Wenn Doktorspiele zu weit gehen: Jugendamt organisiert Präventionstag für Erzieherinnen

mlzHalterner Kitas

Wann ist ein Doktorspiel unter Kindern harmlos, wann ist es ein Übergriff? Dazu hat das Jugendamt Haltern eine Veranstaltung für Erzieherinnen organisiert - mit einer prominenten Referentin.

Haltern

, 22.01.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ursula Enders von Zartbitter e.V. war auf Einladung von Kathrin Uhlenbrock vom Fachbereich Familie und Jugend am 22. Januar (Mittwoch) nach Haltern in die Seestadthalle gekommen, um einen ganzen Tag lang Erzieherinnen von Halterner Kitas zum Thema „Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe?!“ zu schulen.

Mit Vorträgen, Arbeitsgruppen und einem Theaterstück wurden sie für das Thema sensibilisiert. Über 230 Erzieherinnen aus allen 19 Halterner Kitas waren der Einladung gefolgt - daher blieben am Mittwoch die Einrichtungen geschlossen.

Wenn Doktorspiele zu weit gehen: Jugendamt organisiert Präventionstag für Erzieherinnen

Das Jugendamt hatte alle Erzieherinnen der Halterner Kitas zu einer Fachtagung in die Seestadthalle eingeladen. Mehr als 230 Erzieherinnen nahmen teil. © Ilka Bärwald

Die Diplom-Pädagogin, Traumatherapeutin und Autorin von Fach- und Bilderbüchern engagiert sich seit Jahren für den Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt. Sie ist Mitbegründerin der Kölner Kontakt- und Informationsstelle Zartbitter e.V. gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Sie hat schon Mitte der 90er-Jahre ein Bilderbuch zum Thema sexuelle Übergriffe unter Kindern herausgebracht. Das Problembewusstsein sei seitdem stetig gestiegen.

Wenn Doktorspiele zu weit gehen: Jugendamt organisiert Präventionstag für Erzieherinnen

Imke Schreiber von Zartbitter e.V. präsentierte ihr Ein-Personen-Theaterstück "Sina und Tim spielen Doktor", ein Präventionstheater gegen sexuelle Übergiffe durch Kinder im Vorschulalter. © Ilka Bärwald

„Kinder wollen sich ausprobieren“, so Enders. Dazu gehörten auch „Doktorspiele“. Dabei komme es manchmal vor, dass Kinder Gegenstände in Vagina oder Po einführten. „Die meisten erschrecken dann, wenn es weh tut“, sagt Ursula Enders. Wenn ein Kind trotz Ermahnungen damit nicht aufhöre, und anderen Kindern wehtue, müsse man von einem sexuellen Übergriff sprechen. So etwas käme aber in vielen Kindertagesstätten vor. „Selbst die bestgeschützte Kita ist davor nicht gefeit“, sagt Ursula Enders.

Ruhig und besonnen reagieren

Erwachsene, Eltern wie Erzieher, müssten ruhig und besonnen auf solche Vorfälle reagieren, sie „nicht bagatellisieren“. Mit der Veranstaltung wolle man den Erziehern Anleitungen geben, wie sie damit umgehen. Prävention sei dabei das Wichtigste. „In vielen Kölner Kitas haben die Kinder ein Codewort gelernt, dass sie im Ernstfall aussprechen. „Stopp Möhrensalat“, heißt „Ich will das nicht, hör damit auf“.

Thema wird in der Ausbildung kaum berücksichtigt

Ursula Enders bemängelt, dass in der Ausbildung zur Erzieherin der Umgang mit Doktorspielen und sexuellen Übergriffen kaum thematisiert werde. Die Fachwelt habe bisher kaum Konzepte zum Umgang mit solchen Vorfällen. Daher war sie voll des Lobes für die vom Fachbereich organisierte Veranstaltung.

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„Das ist schon vorbildlich, wenn eine Stadt dabei voran geht.“ Erzieher und Erzieherinnen müssen untereinander den Dialog üben, betont Ursula Enders. Menschen würden Situationen oft unterschiedlich einordnen. Mit der Fachtagung bekämen die Teilnehmer so ein einheitliches Grundwissen vermittelt.

Übergriffige Kinder brauchen therapeutische Hilfe

Aber: „Wird ein Kind wiederholt übergriffig, kann das mit pädagogischen Konzepten in der Kita nicht gelöst werden.“ Diese Kinder bräuchten außerhalb therapeutische Hilfe. Sie seien oftmals selbst Opfer von sexuellen Übergriffen geworden, spielten das Erlebte nach. „Das kann durch Freunde geschehen sein, aber auch im Ferienlager oder zum Beispiel durch Cousins“, hat Enders beobachtet.

Man dürfe nicht den Fehler machen, die Eltern dieser Kinder zu stigmatisieren und ihnen die Schuld für das Verhalten der Kinder anzulasten. Opfer von Übergriffen verarbeiteten in vielen Fällen nach dem ersten Schock diese Erlebnisse meist ohne Langzeitfolgen, vorausgesetzt, es werde ihnen geglaubt und sie werden vor weiteren Übergriffen geschützt.

Vorfälle in Hullern kein Anlass für Veranstaltung, sagt die Stadt

Die im vergangenen Jahr bekannt gewordenen Übergriffe unter Kindern in einer Hullerner Kita seien nicht der Anlass für die Veranstaltung gewesen, sagte Kathrin Uhlenbrock vom Fachbereich Familie und Kinder in Haltern. Erzieher und Erzieherinnen in Kitas seien immer mal wieder mit dem Thema konfrontiert. Daher habe man Ursula Enders kontaktiert.

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