Vor über 100 Jahren wütete die Spanische Grippe in Haltern

mlzGrippe-Pandemie

Die große Pandemie von 1918 hat mehr Menschen getötet als der Erste Weltkrieg. Über Soldaten und Gefangene breitete sich die Spanische Grippe weltweit aus - und kam auch nach Haltern.

Haltern

, 11.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie hat mehr Todesopfer gefordert als der Erste Weltkrieg: An der Spanischen Grippe sind in den Jahren 1918/1919 weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen gestorben. Auf dem Höhepunkt der Grippewelle im Oktober 1918 sollen Hundertausende nahezu zeitgleich zwischen Alaska, New York, San Francisco, Berlin, Zürich, Madrid und Bombay - mehrheitlich Jüngere im Alter von 20 bis 40 Jahren - einen qualvollen Tod gestorben sein.

Der Recklinghäuser Historiker und Leiter des Stadtarchivs, Dr. Matthias Kordes, nennt die Spanische Grippe ein „archivisch nur schwer greifbares Phänomen“.

In einem Aufsatz für die Vestische Zeitschrift 2006/2007 schreibt er, dass im Stadtarchiv Recklinghausen Viehseuchen des 19. Jahrhunderts besser dokumentiert seien als die große Grippe. In der Rückschau sei in ganz Mitteleuropa der weitgehende Verlust an Überlieferung und Erinnerung an die Pandemie besonders stark zu bemerken, so Kordes.

In Haltern sieht es nicht anders aus, sagt Stadtarchivar Gregor Husmann, der für die Halterner Zeitung auf Quellensuche gegangen ist. Er hat dennoch Überraschendes herausgefunden.

Kriegsgefangene im Bergbau eingesetzt

Im Juli 1918 breitete sich das Virus in den deutschen Großstädten und Ballungsgebieten, darunter das Ruhrgebiet, aus. Heimaturlauber, Verwundete, aber auch die vielen Kriegsgefangenen werden hierbei als die entscheidenden Multiplikatoren angesehen. Im Ruhrbergbau kamen ab Mai/Juni 1918 zum Beispiel etwa 10.000 weitere Kriegsgefangene zum Einsatz.

Spanische Grippe wütete im Sythener Lager

Eines dieser Kriegsgefangenenlager stand in der Sythener Mark bei Hausdülmen. In dem im Winter 1914/15 eingerichteten Lager waren während des gesamten Ersten Weltkriegs etwa 10.000 Kriegsgefangene – vor allem Franzosen, Belgier, Briten und Russen – untergebracht. Bis zu 9973 Gefangene waren zu Spitzenzeiten auf dem Gelände untergebracht. Sie lebten in 78 Holzbaracken mit den Maßen 10 mal 30 Meter. Das Lager bildete eine Stadt für sich. Es gab unter anderem weitere Wirtschaftsgebäude, eine Isolierbaracke, ein Lazarett mit Chirurgie und sogar ein Theater und eine Bücherei. Im Theater fanden 600 Zuschauer Platz.

Die letzten Insassen verließen das Lager erst 1919.

Die letzten Insassen verließen das Lager erst 1919. © Archiv Uli Backmann

Zwischen dem 12. und 30. Oktober 1918 starben 21 Männer im Lager laut Totenschein an der Grippe, wie Gregor Husmann in den Sterbeverzeichnissen dieses Jahres recherchiert hat. Täglich bis zu drei junge Männer rafft das Virus dahin. Bis in den Juli 1919 sind insgesamt 48 Männer ursächlich an der Grippe verstorben.

Bei 37 weiteren lautete die Todesursache Lungenentzündung, zum Teil kombiniert mit Grippe. Fünf starben an Lungenödemen oder -emphysemen, 24 an, wie es heißt, Lungen-Tuberkulose. Lungen- und Rippenfellentzündungen (auch eine häufige Todesursache im Lager) sind oft Folgekrankheiten der Grippe. Bereits im Juli 1918 sterben sieben Männer an Lungenentzündung oder Lungen-Tuberkulose.

Die verstorbenen Kriegsgefangenen aus dem Lager zwischen Sythen und Dülmen fanden auf dem Hausdülmener Friedhof ihre letzte Ruhe.

Die verstorbenen Kriegsgefangenen aus dem Lager zwischen Sythen und Dülmen fanden auf dem Hausdülmener Friedhof ihre letzte Ruhe. © Archiv Dülmener Zeitung

Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei vielen die Lungenentzündung als Todesursache genannt wird. „Auch bei Franz Kafka, einer der bekanntesten Persönlichkeiten, die an der Spanischen Grippe erkrankten, dachte man zunächst an eine Lungenentzündung“, so Stadtarchivar Gregor Husmann. Die Erkrankung begann mit Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen und endete für viele mit einer begleitenden bakteriellen Lungenentzündung und dem Tod wenige Tage später.

Erinnerungen eines Kriegsgefangenen

Ob es sich bei der Grippe im Lager tatsächlich um die Spanische Grippe handelt, lässt sich im Nachhinein nicht mehr exakt feststellen, es scheint aber wahrscheinlich. Die Informationspolitik war zum Ende des Ersten Weltkrieges von Propaganda geprägt, auch die Zeitungen berichteten nur wenig bis gar nicht über diese Erkrankung. Gregor Husmann hat dahingehend keine Zeitzeugenberichte oder sonstige Quellen auftun können.

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Indizien, dass die Spanische Grippe in der Region angekommen war, liefern die Erinnerungen eines ehemaligen britischen Kriegsgefangenen, der nach der Rückkehr nach Großbritannien seine Erlebnisse im Sythener Lager schilderte. Er wurde täglich mit anderen Gefangenen in eine Zeche nach Dortmund gefahren, wo er unter Tage schuftete.

„Die Deutschen nannten sie Spanische Grippe“

Während er aufgrund eines Unfalls im Bergbau in einem (vermutlich Dortmunder) Krankenhaus behandelt wird, schildert er, wie eine Krankheit grassierte, die die Deutschen „Spanische Grippe“ nannten. Er berichtet von einem russischen Patienten, der schließlich daran stirbt.

Die Bedingungen im Bergbau und in den Lagern boten Krankheitserregern optimale Verbreitungsmöglichkeiten: Enge, viele Menschen auf kleinem Raum, schlechte hygienische Zustände, geschwächte und mangelernährte Personen.

Im Stadtkreis Dortmund starben in der Woche vom 20. bis 26. Oktober 1918 332 Menschen, davon 228 an der Grippe. Als Folge dieser Erkrankungen wurden auch damals bereits Schulen und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen.

Die Halterner Bevölkerung war indes nicht so stark von der Spanischen Grippe betroffen: „Es ist keine Welle verbuchbar“, sagt Gregor Husmann. Einige jüngere Halterner starben im Oktober 1918 an Lungenentzündung, ob sie auch grippekrank waren, lässt sich schwer verifizieren. So blieb die Grippewelle auf das Lager beschränkt.

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