Düsteres Bild gemalt

Thema Ärztemangel

In deutschen Krankenhäusern sprechen immer mehr Ärzte kaum Deutsch. „30 Prozent unserer 350 Ärzte kommen aus Rumänien, Afrika, dem vorderen Orient, Russland oder sonstwo her“, sagte Hermann Nientiedt, Hauptgeschäftsführer des Klinikverbundes Westmünsterland. Tendenz steigend.

HEEK

von Von Rupert Joemann

, 08.05.2013, 18:04 Uhr / Lesedauer: 2 min
Düsteres Bild gemalt

Dr. Nikolaus Balbach (l.), Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender Ärzteverein Altkreis Ahaus, und Jens Spahn

Am Dienstagabend hatte der CDU-Kreisverband zu einer Podiumsdiskussion in die Landesmusikakademie eingeladen. Dass die Kommunikation zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhaus-Medizinern oft schwierig ist, bestätigte ein Hausarzt. Andere nickten zustimmend. Jeden Monat, so Nientiedt, gebe der Klinikverbund alleine 3000 Euro für Sprachlehrer aus, „um die Ärzte sprachlich halbwegs fit zu machen.“ Doch ohne die ausländischen Mediziner liefe gar nichts mehr. „Wir haben extra einen Mitarbeiter eingestellt, um Ärzte zu suchen“, sagte Nientiedt. Pro Jahr würden 80 bis 100 vom Klinikverbund händeringend gesucht. Nientiedt zeichnete ein weiteres Schreckensszenario. „In drei Jahren reden wir nicht über einen Ärztemangel, sondern über Pflegekräfte. Die suchen wir dann in Afrika.“ „Wir haben keinen Ärztemangel“, erklärte dagegen Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest, unter dem Gelächter zahlreicher Gäste. Litsch wies darauf hin, dass der Arztberuf ein freier Beruf sei und jeder seinen Arbeitsort selbst wählen könne. In Zukunft, so Martin Litsch, werde nicht mehr jedes Dorf einen Arzt haben können. Das liege aber auch schon daran, dass die Bevölkerungszahlen in den Dörfern zurückgingen.

Landrat Dr. Kai Zwicker glaubt an eine künstliche Verknappung der Anzahl der Mediziner. Zwicker hat kein Verständnis, warum man für ein Medizin-Studium die Note 1,0 habe müsse. „Ich brauche keinen exzellenten Akademiker, sondern jemanden, der mich heilt. Jemanden mit Empathie.“ Auch kann er es nicht nachvollziehen, dass die Politik nicht in der Lage sei, zum Beispiel am Hochschul-Standort Münster einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin zu schaffen. „Das ist ein Problem des bundesdeutschen Föderalismus“, erklärte Dr. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die Meinungen der 16 Bundesländer seien teilweise schwierig unter einen Hut zu bringen, bestätigte Jens Spahn, Gastgeber und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der Versorgungsgrad mit Hausärzten im Kreis Borken beträgt bei 215 Medizinern 93,4 Prozent. Im heimischen Kreis sind zahlreiche Stellen unbesetzt. Diese Situation dürfte sich in Zukunft verschärfen. Alleine 34 Prozent der Hausärzte sind 60 Jahre oder älter, nur sieben Prozent zwischen 30 und 39 Jahre. In sämtlichen anderen Fachrichtungen gilt der Kreis Borken derzeit noch als überversorgt.

Das ist nicht überall so. Ein Psychiater, der extra aus Bad Berleburg angereist war, schilderte seine Situation. Er habe ein Einzugsgebiet von über 30 Kilometer. Bis zur Kreisstadt seien es 45 Kilometer oder „anderthalb Stunden mit dem Öffentlichen Personennahverkehr“. In sechseinhalb Jahren, wenn er in Ruhestand gehe, könne er die Praxis dichtmachen. Kaum ein Mediziner wolle aufs Land ziehen. Zumal die Pauschalen im Bereich Westfalen-Lippe unter denen anderer Regionen liegen. Zum großen Ärgernis der Hausärzte. Die sind sauer, dass nur ein paar Kilometer weiter nördlich die Kollegen in Niedersachsen besser bezahlt werden.

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