Als Franziska Lenting (24) vom Dorf aufs Land zog, da war sie zuerst skeptisch. Das andere Leben in der Großfamilie auf dem Hof Viermann-Lenting aber hat sie dann überrascht. Positiv.

Heek

, 28.01.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wext Nr. 10. Es ist Samstag, Wochenende. Dann ist die Familie Lenting in der Regel komplett. Das sind neben Franziska Lenting, Ehemann Christian (27) und Tochter Lene (1) auch die Schwiegereltern Ida Viermann-Lenting (50) und Werner Lenting (50) sowie Christians Geschwister Sofia (26) Laura (25), Benedikt (23) und Sebastian (17). Vor rund 25 Jahren wurde das alte Bauernhaus nach einem Brandschaden abgerissen. Seitdem ist der Neubau das Zuhause der Großfamilie.

Ein klassischer roter Klinkerbau, weiße Sprossenfenster.

Kochen ist Gemeinschaftsangelegenheit

In der Küche hat Sofia Kartoffeln fürs Mittagessen in den Backofen geschoben. Sie kocht an diesem Samstag. Während der Woche teilen sich Schwiegermutter und -tochter die Aufgabe. Die Stimmung ist fröhlich. Die Ausstattung der Küche ist zeitlos-modern, der große Eichentisch bietet Platz für die acht Lentings plus Kleinkind.

Auch am Küchentisch ist Platz für alle Lentings.

Auch am Küchentisch ist Platz für alle Lentings. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Das Wohnzimmer mit Sitzecke in schwarzem Leder ist ein Mix aus modernen und alten Möbeln. Hier bremst eine leichte Dekoration - Vasen und Lampe auf der Fensterbank, Puppen auf dem Vitrinen-Schrank - die Gefahr einer rustikalen Dominanz des Mobiliars aus. Durch das Fenster hat man den großzügigen Garten der Lentings vor Augen.

Lene ist mittendrin in der Großfamilie

An einigen Stellen im Wohnzimmer hat Lene ihre Spuren hinterlassen, Spielsachen, Fahrzeuge. Schon darin wird sichtbar, dass man als Familienmitglied bei den Lentings immer mittendrin ist. „Es ist immer jemand da, der auf Lene aufpasst“, beschreibt Franziska Vorteile.

Vom Wohnzimmer aus geht es in den großen Wintergarten mit dem großen ovalen Tisch in der Mitte - das Familienzentrum der Lentings. Hier wird gegessen, geklönt, diskutiert, gespielt.

Christian Lenting bewirtschaftet den Hof zusammen mit seinem Vater. Das sind 180 Hektar Fläche, auf der Mais und Getreide angebaut werden, eine Biogasanlage. Und aktuell ist der Hof eine große Baustelle, es entstehen neue Wirtschaftsgebäude. Die Ställe stehen zurzeit leer. Ab Herbst soll dann Bullenmast die bisherige Kälbermast ablösen.

Das "Familienzentrum": Im Wintergarten wird gegessen, geklönt, diskutiert, gespielt.

Das "Familienzentrum": Im Wintergarten wird gegessen, geklönt, diskutiert, gespielt. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Während Vater und Sohn sich den Außenbereich teilen, sind es im Inneren Schwiegermutter und Schwiegertochter. Die Arbeiten im Büro gehören auch noch zum Aufgabenbereich von Ida Viermann-Lenting. Während der Woche wohnt meist nur der Jüngste, Sebastian, der eine Ausbildung in Epe absolviert, im Elternhaus. Selbst Sofia, die aktuell beim Finanzamt in Ahaus arbeitet, ist wegen ihres dualen Studienganges zur Diplom-Finanzwirtin oft auswärtig im Einsatz.

Am Wochenende ist die Familie Lenting komplett

Am Wochenende aber reisen die Geschwister an: Laura und Benedikt aus Mannheim und Fulda sogar. Auch an ihren Arbeitsorten dort wohnt keiner von ihnen allein, sondern in einer WG. „Das sitzt einfach drin, wir werden keine Einzelgänger mehr“, sagt Benedikt, der nach Metzger-Lehre, Meisterprüfung und Betriebswirtschaft jetzt das Studium Lebensmittelkunde in Fulda absolviert.

