Heeker Nachbarschaftskrieg: Hetzjagd und Falschaussagen machen Richter fassungslos

mlzAmtsgericht Ahaus

Ein 60-jähriger Heeker soll seinen Nachbarn abgedrängt haben. Doch der Richter glaubt, die Zeugen wollen ihm etwas anhängen. Hintergrund ist ein jahrelanger Nachbarschaftskrieg.

Heek

, 06.12.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Falschaussagen par excellence“ bescheinigt der Richter den drei Zeugen in seinem Urteil. Nach fast zwei Stunden Verhandlung ist er sich sicher: „Sie haben sich gemeinsam überlegt, wie Sie dem Angeklagten einen reinwürgen können. Die Tat hat so nie stattgefunden.“

Aber von vorne. Ein 60-jähriger Heeker soll laut Anklage einen zu Fuß gehenden Nachbarn mit dem Auto so bedrängt haben, dass der in ein Blumenbeet springen musste. Danach soll er eine Radfahrerin mehrmals am Überholen gehindert haben, indem er unvermittelt nach links lenkte und Schlangenlinien fuhr.

Im juristischen Sinn ist das ein schwerer Eingriff in den Straßenverkehr und eine Nötigung. Laut Anklage sei der Angeklagte sogar „ungeeignet, ein Kraftfahrzeug zu führen“.

Verteidigerin spricht von einer Hetzjagd

Von alldem will die Verteidigerin nichts wissen. „Das hier ist eine Hetzjagd auf meinen Mandanten“, macht sie von Anfang deutlich. Hintergrund sei ein Nachbarschaftsstreit. Ein Zeuge nennt es später gar „Nachbarschaftskrieg“.

Schon vor fünf Jahren haben mehrere Nachbarn per Unterschriftenliste dem 60-Jährigen ein Hausverbot für ihre Grundstücke erteilt. Die Gründe für den jahrelangen Streit werden vor Gericht nicht so richtig klar. Es soll um Erbschaftsstreitigkeiten gehen, um einen Wasserschaden und Beschwerden wegen zu lauter Musik.

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Trotzdem sagt der Angeklagte zu den aktuellen Vorwürfen: „Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.“ Doch seinen wirren Erklärungen, was er wann gesehen und gesagt hat, schenkt der Richter wenig Glauben: „Sie argumentieren nicht wie ein Unschuldslamm.“

Auf der anderen Seite jedoch sind auch die Zeugenaussagen alles andere als logisch. Die Verteidigerin lässt die Zeugen aufmalen, wo sie gestanden haben, wo das Auto und wo der Fußgänger war. Dadurch werden immer mehr Zweifel laut.

Zeugen machen abstruse und unlogische Angaben

„Wie konnten Sie denn sehen, wie dicht das Auto an dem Fußgänger vorbeigefahren ist? Sie standen auf der anderen Straßenseite an Ihrem Wohnzimmerfenster. Können Sie durch das Auto hindurch gucken?“, fragt die Anwältin etwas fassungslos. „Ich konnte das sehen, ganz eindeutig. Der hat den abgedrängt“, bleibt der Zeuge bei seiner Version.

Doch Richter und Anwälte sind nicht überzeugt. Denn es gibt weiter Ungereimtheiten, auch bei den anderen beiden Zeugen. „Warum sind Sie auf die Straße gegangen?“, will der Richter von einem wissen. „Weil ich das Auto des Angeklagten gesehen habe und wusste, dass da was passiert.“ Obwohl es vorher nie einen ähnlichen Vorfall gegeben habe.

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„Und was haben Sie dann gemacht, als Ihr Nachbar dem Auto ausweichen musste?“, hakt der Richter nach. „Ich bin wieder reingegangen.“ Völliges Unverständnis beim Richter. „Sie glauben, dass was passiert, und wenn dann wirklich was passiert, gehen Sie nicht einmal zu Ihrem Nachbar, um mit ihm zu reden? Das ist komplett unlogisch!“

Zudem unterscheiden sich die Zeugenaussagen in zahlreichen Punkten. Für die Schlenker, mit denen er eine Radfahrerin am Überholen gehindert hat, hat der Angeklagte indes eine Erklärung: „Ich habe sie nicht gesehen. Ich bin hochstehenden Gullideckeln ausgewichen und habe dann ein paar Schlenker gemacht, um das Auto zu testen. Das war vorher in der Werkstatt.“

Ein klarer Freispruch für den Angeklagten

Nach einer kurzen Beratung zwischen Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Richter ohne Zuschauer werden die Plädoyers verlesen. Beide Seiten fordern einen Freispruch. Dem folgt der Richter.

„Der Angeklagte mag aus Sicht der Nachbarschaft ein unsympathischer Vogel sein. Aber Sie haben hier abstruse Geschichten erzählt. Und dann haben Sie sich auch noch schlecht abgesprochen. Ich habe schon wesentlich bessere Lügner erlebt.“

Die klaren Worte und das Urteil werden im recht vollen Zuschauerraum unterschiedlich aufgenommen. Die Familie des Angeklagten atmet erleichtert auf und nennt den ganzen Prozess eine „Farce“. Die Nachbarn hingegen sind wütend. „Muss er denn erst jemanden totfahren“, wirft einer dem Richter vor. Oder: „Das ist eine Unverschämtheit. Wie können Sie damit leben?“

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