“, ist in dem Zusammenhang wohl eine der krassesten Aussagen von Jakob Maske, Verbandschef beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVJK).

Sorgt mit seinen Aussagen in der LWL-Klinik für Aufsehen: Jakob Maske, Kinderarzt und Sprecher beim Verband der Kinder- und Jugendärzte in Berlin.
Sorgt mit seinen Aussagen in der LWL-Klinik für Aufsehen: Jakob Maske, Kinderarzt und Sprecher beim Verband der Kinder- und Jugendärzte in Berlin. © picture alliance/dpa/Jakob Maske © picture alliance/dpa/Jakob Maske

Als Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Haard das las, war er – wie man so schön flapsig sagt – erst einmal „gebügelt angesichts der Fake News. Wir Mediziner sind erschüttert angesichts der vielen falschen und oft auch polemischen Nachrichten“, sagte er gegenüber der Halterner Zeitung und bemühte sich um Versachlichung.

Von Triage kann keine Rede sein

Die wichtigste Botschaft vorab: „Wir können alle Patienten, die uns vorgestellt werden und akuten Behandlungsbedarf haben, stationär aufnehmen. Egal welchen Alters.“ Von einer Triage könne nicht die Rede sein.

Natürlich kritisiere der BVKJ zu Recht, dass Kinder und Jugendliche seit Beginn der Pandemie vernachlässigt und die Folgen nun immer sichtbarer würden, so Haas, aber Triage bedeute etwas anderes: Von einer Triage bei ärztlichen Behandlungen spricht man, wenn es derart viele schwer erkrankte Patienten gibt, dass nicht mehr alle behandelt werden können.

Dann entscheiden Ärzte aufgrund der Heilungs- oder Überlebenschancen, wer zuerst therapiert wird. Im schlimmsten Fall bedeutet das für diejenigen, die zu spät oder gar nicht an der Reihe sind, dass sie nicht überleben.

Krisenpatienten werden sofort aufgenommen

Übertragbar sei das laut Haas nicht auf die Situation in den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken. Denn die Pflichtversorgung beziehe sich nicht nur auf die Suizidalität, sondern auf viele andere Krankheitsbilder. Und hier gilt es ganz klar zu unterschieden zwischen sogenannten Krisenpatienten mit akutem Behandlungsbedarf, die sofort stationär aufgenommen und, sobald sie sich stabilisiert haben, wieder entlassen werden.

Das könne zwei Tage dauern oder auch zwei Wochen. Und zwischen geplanten Aufnahmen, bei denen je nach Störungsbild mit unterschiedlichen Wartezeiten zu rechnen sei. Aber: „Das hat überhaupt nichts mit Corona zu tun.“

Lockdown reduziert Angstauslöser wie Schule und Mobbing

Bisher sei es vielmehr umgekehrt der Fall gewesen, dass die Wartezeiten zuletzt verkürzt waren, weil insbesondere bei Kindern weniger Aufnahmen zu verzeichnen waren. Aus gutem Grund: In der LWL-Klinik in der Haard etwa bestehe das Klientel vorrangig aus Kindern ab sieben, acht Jahren, also aus Schulkindern, die überwiegend unter Angststörungen litten.

Angst auslösende Situationen wie schlechte Noten, Prüfungssorgen oder schwierige soziale Kontakte mit Mobbing wurden durch die Lockdowns aber eher ausgeschaltet. Leistungsabfragen wurden verschoben, Anforderungen reduziert oder zumindest nicht überprüft. Das sei für viele zunächst cool gewesen.

Zwangspatienten und Magersüchtige werden mehr

Seit sechs Wochen allerdings wende sich das Blatt: „Zwangspatienten und Magersüchtige haben bei den Jugendlichen deutlich zugenommen“, so Haas. Er erklärt das so: Jugendliche Entwicklung könne durch Interaktion stattfinden. Und die war bisher ausgebremst.

Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Haard
Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Haard © LWL © LWL

„Irgendwann geht nun dieser Zustand nicht mehr, da brechen gerade alle Kompensationsmechanismen zusammen“, sagt der Experte. „Wir sehen Ausprägungen und Symptome, wie wir sie noch nie erlebt haben. Viele sind so antriebslos, dass sie vernachlässigt wie Kasper Hauser wirken. Das ist ausdrücklich kein Vorwurf an die Eltern. Das liegt an den fehlenden Außenkontakten.“ Ein innerer Leidensdruck, der nicht durch Schule entsteht, breche jetzt durch.

Rund um die Uhr im Einsatz

Auch diejenigen, die auf feste Strukturen durch Präsenzunterricht angewiesen sind und ohne ihn diese fixen Abläufe nicht haben, versuchen vermehrt, die Situation unter Kontrolle zu bringen, indem sie etwa exzessiv Sport treiben oder hungern – in einem Maße, dass Depressionen oder Magersucht vorprogrammiert seien.

Haas: „Wir gehen davon aus, dass das noch zunimmt und wir derzeit noch nicht alles sehen.“ Was tatsächlich dazu führe, dass beispielsweise Anorexie-Betroffene bisher zeitnah aufgenommen wurden, weil es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelt.

Doch jetzt versuche man mitunter, die stationäre Aufnahme zwei, drei Wochen in die Länge zu ziehen. Also doch Triage? Entschiedenes Nein! „Das ist in der Relation bei Weitem etwas ganz anderes. Wenn jemand gefährdet ist, nehmen wir ihn sofort auf. Wer warten kann, bei dem verlängert sich die Wartezeit möglicherweise.“ Ein bundesweites Phänomen übrigens. Zumindest für die LWL-Klinik gilt: „Es können sich alle an uns wenden, ohne Angst haben zu müssen, nicht versorgt zu werden. Wir sind 24 Stunden sieben Tage die Woche im Einsatz.“

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