Cristian Socarici aus Rumänien freut sich sehr über die Weihnachtsüberraschung, die Marlene und Gerburgis Sommer ihm überreichen. © Gerburgis Sommer
Aktion

Überraschung für Fernfahrer: „Ihm stiegen Tränen in die Augen“

Für einige Tausend Fernfahrer waren die Weihnachtstage besonders hart. Sie hingen fern ihrer Familien auf Raststätten fest. Das Netzwerk „Brücken bauen“ hat 25 von ihnen an den Raststätten der A43 überrascht.

Als meine Tochter und ich dem Fahrer eines dänischen Kühltransporters auf dem Rastplatz Hohe Mark West durch die Fahrertür zuwinken, wirkt er überrascht. Seine Augen werden noch größer, als wir ihm frohe Weihnachten wünschen und einen Beutel überreichen. Gefüllt ist dieser mit Obst, Wurst, Spekulatius, Schokolade, einer Flasche Bier, Shampoo, einem kleinen Wichtel und einem Weihnachtsgruß. Da steigen dem Mann, der um die 50 Jahre alt ist, die Tränen in die Augen.

Monatelang unterwegs, ohne die Familie zu sehen

Er bedeutet uns, zu warten, steigt aus und beginnt zu erzählen. Von gebrochen gesprochenem Englisch wechselt die Kommunikation schnell aufs Handy. Mit dem Übersetzungsprogramm können wir uns mit Cristian Socarici, der aus Rumänien kommt, verständigen. Auf meine Frage, wann er wieder zuhause sei, erscheint auf dem Display: „Im April.“

Ich denke an einen Übersetzungsfehler, doch Cristian Socarici schüttelt mit dem Kopf. Vor zwei Wochen sei er zu seiner Rundtour über Dänemark, Schweden, Finnland, Niederlande, Frankreich, die Schweiz und Österreich aufgebrochen. Wenn er die abgeschlossen habe, könne er endlich nach Hause. Dort habe er Familie, seine beiden Söhne seien Priester.

„Ich mache das für Geld, um mein Haus fertigzustellen. Ich verdiene hier viel mehr, als in Rumänien; 2000 Euro im Monat“, so der Fernfahrer. Dann sagt er noch, die Toiletten und Duschen seien hier gut. Er führt uns um sein Führerhaus herum und zeigt uns die Satellitenanlage, die er an der Seite montiert hat. Weihnachten verbringe er mit Fernsehen und Telefonieren, insgesamt vier Tage auf der Raststätte.

Idee aus dem Radio

Den Anstoß für die Aktion in Haltern gab ein Radiobericht am 2. Advent im SWR über die Situation der LKW-Fahrer an Weihnachten und einen Verein, der sie beschenkte. So entstand die Idee, vor Ort zu schauen, zumal in diesem Jahr erschwerend hinzukam, dass die Raststätten corona-bedingt schließen mussten. Lediglich die sanitären Anlagen und der Tankstellenshop dürfen geöffnet bleiben. Ralf Pier, Inhaber der Raststätten Hohe Mark West und -Ost, erfuhr am Telefon von der Aktion: „Die Idee ist Bombe! Aber ich kann nur grob schätzen, dass zwischen zehn und 25 LKWs an Weihnachten da sein werden.“

Netzwerk „Brücken bauen“

Auf der Suche nach Mitstreitern und finanziellen Mitteln lernte ich das Netzwerk „Brücken bauen“ kennen. Thomas Knuth und Gitta Kiehle haben es im Herbst 2019 gegründet, um Menschen in Haltern finanziell oder mit Sachmitteln zu unterstützen. „Oftmals reicht ein ‚Anpacken‘ völlig aus“, heißt es im Flyer. „Jede Mitbürgerin und jeder Mitbürger kann helfen und ist vielleicht selbst irgendwann auf Hilfe angewiesen“, beschreibt Thomas Knuth die Intention des Netzwerks, das über eine Whatsapp-Gruppe läuft. Hier versammeln sich rund 50 Menschen, darunter Mitglieder der Kirchen, der Bürgerstiftung und Ehrenamtsagentur, Kaufleute und weitere engagierte Ehrenamtliche.

Die Beutel wurden gefüllt mit Geld- und Sachspenden.
Die Beutel wurden gefüllt mit Geld- und Sachspenden von Hof Hagedorn, Cordula Friedrich, Backhaus Wehren, Jupp unner de Böcken, Edeka Bleise, Fahrschule Brüggemann, Lions-Club, Freie Gemeinde Wendepunkt, Evangelische Kirchengemeinde und die Stadtagentur Haltern am See. © Gerburgis Sommer © Gerburgis Sommer

Für mich war das Netzwerk eine Offenbarung. Noch bevor ich die Idee der Weihnachtsüberraschung in der Gruppe veröffentlichte, hatten Thomas Knuth und Reiner Wille Bäcker, Kaufleute, Direktvermarkter und Bierbrauer angesprochen. Überwältigend schnell und großzügig füllten sich die von der Stadtagentur kostenlos zur Verfügung gestellten Zugbeutel mit Haltern-Motiv. Weitere Geldspenden wurden für den Kauf von Shampoo, Apfelsinen und Weihnachtswichtel eingesetzt.

Viele Fahrer aus Osteuropa

18 Beutel verteilen wir an den Lavesumer Raststätten, die restlichen sieben in Dülmen-Rödder und am Autohof in Senden. Nicht immer treffen wir die Fahrer an. Viele haben ihre Vorhänge zugezogen und schlafen vielleicht. In diesen Fällen deponieren wir die Beutel gut verpackt in der Nähe der Fahrertüren. Viele der LKW führen westeuropäische Kennzeichen, doch die Fahrer stammen allesamt aus Osteuropa. „Nicht so weit weg, nur 2000 Kilometer“, witzelt einer, der in Moldawien zuhause ist. Andere leben in Weißrussland, Russland, Ukraine, Polen, Bulgarien und Rumänien. Einige Fahrer sind auch misstrauisch, lehnen das Geschenk zunächst ab, weil sie denken, sie sollten dafür bezahlen.

Netzwerk „Brücken bauen“

Wer dem Netzwerk beitreten möchte, kann sich bei den Initiatoren informieren:

Gitta Kiehle; g.kiehle@diakonie-kreis-re.de; Tel. 0157-56303031; Thomas Knuth,

thomas.knuth52@gmail.com; 0151-535674544

Wie groß die Freude ist, wenn sie erst einmal verstanden haben, dass es ein Geschenk ist, zeigt die Reaktion eines Bulgaren. Er packt die Leckereien direkt aus und platziert sie in seinem Führerhaus vor der Scheibe, um sie zu fotografieren. Dann steigt er noch einmal aus und bietet uns Waffeln an „Beste der Welt – aus Bulgarien“, sagt er. Ein anderer Fahrer lässt es sich nicht nehmen, uns eine Flasche russischen Sekt zu überreichen. Aber das Schönste ist für uns an diesem Weihnachtstag die Freude auf den Gesichtern der Männer.

Auf dem Rückweg schließt sich dann der Kreis. Im Radio hören wir einen Bericht über einen Verein in Wenden, der seit sechs Jahren LKW-Fahrer an der A4 und A45 zum Weihnachtsfrühstück in der Raststätte einlädt. Das ist auch eine gute Idee, vielleicht für Weihnachten 2021 – ohne Corona!

Ahaus, Heek und Legden am Abend

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