Ex-Bankmitarbeiter soll fast eine halbe Million Euro veruntreut haben

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Bislang hieß es, der von einem Ex-Mitarbeiter der Volksbank-Filiale in Nienborg verursachte Schaden betrage rund 240.000 Euro. Jetzt zeigt sich: Die Schadenssumme ist sehr viel höher.

Heek

, 05.10.2019, 03:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rechtsanwalt Werner Dillerup aus Münster vertritt einen der geschädigten Kunden der Volksbank Gronau-Ahaus und hatte Akteneinsicht. Nach seinem Wissensstand hat der Ex-Bankmitarbeiter ein notarielles Schuldanerkenntnis über gut 500.000 Euro unterzeichnet.

Die von der Bank übernommene Schadensregulierung betrage knapp 470.000 Euro, hinzu kämen wohl Gebühren und Anwaltskosten, sagt der Anwalt.

Nach den ersten Ermittlungen sei von einer Schadenssumme von knapp 100.000 Euro die Rede gewesen, sagt Dillerup. Dann habe sich nach einem persönlichen Gespräch der Bank mit dem Mitarbeiter die Schadenssumme auf 240.000 Euro erhöht.

Diese Zahl sei auch von der Bank herausgegeben worden. Nach jetzigem Stand geht es um viel mehr Geld.

Langjähriger Kunde aus Metelen

Insgesamt seien sechs Kunden geschädigt worden, berichtet Werner Dillerup. Den Fall ins Rollen brachte sein Mandant, ein langjähriger Volksbankkunde aus Metelen.

„Er war im Dezember 2017 in der Filiale in Nienborg und fragte am Schalter nach seinem Wachstumsbrief. Der präsentierte Ausdruck zeigte allerdings kein Guthaben, sondern ein Minus von über 30.000 Euro.“

Der Kunde habe daraufhin gesagt, das könne doch gar nicht sein und verwies auf seinen langjährigen Bank-Ansprechpartner. Der wiederum sagte seinen Bankkollegen, der Kunde habe sein Geld anderweitig investiert. Der Kunde ging daraufhin zu seinem Steuerberater, der ihm riet, sich einen Anwalt zu suchen – Werner Dillerup.

Ex-Bankmitarbeiter soll fast eine halbe Million Euro veruntreut haben

Rechtsanwalt Werner Dillerup aus Münster vertritt einen der geschädigten Kunden der Volksbank Gronau-Ahaus. © Christian Bödding

Nachdem der Metelener eine Vermögensübersicht von der Volksbank erhielt, wurde schon ein großer Teil des finanziellen Schadens sichtbar. Bei einem Girokonto – von dem der Kunde nichts wusste, gab es einen Negativsaldo von 30.000 Euro.

„Der Mitarbeiter hat das Konto eröffnet und den Kontokorrent voll in Anspruch genommen. Zinsen hat er mal in bar, mal per Karte eingezahlt“, sagt Rechtsanwalt Werner Dillerup.

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Auf über 70.000 Euro summierte sich der Schaden bei einem angeblichen Wachstumssparen. Der Ex-Mitarbeiter habe das entsprechende Konto eröffnet, jedoch am gleichen Tag wieder gelöscht.

Der Kunde erhielt eine wertlose Ausfertigung eines Wachstumssparvertrages mit zugesicherter Verzinsung. Das Wachstumssparen sei jedoch nie auf dem Kundenkonto gebucht worden. Der Mitarbeiter habe den Antrag auf einer Schreibmaschine geschrieben, nicht über die bankeneigene EDV, schildert der Anwalt den Fall weiter.

175.000 Euro auf Sparkonto

Den größten Geldbetrag räumte der Ex-Bankmitarbeiter aus Nienborg wohl auf einem einzelnen Sparkonto ab. Der Kunde verlor gut 175.000 Euro.

Das bankinterne System zeigte ein Guthaben von weniger als 400 Euro an. Werner Dillerup: „Der Ex-Mitarbeiter hat dem Kunden über Jahre glaubhaft machen können, dass er ein Guthaben hätte, das jährlich verzinst würde.“

Die Frage, warum das über Jahre nicht auffiel, beschäftigt auch Rechtsanwalt Werner Dillerup. Bei mehreren Girokonten habe der Ex-Mitarbeiter nach dem immer gleichen Muster gehandelt. Er habe Konten eröffnet und bis zum Limit – Beträge zwischen 10.000 und 30.000 Euro – belastet.

