Wenn junge Halterner auffällig werden: LWL-Klinik und Jugendamt arbeiten nun eng zusammen

Kooperationsvertrag

Die Zahl psychischer Störungen bei Kindern in Haltern steigt. Familien geraten dann oft aus dem Gleichgewicht. Das Halterner Jugendamt und die LWL-Klinik bauen nun ihre Kooperation aus.

Haltern

, 15.09.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wenn junge Halterner auffällig werden: LWL-Klinik und Jugendamt arbeiten nun eng zusammen

Klaus-Jürgen Miegel (l./Jugendamt) und Dr. Rüdiger Haas (LWL-Klinik) besiegelten die neue Kooperation. © Ingrid Wielens

Immer mehr Eltern in Haltern sind überfordert, weil ihr Kind beispielsweise spielsüchtig, drogenabhängig, gewalttätig oder Schulverweigerer ist. Weil Jugendliche immer häufiger auf die „schiefe Bahn geraten“, werden auch immer öfter erzieherische Hilfen des Jugendamts in Anspruch genommen. Auch der Behandlungsbedarf von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen ist stark angestiegen. Ganz zu schweigen von der Zahl der Notfälle - wenn die Krise sich in einer Familie zugespitzt hat. „Man muss dann sofort reagieren“, sagt Klaus-Jürgen Miegel vom Jugendamt. Entscheiden, ob dem jungen Menschen mit einem Helfer des Jugendamtes (Erziehungsbeistandsschaft), einer Psychotherapie oder anderen ambulanten Jugendhilfemaßnahmen geholfen werden kann. Oder ob er stationär eingewiesen werden muss.

Handlungsrahmen wird vorgegeben

Das Halterner Jugendamt und die Kinder- und Jugendpsychiatrie der LWL-Klinik in der Haard arbeiten hier schon seit Jahren eng zusammen. Um diese Kooperation noch effektiver zu gestalten, haben beide Parteien jetzt einen Vertrag unterzeichnet. Bislang, sagt Klaus-Jürgen Miegel, sei die Bedeutung der kooperativen Versorgung über die Systeme hinweg zwar von allen Fachkräften anerkannt worden. „Das Zusammenwirken in der Praxis dagegen war nicht immer einfach.“ Es sei von einzelnen Mitarbeitern abhängig gewesen, wie gut oder schlecht die Kooperation verlief. Das soll sich nun ändern.

Mit der neuen Kooperationsvereinbarung wird ein verbindlicher Handlungsrahmen im Sinne einer Qualitätsentwicklung geschaffen.

Dienste werden besser miteinander verzahnt

Dabei gilt stets „ambulant vor stationär“. Wird für einen jungen Menschen aus Haltern aber ein stationärer Aufenthalt in der Haard-Klinik notwendig, soll ab sofort schon in dieser Zeit zusammen mit der Jugendhilfe der Stadt über geeignete Hilfsmaßnahmen für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt beraten werden. „Auf diese Weise lassen sich Wartezeiten zwischen einzelnen Hilfemaßnahmen minimieren“, erklärte Dr. Rüdiger Haas.

Zahl der Akutfälle hat sich verdoppelt

Der Ärztliche Direktor der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie spricht von einem extremen Anstieg der sogenannten Akutsituationen in seinem Haus. Die Akutvorstellung von Patienten habe sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt: Mit 2000 Notfällen sehen sich die Experten in Marl jedes Jahr konfrontiert. 28 Tage beträgt die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten in der Klinik.

Haas und Miegel betonen aber auch, dass das auffällige Verhalten der jungen Menschen meistens nur ein Symptom sei. „Meistens stecken familiäre Probleme dahinter“, sagt Klaus-Jürgen Miegel. Wenn beispielsweise die Beziehung der Eltern gestört, von Gewalttätigkeit geprägt oder ein Elternteil alkoholkrank sei. Miegel: „Hier muss dann natürlich mit dem gesamten System gearbeitet werden.“

Regelmäßiger Austausch unter Experten

Die Fachleute von Jugendamt und Klinik kommen zudem alle sechs Wochen zur kollegialen Beratung zusammen. Der Austausch über konkrete gemeinsame Fälle sowie Fehler und Versäumnisse stehen dann im Fokus.

Das Modell könnte Schule machen. Viele andere Kommunen, darunter Recklinghausen, Dorsten und Waltrop, sind bereits in Haltern und Marl vorstellig geworden, um sich über die Kooperation zu informieren.

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