Lydie Auvray lässt das Meer erwachen

Könnerin am Akkordeon

Jedes Stück gleicht einer Hommage an ihr Instrument. Die schönste Liebeserklärung jedoch, die ihrer Ansicht nach jemals für das Akkordeon geschrieben wurde, hat jemand anderes verfasst: Serge Gainsbourg mit dem Titel „L‘accordeon“. Es ist eine der ganz wenigen Fremdkompositionen, die Lydie Auvray am Samstagabend in der Landesmusikakademie vorträgt.

HEEK

von Martin Borck

, 04.10.2015, 17:15 Uhr / Lesedauer: 1 min
Lydie Auvray lässt das Meer erwachen

Lydie Auvray verzückte mit einem fantastischen Auftritt in der Landesmusikakademie.

Umso höher ist diese Hommage (sowohl an Gainsbourg als auch an das Instrument) zu werten. Das Konzert insgesamt entwickelt sich zu einem weiteren Höhepunkt im Rahmen des Kongresses „Akkordeon – das globale Instrument“. Wie global das Knopfakkordeon ist, demonstriert Auvray fast beiläufig. Da stehen kräftige Tangos („Tango terrible“) neben zarten musikalischen Impressionen („Seifenblase“), da perlen die Triolen einer Musette, die von einer tiefschürfenden Komposition mit „slawischer Seele“ abgelöst wird („Casimir“).

Seltene Soloauftritte

Auvray tritt relativ selten solo auf. Doch ihr Akkordeonspiel und ihre Präsenz halten mühelos die Spannung im Konzert aufrecht. Sie sorgt für stetige Abwechslung. Nicht nur das Programm strotzt vor Vielfalt, auch die Binnendynamik in jeder ihrer Kompositionen lässt immer wieder aufhorchen. Am ohrenfälligsten ist das in dem Stück „Das Meer“, das die in der Normandie geborene Musikerin als Lebensquelle beschreibt.

Da stößt der Balg tiefe Atemzüge aus, die das Rauschen des Meerwinds wiedergeben; da wogen Wellen an den Strand, da sind einige Brecher und die Gischt akustisch zu spüren. Es bedarf nicht einmal brausenden Sturms, um das Meeresbild plastisch vorm inneren Auge entstehen zu lassen – allein durch die Musik. Genauso gelingt es ihr, die Atmosphäre in einem typischen französischen Lokal („Guingette“) mit ihren Tänzern, Träumern und Trinkern einzufangen.

Vielseitige Inspirationen

Beim Schreiben lässt sich Auvray gerne inspirieren. So entstehen Titel, die manchmal eine Ausstrahlung besitzen, die gar nicht unbedingt beabsichtigt war. „El Cidre“ klingt mexikanisch – „und keiner weiß eigentlich, warum“, erzählt sie. Wunderbar, weil eben nicht unbedingt typisch für einen Akkordeonabend, die Stücke mit ungeraden Takten (untypisch, wenn man vom Dreivierteltakt der Walzer mal absieht). „Septante deux“ ist ein solcher außergewöhnlicher Titel. Fabelhaft! Auvray geht in ihrer Musik völlig auf, stampft immer wieder mal den Takt mit den Füßen, wiegt sich im Rhythmus, schließt die Augen, lauscht ihrem eigenen Spiel nach und zieht die Zuhörer in ihren Bann.

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