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Die fälligen Zinsen seien mit Bareinlagen von anderen Konten ausgeglichen worden, das Limit sei nicht überschritten worden.

Warum dieses Vorgehen? Werner Dillerup: „Wären die Konten über dem Limit im Minus gewesen, wäre wohl irgendwann der Schriftverkehr der Bank mit den Kunden angelaufen.“

Warum fiel der Bank nicht auf, dass auf mehreren Konten über Jahre nur das Limit gehalten wird? Warum wurden die Einzahlungen nicht genauer unter die Lupe genommen? Und wie wurde überhaupt das Vier-Augen-Prinzip in der Filiale gehandhabt? -

Um das zu klären und das System dahinter zu erkennen, forderte Werner Dillerup im April 2018 für seinen Mandanten Kontoauszüge bei der Volksbank Gronau-Ahaus an. „Auf ihnen hätte man sehen, können, zu welchen Zeitpunkten der Ex-Mitarbeiter die Gelder abgehoben hat und wie er die Konten glattzog.“

Keine Kontoauszüge erhalten

Die Antwort der Bank sei gewesen: einen solchen Auszug gebe es für den Anwalt nicht. Das Konto habe sein Mandant ja nie eröffnet.

„Juristisch fragwürdig“, nennt Rechtsanwalt Werner Dillerup diese Antwort. Schließlich hätte sein Mandant ein ihm gehörendes Konto doch mit seiner Unterschrift anlegen müssen.

Die Ermittlungen gegen den Ex-Mitarbeiter der Bank laufen nun schon seit 17 Monaten. Werner Dillerup geht davon aus, dass es nicht mehr zu einer Anklageerhebung kommen wird.

„Ich gehe eher davon aus, dass er einen Strafbefehl bekommen wird.“ Dann käme es zu einer Geldstrafe, deren Höhe über Tagessätze festgesetzt werde.

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Strafmildernd wirke, dass der Ex-Banker am Ende des Tages an der Aufklärung mitgewirkt habe, „als es nicht mehr zu vermeiden war“. Der Mann habe ein Schuldanerkenntnis unterschrieben, die Bank habe die entsprechenden Kunden entschädigt – und werde sich ihren Schaden wohl von einer Versicherung wiederholen.

„Aber am Ende muss es einer bezahlen“, sagt Werner Dillerup. Sein Mandant ist übrigens trotz aller Widrigkeiten, die ihm widerfuhren, weiter Kunde der Volksbank in Nienborg. „Das war über Jahrzehnte seine Filiale und sie wird es bleiben.“

Bei Frank Overkamp, dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Gronau-Ahaus, ernten wir am Freitag auf unsere telefonische Anfrage erst einmal einen tiefen Seufzer.

„Großschadensereignis“

Die bisher genannte Schadenssumme von 240.000 Euro beziehe sich auf kurzfristige Kundengelder, erklärt Overkamp. Hinzu käme ein weiterer Schaden bei langfristig angelegten Geldern. Die kolportierte Schadenshöhe sei ungefähr hinterlegt.

Overkamp sprach von einem „Großschadensereignis“ für die Bank, das von der Revision aufgearbeitet worden sei. Alle bankinternen Verfahren seien geändert und mehrere Kontrollverfahren eingeführt worden.

Mitarbeiter nicht unter Generalverdacht stellen

„Mit Augenmaß“, erklärt Overkamp, schließlich würden die Mitarbeiter nicht unter Generalverdacht gestellt. „Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen unsere Schlussfolgerungen gezogen.“

Die ihren Kunden entstandenen Schäden hat die Volksbank Gronau-Ahaus bereits im vollen Umfang im vergangenen Jahr ersetzt. Frank Overkamp: „Aufgrund unserer Strafanzeige ermittelt die Staatsanwaltschaft Münster. Weitergehende Informationen haben wir derzeit nicht.“

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