Verdienstausfälle und Storno-Ärger: Reisebüros sehen „kein Land mehr“

mlzReisebüros und Corona

Den Halterner Reisebüros steht das Wasser bis zum Hals. Staatliche Hilfen reichen nicht. Und die aktuellen Reise-Lockerungen bescheren ihnen statt neuer Buchungen mitunter auch Ärger.

Haltern

, 14.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Reisewarnung für die meisten europäischen Länder ist aufgehoben. Ab dem 15. Juni sind Reisen innerhalb Europas grundsätzlich wieder möglich. An der Situation der Reisebüros wird dies jedoch erst mal nichts ändern. Auch in den nächsten Monaten erwarten die Reise-Kaufleute keinen Ansturm buchungsfreudiger Bürger. Stattdessen bereitet ihnen die Reise-Lockerung sogar noch zusätzliche Probleme, da sie eine gewaltige Verunsicherung bei den Kunden bewirkt. Erste Anlaufstelle für Fragen und manchmal auch Frust sind die Experten in den Reisebüros.

Hohe Verluste, viele Stornierungen, kaum Umbuchungen

„Wir haben seit März sehr hohe Verluste“, sagt Gaby Langenkämper. Der Berufsalltag der Inhaberin des City Reisebüros ist geprägt von Reise-Stornierungen und wenigen Umbuchungen in das Jahr 2021. „Bis heute arbeiten wir an der Rückabwicklung gebuchter Reisen und es ist kein Ende in Sicht.“ Eine Entlohnung für diese sehr zeitintensive Arbeit gebe es seitens der Veranstalter nicht. Besonders schmerzhaft dabei: Die Provisionen, die die Reiseveranstalter bereits vorab für eine Buchung gezahlt hatten, müssen wieder zurückerstattet werden. Langenkämper kritisiert: „Wir müssen Verdientes wieder zurückzahlen.“ Das sei eine besondere und außergewöhnliche Situation - „da bekommt man schon eher Frust als Lust“.

Kritik an Hilfsprogrammen

Die Soforthilfe sei schnell verpufft. Und wieder nicht reichen werde die Hilfe durch das jetzt beschlossene Konjunkturpaket, ist Gaby Langenkämper sicher. Mit der letzte Woche beschlossenen Hilfe sollen den Reisebüros die Betriebskosten für drei Monate bis August erstatten werden. „Die Laufzeit dieser Überbrückungshilfen wird auch vom Deutschen Reiseverband bemängelt, weil die Krise der Reisewirtschaft im August definitiv nicht überwunden sein wird“, betont die Reisekauffrau.

Stornierung nicht mehr automatisch kostenlos


Reise-Stornierungen sind mit der zunehmenden Öffnung der europäischen Grenzen nicht mehr automatisch kostenlos. Wer bislang in Europa seinen Urlaub geplant hatte, wegen der Corona-Krise aber stornieren wollte, konnte sich auf die Reisewarnung des Auswärtigen Amts berufen. Diese begründete meistens sogenannte unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände, die die Reise erheblich beeinträchtigen oder sogar unmöglich machen. Unvermeidbar und außergewöhnlich sind die Umstände, wenn sie nicht der Kontrolle des Reisenden unterliegen.

Außerdem gebe es so gut wie keine neuen Buchungen. Die Kunden seien zurückhaltend, da niemand wisse, wie lange man es noch mit dem Virus zu tun habe. „Kunden, die ihre Flugreisen jetzt noch umbuchen, möchten in Deutschland oder Österreich Urlaub machen“, weiß Langenkämper. Das Angebot sei aber äußerst begrenzt.

Neuer Ärger wegen Stornokosten

Wer verreist, muss zudem mit spürbaren Einschränkungen rechnen. „Viele Leistungen können derzeit in den Urlaubsgebieten nicht erbracht werden“, erklärt Britta Rauter von der Reiseecke in Sythen. Aufgrund der Corona-Sicherheitsbestimmungen gebe es beispielsweise in den Hotels keine Buffets, Animationsprogramme fänden oft nicht statt, Pools dürften nur begrenzt benutzt werden. „Für Leute, die viel Geld für ihren Urlaub bezahlt haben, ist das ärgerlich.“ Für den Frust der Kunden hat Britta Rauter großes Verständnis. „Es ist absolut nachvollziehbar, dass viele Menschen aktuell nicht verreisen wollen und ihre Reise stornieren.“

Und damit geht der Ärger weiter. Denn die Stornierung ist aufgrund der Aufhebung der Reisewarnung des Auswärtigen Amts nicht mehr kostenfrei. „Im Moment ändern sich die Bedingungen beinahe täglich“, erklärt Angelika Schmäing vom Reisebüro Haltern. Viele Reiseveranstalter böten derzeit noch eine kostenlose Umbuchung oder Reisegutscheine an. „Das sind aber Angebote aus Kulanz“, so Schmäing. Die Regelung gelte für fast alle Pauschalreisen bis Mitte Juli. Danach werden dann wohl in vielen Fällen wieder die vollen Stornogebühren berechnet.

„Konjunkturpaket ist ein Ansatz, der nicht umfangreich genug ist“

„Es war sehr unglücklich, die Reisewarnung aufzuheben“, kritisiert Britta Rauter. Die Kunden seien verunsichert, was das konkret bedeute. „Die Menschen brauchen mehr Zeit, um sich zu überlegen, ob und wie sie in naher Zukunft reisen wollen“, hat Angelika Schmäing beobachtet. „Es herrscht eine riesengroße Verunsicherung“, betont auch Gaby Langenkämper. Auch bei den Reisebüros. Denn die hätten jetzt eigentlich Hochsaison. Von dem Konjunkturpaket jedenfalls verspricht sich Britta Rauter „nicht mehr viel“. Angelika Schmäing ist sicher: „Es ist ein Ansatz, der nicht umfangreich genug ist.“

Überwiegend ab 15. Juni

Reisewarnung für 31 europäische Länder entfällt

Für 31 europäische Länder soll die Reisewarnung nun wieder aufgehoben werden. Dazu zählen die 26 Partnerländer Deutschlands in der Europäischen Union, das gerade aus der EU ausgetretene Großbritannien und die vier Staaten des grenzkontrollfreien Schengenraums, die nicht Mitglied in der EU sind: Island, Norwegen, die Schweiz und Liechtenstein. Für 29 Länder erfolgt die Aufhebung am 15. Juni, für Spanien und Norwegen erst später.
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