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Und Laura, die eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau ebenso erfolgreich beendet hat wie ein European Business Studium in Enschede und jetzt bei John Deere in Mannheim arbeitet. „Ich würde niemals alleine leben wollen.“ Das wollen auch ihre Geschwister nicht. Nur Franziska war vorher ein solches Leben nicht so gewohnt: „Die vielen Leute, man ist niemals allein.“ Dann sei sie aber angenehm überrascht gewesen, dass „wir uns so wenig in die Haare bekommen haben.“

Das Rückzugsgebiet ihrer kleinen Familie, die schon bald noch um ein weiteres Mitglied wächst, ist der obere Stock, wo ihnen Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer zur Verfügung stehen. Das Badezimmer ist Gemeinschaftsangelegenheit - zumindest an den Wochenenden. In ihre eigenen vier Wände ziehen sich die Drei oft abends oder an den Sonntagen zurück, bleiben dann ganz unter sich.

Vier Lentings sind überzeugte Singles

Was aber, wenn auch die anderen Lenting-Kinder heiraten, oder eine Beziehung eingehen wollen? „Wir sind überzeugte Singles“, hält Benedikt dagegen.

Der Hof Viermann-Lenting ist der Gegenentwurf zu einer Durchschnitts-Familie, mit einem Kind oder höchstens zwei Kindern. Während der Woche sitzen außer Familienmitgliedern auch ein Hofmitarbeiter und ein Azubi am Esstisch. „Wir sind immer sechs bis acht Leute, am Wochenende mehr“, erzählt Ida Viermann-Lenting. Für das, was da auf den Tisch kommt, haben die beiden Köchinnen alle Freiheit. Und Probleme bei der doppelten Nutzung der einzigen Küche habe es bislang auch keine gegeben, bestätigt Franziska Lenting.

Nur am Sonntag bleibt die Küche kalt, dann gibt es keinen geregelten Tagesablauf wie sonst.

Im Wohnzimmer trifft man sich zu gemeinsamen Fernsehabenden zum Beispiel.

Im Wohnzimmer trifft man sich zu gemeinsamen Fernsehabenden zum Beispiel. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Ein solches Leben aber bedeute für alle auch Toleranz, jeder müsse Rücksicht nehmen, sagt die „Senior-Chefin“. Selbst angesichts der Tatsache, dass „immer einer aus der Familienreihe schlecht drauf sei“, gebe es keine Konflikte, Reibereien aber mitunter schon. „Dann wird offen darüber geredet“, nennen die Lentings ein Prinzip ihrer Problemlösung. Gute Gelegenheit böte sich dazu am Esstisch, um alles anzusprechen.

Das Prinzip von Geben und Nehmen

Das alles setzt aber auch ein Grundprinzip, das von Geben und Nehmen, voraus: Jeder, der da ist, packt auf dem Hof mit an. Ida Viermann-Lenting: „Einen Treckerführerschein haben sie alle.“ Nur Sofia arbeitet am Wochenende lieber in der Küche als auf dem Hof. Für Sebastian, der von 7 bis 16 Uhr im Ausbildungsbetrieb arbeitet, gibt es in der Woche Schonzeit. „Der arbeitet dann genug“, sagt Vater Werner milde.

Auch in der Freizeit ist man oft als Familie zusammen, spielt, oder schaut Fernsehen. Gleichwohl haben alle auch einen Freundeskreis, haben private Verabredungen, oder man trifft sich dann doch wieder bei irgendwelchen Festivitäten oder Veranstaltungen.

Eine solche Lebenssituation findet Franziska für Kinder geradezu ideal, auch wenn man oft fahren müsse. Es gibt hier so viele Möglichkeiten, da ist so viel Platz. „Wir durften immer Freunde mitbringen“, bestätigt das auch Laura.

Auf Dauer wird es doch zu eng

Trotz alledem, trotz harmonischen Landlebens, gibt es aber auch Einschränkungen: „Es ist hier eigentlich viel zu eng, das Haus platzt aus allen Nähten“, findet Werner Lenting und bekommt dafür von allen Seiten Zustimmung.

Das soll auch nicht so bleiben. Ein Altenteil als Anbau an das bestehende Gebäude, mit mehr Platz für Freiräume, ist bereits geplant.

Insofern könne man die jetzige Enge auch besser tolerieren, sagen sie. „Man weiß ja, dass es eine Übergangslösung ist.“

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