„Es geht nicht darum, die Welt hier allein in Deutschland retten zu können“

mlzInterview: 2G

2G-Gründer Christian Grotholt und Mark Holtmann, Vertriebsleiter der britischen 2G-Tochter, sprechen im Interview über den Standort Heek, Sorgen vor dem Brexit und die Energiewende.

Heek

, 02.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

2G hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend internationalisiert. Wie wichtig ist der Standort Heek?

Christian Grotholt: Der Standort Heek ist natürlich weiterhin sehr wichtig für uns, weil wir hier unsere Produktion haben, aber auch einen Großteil des Know-Hows. Wir haben hier im letzten Jahr 6000 Quadratmeter zusätzliche Lagerkapazität geschaffen, um die Logistik des Services zu optimieren – bis hin zum Aftersale und dem Onlineshop, den wir von hier aus mit Transportlogistik und Versand regeln.

Spüren Sie den Fachkräftemangel im Münsterland?

Grotholt: Nicht unbedingt auf der akademischen Seite, aber insbesondere bei Fachkräften in der Produktion spüren wir ihn sehr wohl. Da bleiben Stellen auch schon mal unbesetzt.

Womit rechnen Sie im laufenden Geschäftsjahr? Macht Ihnen die nachlassende Konjunktur Sorgen?

Grotholt: Wir sind auch für das Geschäftsjahr 2019 positiv gestimmt. Weil das Jahr 2018 ganz ordentlich verlaufen ist, konnten wir einen hohen Auftragsüberhang verzeichnen, den wir mit ins laufende Geschäftsjahr übernommen haben. Das ergibt sich aus den Lieferzeiten, die bis zu sechs Monate betragen können.

Warum ist die Internationalisierung so wichtig?

Grotholt: Was wir mit der Internationalisierung versuchen, ist unabhängig von lokalen Märkten zu werden, um in Heek die Auslastung der Produktion zu gewährleisten. Klar erklärtes Ziel ist es, den Absatz im Ausland weiter zu erhöhen. Insgesamt unterscheiden wir in A- und B-Märkte. A-Märkte sind Nordamerika, Zentraleuropa, Japan und Australien. B-Märkte sind Russland, China, Südostasien, Nordafrika und Südamerika. Wir konzentrieren uns auf die A-Märkte, weil dort Energiewende stattfindet und dort Mittelschichten existieren, die investieren können.

Wie groß ist der Anteil des Auslandsgeschäfts?

Grotholt: Der liegt derzeit bei grob 35 Prozent – im Bezug auf den Gesamtumsatz. Bei Neuanlagen liegt der Anteil höher. In Deutschland ist aber das Servicegeschäft größer.

Sie sind seit 2011 mit einer Tochtergesellschaft in Großbritannien aktiv. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie vom Ergebnis des Brexit-Votums gehört haben?

Grotholt: Das war erstmal schwer zu glauben. Dass eine europäische Nation davon überzeugt ist, sich alleine in der weiter voranschreitenden Globalisierung behaupten zu können – gegenüber 1,4 Milliarden Chinesen und 1,3 Milliarden Indern und 330 Millionen US-Bürgern. Später stellte sich dann heraus, dass die Beteiligung am Referendum nicht allzu hoch war. Dennoch bleibt es für mich nicht nachvollziehbar, wie Großbritannien ohne die Union mit 500 Millionen Europäern besser klarkommen will.

Wie ist die Stimmung bei der britischen Tochter?

Mark Holtmann: Die Stimmung bei den Kollegen in England ist gut, trotz der derzeitigen Ungewissheit. Unter unseren 40 Mitarbeitern dort ist ein Mix der Gesellschaft vertreten. Demnach gibt es Gegner und Befürworter des Brexits.

Und die wirtschaftliche Entwicklung?

