Feuerwehrmann Jörg Latussek: „Finger weg von Polenböllern, die sind saugefährlich!“

mlzSilvester-Interview

Vielerorts wird Silvester ausgelassen und mit jeder Menge „Knallerei“ und Raketen gefeiert. Doch was den einen Spaß macht, bereitet anderen Kopfschmerzen. So wie den Feuerwehrleuten aus Heek.

Heek

, 31.12.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der letzte Tag des Jahres ist angebrochen. Silvester. Pünktlich um Mitternacht werden hunderte von Raketen den Nachthimmel bunt und hell erleuchten lassen. Ausgelassen wird das neue Jahr begrüßt. Doch all das birgt auch Risiken. Für die Freiwillige Feuerwehr Heek ist der Jahreswechsel kein ganz normaler Tag. Feuerwehrmann und Pressewart Jörg Latussek vom Löschzug Heek spricht im Interview über Gefahren, Vorsichtsmaßnahmen und darüber, ob auch Feuerwehrmänner auf das neue Jahr mit einem Gläschen anstoßen dürfen.

Herr Latussek, die Silvesternacht steht vor der Tür. Wird einem als Feuerwehrmann angesichts der ganzen „Böllerei“ und Raketen ein wenig mulmig zumute wegen der Brandgefahr?

Also ich kann für mich persönlich, aber auch guten Gewissens für die Kameraden der Feuerwehr Heek, sagen, dass wir die Silvesternacht natürlich mit Respekt angehen. Das ist klar. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass es hier auf dem Land dann doch ein bisschen ruhiger als in einer Großstadt zugeht. Wir sind da von der Wehr entspannt. Respekt ja, Angst nein. Respekt schürt die Wachsamkeit. Das ist wichtig.

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Ist die Silvesternacht aus Sicht der Feuerwehr hier in der Gemeinde also nicht besonders risikobehaftet?

Risikobehaftet? So krass würde ich das nicht betiteln. Natürlich ist in dieser Nacht mehr Vorsicht geboten, weil einfach die Gefahr, dass ein Feuer entsteht, höher ist wegen der Feuerwerksknallkörper oder Raketen. Aber es ist hier nicht die Risikonacht des Jahres. Da ist die Situation in Großstädten durch dichte Bebauung oder Hochhäuser schon mit deutlich mehr Risiken verbunden.

Was hat das mit Hochhäusern zu tun?

Wenn diese Häuser Balkone haben, ist die Wahrscheinlichkeit eben deutlich erhöht, dass dort mal eine Rakete landen kann. Liegen dann auf dem Balkon noch Dinge, die leicht entzündlich sind wie Zeitungen oder Polsterauflagen, dann ist das nicht ungefährlich. Generell alles, was leicht entzündlich ist, birgt Risiken.

Jörg Latussek ist beim Löschzug Heek für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Jörg Latussek ist beim Löschzug Heek für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. © Stephan Teine

Das hört sich so an, als sei es in Heek zu Silvester in den vergangenen Jahren einsatztechnisch immer ruhig gewesen?
Es hielt sich immer die Waage. Es gab nicht mehr oder weniger Einsätze als sonst. Natürlich gab es durchaus Silvester schon Einsätze, aber meistens waren es aus unserer Sicht kleine Sachen, wie etwa brennende Mülleimer oder Container. Einmal war auch ein brennender Dachstuhl dabei. Da waren wir aber schnell vor Ort und es verlief letztlich alles glimpflich.

Trifft die Feuerwehr Heek besondere Vorbereitungen mit Blick auf diesen Tag und die Nacht?

Wir stellen mit beiden Löschzügen (Heek und Nienborg - d. Red.) jeweils eine Bereitschaftstruppe. Es muss sich also keiner Sorgen machen. Von 19.30 Uhr bis 8 Uhr morgens an Neujahr gilt das. Wir sorgen vor und sind im Fall der Fälle natürlich da.

Feuerwekskörper sind mit Vorsicht zu genießen.

Feuerwekskörper sind mit Vorsicht zu genießen. © pa/obs WECO

Sind Raketen eigentlich mit Blick auf die Brandgefahr am gefährlichsten?

Prinzipiell kann fast alles Brände auslösen. Okay, ein Chinaböller vermutlich nicht. Insofern kann man schon sagen, dass Raketen mit Blick auf Feuer die größte Gefahr darstellen. Aber: Bei Feuerwerkskörpern wie Böllern ist das Verletzungsrisiko um Welten höher als bei Raketen. Und Vorsicht bei den „Polenböllern“, die haben in Deutschland keine Zulassung. Da wird mit Sprengstoff hantiert. Das ist saugefährlich. Die richten richtig fiese Verletzungen und massiven Schaden an.

Welche Vorkehrungen kann denn jeder Einzelne treffen, damit die Feuerwehr gar nicht erst ausrücken muss?

Da gibt es einiges. Balkone und Terrassen sollen von allem befreit werden, was leicht entzündlich ist. Feuerwerkskörper sind Sprengstoffe, also Jugendliche unter 18 Jahren sollten damit eigentlich gar nicht hantieren. Generell sollte man wachsam sein und die Feuerwerkskörper mit Bedacht zünden, also nicht in Nähe von Menschen. Und diese Dinger auf keinen Fall in geschlossenen Räumen testen. Besonders hier auf dem Land unbedingt die Nähe zu Scheunen meiden. Wichtig: Finger weg von Blindgängern.

Es geht aber auch um Rücksicht. Also in der Nähe von Kirchen, Krankenhäusern und Altenheimen sollte man immer auf das Abbrennen verzichten.

Raketen bergen die größere Gefahr, einen Brand zu verursachen, aber die „Böllerei“ birgt - gerade mit Blick auf die so genannten „Polenböller“ - das deutlich größere Verletzungsrisiko.

Raketen bergen die größere Gefahr, einen Brand zu verursachen, aber die „Böllerei“ birgt - gerade mit Blick auf die so genannten „Polenböller“ - das deutlich größere Verletzungsrisiko. © Grafik: Martin Klose

Altenheime? Das müssen Sie genauer erklären.
Ganz einfach. Demenzpatienten, das weiß ich aus erster Hand, kann das an die Zeit im Zweiten Weltkrieg erinnern. Sie bekommen einfach Angst. Sie durchleben dann alles noch mal.

Hand aufs Herz: Können und dürfen Feuerwehrleute angesichts der vielen Risiken überhaupt entspannt Silvester feiern und mit einem Gläschen auf das neue Jahr anstoßen?

Natürlich können wir anstoßen. Das kann und will hier keiner verbieten. Jeder Feuerwehrmann hat so viel Vernunft und weiß, was erlaubt ist und was nicht. Jeder der zum Einsatz fährt, ist hundert Prozent einsatzfähig. Da lege ich für alle Kameraden die Hand ins Feuer. Da sind wir alle Profis genug.

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Letzte Frage: Aus Sicht der Feuerwehr ist eine Silvesternacht ohne Einsätze der perfekte Start ins neue Jahr, oder?

Ja, natürlich. Wenn wir nicht ausrücken müssen, geht es den Menschen gut. Das ist doch das einzige, was zählt.

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