Weg von der Flimmerkiste

VELEN Franziska und Sophia sind ganz aufgeregt. Rennen zu ihrem Sportlehrer, ihre Urkunde in der Hand. Sie haben erfolgreich an der "Kraftolympiade" teilgenommen. Aber sie haben ein Problem: "Können wir eine Kopie bekommen? Wir sind doch zwei, sonst zanken wir uns."

von Von Irina Fernandes

, 07.01.2008, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Franziska (l.) und Sophia (r.) auf dem Kraft- und Haltungsparcours in der Turnhalle.

Franziska (l.) und Sophia (r.) auf dem Kraft- und Haltungsparcours in der Turnhalle.

Stolz sind die beiden Zweitklässlerinnen, dass sie in dieser Sportstunde an der Walburgisschule in Velen-Ramsdorf den Kraft- und Haltungsparcours gemeistert haben.

Dass sie sich wie ihre Klassenkameraden im Sitzen Bälle zugeworfen haben. Dass sie immer wieder über einen Stapel Schaumstoffmatten gesprungen sind. Dass sie gemeinsam den Schubkarrengang geschafft haben. All das in einem Pilotprojekt der Europäischen Union: "Gesunde Kinder in gesunden Kommunen" heißt es - und Velen ist das Versuchs-Kaninchen. Ab Mitte 2008 soll das auf vier Jahre angelegte Großprojekt in mehreren Kommunen in Deutschland und den Benelux-Ländern starten.

Pilot-Phase

In Velen läuft die Pilot-Phase bis zu den Osterferien, möglicherweise kann die Gemeinde auch am Großprojekt teilnehmen. Und das hat tatsächlich Großes vor: Kinder sollen zu mehr Bewegung und einer gesünderen Ernährung angehalten werden. "In Zeiten, in denen Kinder schon früh übergewichtig sind und zu lange vor der Flimmerkiste sitzen, wollen wir mit dieser Aktion die Trendwende schaffen", zeigt sich Bürgermeister Ralf Groß-Holtick optimistisch.

In Zusammenarbeit mit der Europäischen Akademie des Sports, der Universität Duisburg-Essen, Ernährungsberatern und einem örtlichen Rehabilitations-Zentrum haben die Lehrer zweier Velener Grundschulen Konzepte für mehr Bewegung und bessere Ernährung entwickelt. Dazu gehört auch, dass die Kinder in den Bäckereien gesunde Pausenbrote kaufen können. Vorher, im Sachunterricht, erfahren sie von ihrer Lehrerin und einer Ernährungsberaterin, was gesund ist und was nicht. Auch zwei Sportvereine beteiligen sich an der Aktion: Sie sollen die Schüler am Nachmittag verstärkt in die Sporthallen locken.

Die meiste Bewegung findet jedoch in den Turnhallen der beiden Grundschulen statt. An der Walburgisschule haben die Schüler der 2b Sportunterricht, wie ihn das Projekt vorsieht - in der 2c dagegen nach Lehrplan. In der 2b sind die drei wöchentlichen Sportstunden genau eingeteilt: In einer Stunde wird Kraft, Ausdauer und Koordination trainiert, in einer zweiten stehen Spiele im Mittelpunkt, und in der dritten kümmern sich Physiotherapeuten und Gymnastiklehrer aus dem Reha-Zentrum verstärkt um die Defizite der Schüler.

Vergleich

Nach den Osterferien werden die sportlichen Leistungsstände der beiden Klassen miteinander verglichen - dann wird deutlich werden, ob das neu erarbeitete Konzept dem Lehrplan überlegen ist. "Wir sind gespannt, ob unser Engagement etwas bringt", sagt Sportlehrer Heiko Rauenschwender. Er ist sich sicher: "Alles, was mit Bewegungs- und Ernährungserziehung zu tun hat, ist sinnvoll." Auch Schulleiter Peter Zyla sieht das so: "Wir sind mit diesem Projekt auf dem richtigen Weg."

Franziska und Sophia finden den Sportunterricht noch spannender als vorher. Vor allem freuen sie sich über ihre Urkunden - egal, ob echt oder kopiert.

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