Grotholt: Dort gab es einen funktionierenden Biogas-Markt, der durch den Wegfall von Einspeisevergütungen fast zum Erliegen gekommen ist. Somit war es notwendig, dass unser Team vor Ort den Wechsel vom Biogas- zum Erdgasmarkt und anderen Energieträgern schafft. Das ist 2018 zum ersten Mal gelungen. Dort haben wir gegenüber den Vorjahren einen erhöhten Umsatz und ein besseres Ergebnis erzielt.

Holtmann: Unsere Produkte und Dienstleistungen verfügen über Alleinstellungsmerkmale in Punkto Effizienz und niedrigen Schadstoffemissionen, die auch in Großbritannien nachgefragt werden. Brexit hin oder her. Die Emissionen sind ein beherrschendes Thema, auch in England. Und die Energieversorgung muss unabhängig von der politischen Konstellation aufrechterhalten werden, wozu wir die richtigen Lösungen bieten.

Grotholt: Schließlich hat man dort über Jahrzehnte verpasst, rechtzeitig in die Infrastruktur zu investieren. Und somit ist es keine Option mehr, sondern eine Obligation, moderne Kraftwerke zu bauen. Der vorhandene Kraftwerkspark steht zu großen Teilen am Ende des Lebenszyklus. Bei der Modernisierung versucht man alte, also, ineffiziente alte Kraftwerke durch moderne sparsame zu ersetzen. Gleichzeitig fühlt man sich den weltweiten Klimaschutzzielen verpflichtet.

Holtmann: Große Teile der Infrastruktur von London stammen noch aus viktorianischen Zeiten. Der Ballungsraum mit acht bis neun Millionen Einwohnern braucht immer mehr Energie. Die benötigte Kraftwerkskapazität ist aufgrund von fehlender Übertragungskapazität der Verteilernetze nicht zentral zu schaffen. Deshalb ist Kraft-Wärmekopplung als Energiequelle im Keller vor Ort wertvoll, um die Versorgung sicher und bezahlbar aufrechtzuerhalten.

Demnach befürchten Sie keinen Einbruch der Geschäfte durch den anstehenden Brexit?

Grotholt: Wir gehen auch weiterhin von einer positiven Geschäftsentwicklung in Großbritannien aus, weil die Energiewende dort weitergeht. Wir haben erstens eine vermehrte Anzahl von Projekten im Erdgas-Sektor und zweitens langlaufende Service-Verträge über 10 bis 15 Jahre Laufzeit. Es gibt einen positiven Beitrag zum Gesamtergebnis, der heute schon in Großbritannien generiert wird und das sehen wir auch nicht in Gefahr. Auch dann nicht, wenn der Brexit für eine gewisse Zeit negative Auswirkungen haben wird.

Welche negativen Auswirkungen sind das?

Holtmann: Ein Problem ist etwa das fallende Pfund. Wir als Exporteur setzen natürlich auf einen schwachen Euro. Das Pfund ist um knapp 15 Prozent gefallen und bei Hochinvestitionsgütern kann das schon mal ein Schlag ins Kontor sein. Weil es die Gesamtwirtschaftlichkeit eines Projektes in England unter Druck setzt.

„Es geht nicht darum, die Welt hier allein in Deutschland retten zu können“

Mark Holtmann ist Head of Sales bei der britischen Tochtergesellschaft 2G Energy Ltd. UK. © 2G

Wie sehen Sie die aktuelle Diskussion in Großbritannien über die verschiedenen Brexit-Szenarien?

Holtmann: Beide Seiten, Labour und Tories, spielen auf Zeit. Corbin von Labour scheint auf Neuwahlen zu spekulieren. Und May versucht weiter, an ihrem Deal festzuhalten, um Neuwahlen zu vermeiden. Damit will sie möglicherweise den Druck erhöhen, damit man dem ungeliebten Vertrag doch noch zustimmt. Verbände und Wirtschaftsvertreter machen ebenfalls mobil, um den Druck zu erhöhen. Wir können nur aus der Ferne beobachten, wie sich das entscheidet – mit offenem Ausgang.
Soweit unsere subjektiven Thesen. Wir behaupten natürlich nicht, zu wissen, was passiert. Und wir als 2G erdreisten uns nicht, den Briten Ratschläge zu geben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ich glaube sogar, dass dort der Brexit ansteht, weil sich die Briten nicht ausreichend gehört gefühlt haben – etwa bei der Flüchtlingskrise.

