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Mariette Schlichtmann betreut Häftlings-Kinder in Bolivien

mlzAuslandsjahr in Südamerika

Die 18-jährige Heekerin Mariette Schlichtmann muss bei ihrem Freiwilligendienst so manchen Kulturschock überwinden – und nimmt das Abenteuer an. Wir haben mit ihr gesprochen.

Heek

, 08.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Mariette Schlichtmann hätte auch einen bequemeren Weg einschlagen können. Doch die 18-Jährige aus Averbeck erlebt gerade das größte Abenteuer ihres Lebens. Für ein Jahr betreut sie in Kinder in Cochabamba, Bolivien - fast 10.500 Kilometer Luftlinie von ihrer Heeker Heimat entfernt.

Seit August ist sie Missionarin auf Zeit im ärmsten Land Südamerikas und musste dabei so manchen Kulturschock meistern. Aus dem beschaulichen Averbeck für den Freiwilligendienst in die viertgrößte Stadt Boliviens. Aus dem flachen Münsterland in die bolivianische Hochebene, knapp 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Weit entfernt von Freunden und Familie. Neue Sprache und ein Job, der ihr viel mentale Stärke abverlangt.

Doch Mariette Schlichtmann nimmt die Herausforderungen an. „Nach fünf Monaten habe ich mich gut eingelebt. Auch die Arbeit habe ich inzwischen gut im Griff“, berichtet sie am Telefon. Die besteht vor allem darin, Kinder von Inhaftierten tagsüber zu betreuen. Im Kinderheim Aldea Cristo Rey mit angeschlossener Schule gibt sie den Kindern Nachhilfe, isst und spielt mit ihnen.

Elternbesuch in Polizeibegleitung

„Die Eltern werden teilweise von drei bis vier bewaffneten Polizisten begleitet, wenn sie ihre Kinder besuchen“, schildert sie. „Aber viele Kinder werden auch zu uns geschickt, weil die Eltern zu wenig Geld haben, um sie zu versorgen.“

Keine einfache Aufgabe, denn viele Kinder sind traumatisiert. „Am Anfang habe ich oft vergessen, dass viele von ihnen schlimme Erfahrungen gemacht haben, weil sie so fröhlich sind“, sagt sie. „Aber manchmal reicht eine falsche Bewegung und sie weichen zurück.“ Was genau die Kinder erlebt haben, weiß sie oft nur vom Hörensagen. „Aber man sieht die Narben. Die Älteren reden auch darüber, die Jüngeren wollen meist nicht sprechen.“ Umso wichtiger ist es für die Heekerin, sich mit den Kollegen auszutauschen: „Das muss man erst mal verarbeiten. Aber die Arbeit mit den Kindern gibt mir so viel.“

Zu groß für den Mikrobus

In Cochabamba lebt sie in einer Wohnung mit zwei anderen Freiwilligen zusammen. Mit denen feierte sie auch Weihnachten. „Das war natürlich nicht einfach, denn so lange war ich noch nie von zu Hause weg. Da gab es schon ein paar schwierige Momente.“ Ein Heimatbesuch ist ihr seitens der Organisation nicht gestattet. „Ich habe zwar vier Wochen Urlaub, aber den muss ich hier verbringen, sonst gilt das als Abbruch des Freiwilligendienstes.“

Und so nutzt sie ihre Freizeit, um das Land zu erkunden. Mit anderen Freiwilligen besuchte sie unter anderem die Salzwüste Uyuni, den Titicacasee und die Metropole La Paz. Cochabamba erkunden die jungen Frauen per Sammeltaxi (Trufi) oder Mikrobus - und fallen dabei auf. „Wir müssen immer lachen, weil wir viel zu groß für die Fahrzeuge sind und immer geduckt stehen müssen.“

Mariette Schlichtmann betreut Häftlings-Kinder in Bolivien

In ihrer Freizeit besuchte die 18-jährige auch die Salar de Uyuni, die mit 10.000 Quadratmetern größte Salzpfanne der Erde. © Privat

Auch die Verständigung klappt immer besser. Kurz vor Dienstantritt hatte sie per App Spanisch gelernt, vor Ort gab es Sprachunterricht. „Ich hatte erst Angst, dass das zu wenig ist, aber mit den Kindern konnte ich mich sofort verständigen. Aber das Sprechen fällt mir noch viel schwerer als das Verstehen.“ Von der indigenen Sprache Quechua hat sie ein paar Brocken aufgeschnappt. „Aber das ist viel komplizierter.“

Auch an den Speiseplan hat sie sich inzwischen gewöhnt. „Auf dem Markt gibt es hier fast alles, von Kuhherzen bis zu Tentakeln. Und in unserer Einrichtung gibt es viel traditionelle Küche. An manche Gerüche und Geschmäcker muss man sich erst gewöhnen.“ Sonst könne man aber vieles bekommen. Nur die gewohnten Süßigkeiten fehlen „Lakritz gibt es hier leider gar nicht“, verrät sie lachend.

Sehnsucht nach Averbeck

Viel mehr als das vermisst sie ihre Heimat. „Mir fehlen Averbeck, die Landschaft, die Leute. Ich bin ein extremes Landkind. Hier kannte ich alles und jeden.“ In Cochabamba lebt sie in der viertgrößten Stadt des Landes. „Das ist schon ein extremer Unterschied.“ Die bolivianischen Kinder interessieren sich brennend für ihre Heimat. „Das können die sich gar nicht vorstellen, wie wir hier leben. Und sind geschockt, wenn sie hören, wie flach es hier ist.“

Ende Juli geht es zurück in die Heimat. Danach will sie soziale Arbeit in Münster studieren. „Aber es dauert sicher ein bisschen, bis ich wieder richtig angekommen bin, so richtig zu Hause.“ Es ist ihr zuzutrauen, dass sie auch diese Hürde meistern wird.

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