Für Gisa Sendfeld (l.) und Eva Lindermeir gehört der Tod zum Leben – deshalb haben sie auch kein Problem damit, auf dem Sarg zu sitzen. © Bernd Schäfer
Mutmachwerkstatt

Corona-Beschränkungen und Trauerkultur: Ohne Abschied ins Grab

Corona und die damit einhergehenden Beschränkungen waren gerade während des langen Lockdowns eine große Hürde für die Trauerkultur. Da hieß es nicht selten: Ohne Abschied ins Grab.

In der Mutmachwerkstatt von Gisa Sendfeld und Eva Lindermeir in Nienborg dreht sich alles um den Abschied. Den Abschied vom Leben, den Abschied von denen, die nicht mehr unter den Lebenden sind. Beides war während der Corona-Lockdowns allerdings dramatisch eingeschränkt.

„Anfangs stand ja noch die Angst im Raum: Wie gefährlich und ansteckend ist das genau?“, denkt Gisa Sendfeld an den Beginn der Pandemie zurück, als die Sicherheitsvorkehrungen in Krankenhäusern extrem streng waren.

Bestattung zu einem späteren Zeitpunkt

Und erzählt von dem Senior, der plötzlich ins Krankenhaus musste. Weil seine Frau positiv auf das Virus getestet wurde, durfte sie ihn auch dann nicht besuchen, als klar war, dass sein Leben dem Ende zugeht. Die einzige Möglichkeit für das Paar, von einander Abschied zu nehmen, war über Skype.

Nicht einmal die eigentlich von beiden für den Fall der Fälle abgesprochene Erdbestattung konnte stattfinden – die Witwe hätte aufgrund ihrer Erkrankung nicht einmal an der Beerdigung ihres Mannes teilnehmen dürfen, sie musste ihren Mann einäschern lassen, damit die Bestattung zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden konnte.

In Erinnerung ist ihr auch noch das Ehepaar mit seinen drei Kindern, die untereinander entscheiden mussten, welches von ihnen als Besucher ins Krankenhaus darf. „Erst als der Tod ganz kurz bevorstand, durften noch einmal alle ins Krankenzimmer – ganz vermummt, ohne ihren Vater noch einmal berühren zu dürfen“, war ein richtiges Abschiednehmen gar nicht möglich.

Vielen habe es zur Trauerbewältigung gefehlt, den Gestorbenen nicht noch einmal in den Arm nehmen oder eine letzte Aussprache führen zu können. Oder ihn oder sie nach dem Tod noch einmal sehen zu dürfen.

Nicht jeder konnte sich verabschieden

Gisa Sendfeld erzählt von der Frau mit den drei Töchtern, von denen nur eine die Möglichkeit hatte, sich am Sterbebett von ihrer Mutter zu verabschieden. „Ich bin dann nach der Einäscherung mit Urne nacheinander zu den Töchtern gefahren, damit sie noch einmal das Gefühl haben konnten, ihrer Mutter nahe zu sein.“

„Da kommt jemand mitten aus dem Leben ins Krankenhaus – und man sieht ihn nie wieder“, sei das für viele während der Lockdowns zur bitteren Realität geworden, vor allem, wenn sie nicht zum engsten Familienkreis gehörten.

Wenn machbar, sei die Möglichkeit, zuhause zu sterben, wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt.

Dabei denkt sie etwa an den älteren Mann, der auf die Intensivstation gelegt wurde und dort wegen der Quarantäne keinen Besuch haben durfte. „Er hat praktisch darum gebettelt, zuhause im Kreis seiner Familie sterben zu dürfen.“ Dieser letzte Wunsch konnte ihm erfüllt werden.

Durch diese Erfahrung habe sich die Trauerkultur verändert, sind Gisa Sendfeld und Eva Lindermeir überzeugt. Etwa wenn es um große Beerdigungsfeiern mit manchmal Hunderten von Gästen geht. „Viele dachten immer: Das ist ja so vorgegeben, es müssen viele Leute da sein und anschließend müssen alle Kaffeetrinken gehen.“

Anderes Bewusstsein für „Feiern“

Die Feiern während der Beschränkungen hätten dagegen gezeigt, dass es auch anders geht. So hätten ihnen etwa die Angehörigen einer Frau, zu deren Beerdigung normalerweise wohl 200 Leute gekommen wären, berichtet, dass es sie wie ein Geschenk empfunden hätten, in einem kleinen Kreis von ihr Abschied nehmen zu können. „Das war für sie viel intimer und viel persönlicher.“

Die großen Trauerfeiern seien für manche zu unpersönlich gewesen. „Auch das lässt die Trauer länger andauern.“ Umgekehrt sei es für enge Verwandte auch schwierig gewesen, aufgrund der Personenbeschränkungen nicht an einer Beerdigung teilnehmen zu dürfen.

„Manchmal haben sich Angehörige dann einfach auf dem Friedhof ‚versteckt‘ und so getan, als seien sie eigentlich wegen etwas ganz anderem da“, schmunzelt Gisa Sendfeld.

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