Aber kritisch sehen sie die Situation schon?

Grotholt: Natürlich freuen wir uns nicht. In Summe ist es für uns nach wie vor befremdlich. Insbesondere, dass die Leute, die den Brexit eingestielt haben, sich der Verantwortung nicht gestellt haben.

Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen?

Grotholt: Wir haben die Lagerkapazität in UK vor einigen Wochen auf 1000 Quadratmeter erhöht, auch für den Fall, dass es zum Brexit ohne Deal kommt. Damit können wir einen höheren Lagerbestand vorhalten, wenn es zu Einfuhrschwierigkeiten für unsere Produkte kommen sollte. Das sind Entscheidungen, die uns abgenommen wurden.

Ein Rückzug aus Großbritannien ist kein Thema?

Grotholt: Ja, das ist bei uns kein Thema. Wir sind schon acht Jahre dort. Wir haben dort langlaufende Verträge und knapp 300 Anlagen, einen nennenswerten Marktanteil und sind dort eine Marke geworden. 66 Millionen Menschen und die britische Wirtschaft müssen weiter umweltfreundlich und wirtschaftlich versorgt werden. Deshalb ist das keine Frage, die sich stellt.

Wie beurteilen Sie den Plan zum Kohleausstieg in Deutschland?

Grotholt: Wir sind hier natürlich auch der Anzahl der Arbeitsplätze im Kohlesektor verpflichtet. Aber der Strukturwandel, wie er sich jetzt abzeichnet, ist möglich, vielleicht sogar in einer kürzeren Zeit. Und wir glauben, dass mit oder ohne Kohlekommission der Kohleausstieg sowieso stattfindet, weil die Alternativen wirtschaftlicher sind. Aber es ist gut, dass es jetzt ein Ausstiegsszenario gibt, dass der Strukturwandel finanziell unterstützt wird. Das ist wichtig für den Wirtschaftsstandort. Die Technologien sind definitiv verfügbar, um die Kraftwerke zu ersetzen.

Holtmann: Unsere Technologie ist ja ein ganz anderer Ansatz. Wir wollen Energie erzeugen, wo sie verbraucht wird. Ohne Überlandleitungen stärker zu belasten und ohne damit einhergehende Energieverluste durch lange Transportwege, sondern dort, wo der Lichtschalter angeht.

Grotholt: Wir als 2G sind überzeugt, dass die Energieversorgung der Zukunft durch dezentrale Strukturen charakterisiert wird. Eine sichere, umweltfreundliche und bezahlbare Energieversorgung setzt sich aus vielen Instrumenten zusammen. Natürlich auch mit Wind- und Sonnenkraftnutzung, aber es braucht eine Technologie, die das Volatile kompensiert.
Und die Kraft-Wärmekopplung wird zunehmend mit regenerativen Treibstoffen befeuert. Das ist nicht nur Biogas, kann auch Wasserstoff sein. Damit kann man überschüssig produzierten Windstrom in Wasserstoff speichern und hocheffizient über Blockheizkraftwerke zurückverstromen. So können mit 2G-Kraftwerken als Rückgrattechnologie künftig Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke ersetzt werden, ohne dass die Versorgungssicherheit darunter leidet.

2020 feiert 2G sein 25-jähriges Bestehen. Wie blicken Sie in die Zukunft?

Grotholt: Wir blicken positiv in die Zukunft, weil wir Teil der Energiewende sind. Es macht uns weiterhin sehr viel Spaß, die Aufgaben hier als Team mit über 650 Kollegen umsetzen zu dürfen. Dabei geht es nicht darum, die Welt hier allein in Deutschland retten zu können. Es geht auch darum, zukunftsträchtige Jobs zu schaffen – und Exportgüter herzustellen, die den Mittelstand noch widerstandsfähiger machen.

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