Wieder Leben in der Innenstadt: Das wünschen sich Kaufleute und Kunden in Haltern für 2021. © Pia Stenner
Wirtschaftsrückblick 2020

Zwischen Existenzbedrohung und Boom: Einzelhandel 2020 in Haltern

Die Corona-Lockdowns haben den Halterner Einzelhandel 2020 vor extreme Belastungen gestellt. Vertreter der Werbegemeinschaft sehen aber die Chance, dass er gestärkt aus der Krise kommt.

Öffnung nur noch unter erheblichen Kontaktbeschränkungen und zwei komplette Lockdowns: Für den Einzelhandel in Haltern war das Coronajahr 2020 eine extreme Herausforderung, mit der niemand rechnen konnte. Oliver Entrop und Christoph Kleinefeld, Vorsitzender und Geschäftsführer der Werbegemeinschaft „Haltern handelt“, bewerten die aktuelle Situation und wagen Ausblicke auf 2021.

Christoph Kleinefeld (l.) und Oliver Entrop bewerten die Wirtschaftslage im Einzelhandel im Coronajahr 2020.
Christoph Kleinefeld (l.) und Oliver Entrop bewerten die Wirtschaftslage im Einzelhandel im Coronajahr 2020. © Benjamin Glöckner (Archiv) © Benjamin Glöckner (Archiv)

„Der schlimmste Augenblick war, als per Allgemeinverfügung der eigene Laden zugesperrt wurde und man genau das nicht mehr tun konnte, was der eigenen DNA entspricht, nämlich unternehmerisch zu handeln“, so Christoph Kleinefeld. Nicht alle Branchen seien gleich betroffen gewesen. „Besonders hart hat es beispielsweise die Reisebüros getroffen, die Fahrradhändler haben dagegen einen Boom erlebt. Man kann davon ausgehen, dass der auch bei den Reisebüros einsetzen wird, wenn sich die Coronalage verbessert. Meine Sorge ist aber, ob alle, auch andere Branchen, bis dahin durchhalten“, sagt Oliver Entrop.

„Je größer der Standort, um so schwieriger die Lage“

„Ob geöffnet oder nicht, jeder Betrieb musste den richtigen Umgang finden mit Lagerdruck, Finanzdruck, Kostendruck und Zukunftsängsten“, so Christoph Kleinefeld. „Bis November 2020 galt: Je größer der Standort und je größer der Betrieb, umso schwieriger die Lage.“

Auch wenn es keine gemeinsamen Aktionen und nur wenige Treffen gegeben habe, sei der Zusammenhalt unter der Halterner Kaufmannschaft groß, betont OIiver Entrop. „Wir haben ein kollegiales Verhältnis, besser als in vielen Nachbarstädten. Das hat sich zum Beispiel bei der Glücksthalerziehung wieder gezeigt.“

Christoph Kleinefeld kritisiert allerdings die ungerechte Ausgestaltung der Lockdown-Regeln. Sie bevorzuge Lebensmittelhändler und Discounter mit Non-Food-, sowie Anbieter mit einzelhandelsrelevanten Randsortimenten. „Das löst Diskussionen aus. Die unrühmliche 800 m²-Lösung im April 2020 nach Wiedereröffnung hat aber auch viel Solidarität mit den Geschädigten ausgelöst.“

„Wir werden nicht einfach in die alte Welt zurückkehren“

Für 2021 sehen die Vertreter der Werbegemeinschaft noch nicht alles verloren. „Die Pandemie bremst natürlich die wenigen Entwicklungen, die es im stationären Einzelhandel überhaupt gibt“, so Christoph Kleinefeld. „Das gilt auch für Mietgesuche. Freie Ladenlokale aktuell zu vermieten, ist nicht eine Frage von Mietzins, sondern von Nachfrage geworden. Wenn man das gut einfädelt, kann aber trotzdem noch etwas Gutes dabei herauskommen. Das zeigen auch aktuelle Beispiele – manchmal dauerts, aber es wird dann gut.“

So sah die Halterner Innenstadt beim ersten Lockdown im Frühjahr aus: eine Geisterstadt.
So sah die Halterner Innenstadt beim ersten Lockdown im Frühjahr aus: eine Geisterstadt. © Jürgen Wolter © Jürgen Wolter

Aber auch wenn die Corona-Pandemie abebbt: „Wir werden nicht wieder einfach in die alte Welt zurückkehren“, vermutet Oliver Entrop. Viele Einzelhändler hätten über neue Konzepte nachgedacht, hätten versucht. sich an den Gegebenheiten zu orientieren und neue Lösungen zu finden. „Das wird auch nachhaltige Wirkungen haben“, ist Oliver Entrop überzeugt. „Zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung. Man muss nicht gleich einen Online-Handel aufmachen, aber die Präsentation über digitale Wege wird sich sicher verändern. Da sind schon jetzt zum Teil kreative Lösungen entstanden.“

„Einzelhandel kann gestärkt aus der Krise kommen“

Die Zeit nach dem ersten Shutdown habe aber andererseits auch gezeigt, dass die Menschen froh und dankbar waren, wieder in Geschäfte gehen zu können, bedient zu werden, Dinge anzufassen, findet Christoph Kleinefeld. Deshalb sieht er die Chance, dass der stationäre Einzelhandel gestärkt aus der Krise kommt, „weil es bei allen ein neues Bewusstsein und eine Besinnung auf die vertrauten Werte gibt. Und gerade da – in den Mensch-zu-Mensch-Kontakten – sind wir hier vor Ort und im Einzelhandel doch am stärksten.“ Die Digitalisierung unterstütze häufig auch die Abkehr von persönlichen Beziehungen zu Kunden.

Oliver Entrop lobt ausdrücklich die Kunden in Haltern, die sich beim Einkauf unter Coronabedingungen sehr diszipliniert verhalten haben. „Da gibt es im Vergleich zu Nachbarstädten wohl so etwas wie einen ‚Halterner Weg‘. Das stellt man auch beim Vergleich der Infiziertenzahlen fest. Viele haben sich auch erschrocken, als sie während der Lockdowns die leere Innenstadt gesehen haben. Da wurde ihnen bewusst, wie eine Geisterstadt ohne Einzelhandel aussehen würde. Und das will keiner, weder der Einzelhändler noch die Kunden!“

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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Jürgen Wolter

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