„Schmieriges Geschäftsmodell“: Richter spricht Partnervermittlerin von Betrugsvorwurf frei

mlzLandgericht Münster

Ein Heeker Rentner fühlte sich von einer Partnervermittlung betrogen. Doch die Essener Vermittlerin, in erster Instanz wegen Betruges verurteilt, wurde nun vom Landgericht freigesprochen.

Heek

, 25.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er wollte die große Liebe. Doch was er bekam war eine Rechnung über 8500 Euro. Ein 75-jähriger Heeker fühlte sich von einer Partnervermittlerin aus Essen betrogen, weil diese ihn nicht über den vollen Preis der Vermittlung aufgeklärt habe. Der Fall hatte zunächst das Amtsgericht Ahaus beschäftigt, das die Vermittlerin wegen Betruges zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 40 Euro verurteilt hatte. Dagegen jedoch legte die Angeklagte Berufung ein, sodass der Fall nun vor dem Landgericht Münster neu aufgerollt wurde.

Unstrittig ist, dass der 75-jährige Rentner sich im September 2017 auf eine Anzeige in einer Wochenzeitung gemeldet hatte. Nach eigener Aussage, um direkt mit der im Inserat genannten Person in Kontakt zu treten. „Ich habe gedacht, die Dame kommt. Aber gekommen ist die Angeklagte“, so der Witwer. Erst seine Ehefrau, dann seine Lebensgefährtin waren verstorben, entsprechend groß sei die Sehnsucht nach einer neuen Bekanntschaft gewesen.

Zu Hause besuchte ihn die 49-jährige Angeklagte, die auf Honorarbasis für eine Koblenzer Partnervermittlungsagentur arbeitet. Dabei unterschrieb er einen Vertrag, der ihn zur Zahlung von 8500 Euro verpflichtete. Doch wie dieser zustande gekommen war, darüber erzählen die Beteiligten zwei gänzlich verschiedene Versionen.

„Der unterschreibt nie irgendwas“

„Die Frau hat mir allerhand erzählt“, gab der Heeker zu Protokoll. „Dann sollte ich irgendwas unterschreiben.“ Er habe dann auf seinen Sohn verwiesen, der alles Schriftliche für ihn regele. Diesem solle er sagen, die Versicherung sei da gewesen, habe ihn die Partnervermittlerin gedrängt. Von 1000 Euro Gebühr sei in der Unterhaltung die Rede gewesen. Als er die tatsächliche Summe gehört habe, sei er aus allen Wolken gefallen. „Sonst hätte ich nie unterschrieben. Ich wollte die Dame ja nicht kaufen“, so der Rentner. Nur etwa 20 Minuten sei die Frau bei ihm gewesen. Eine Durchschrift des Vertrages hinterließ sie ihm nicht.

Die brachte am nächsten Tag eine Kollegin der Angeklagten. Empfangen wurde sie vom 41-jährigen Sohn des Heekers, der sich als Polizeibeamter zu erkennen gab. Zuerst habe sein Vater ihm die Version vom Versicherungs-Besuch erzählt. „Die Versicherungsleute kenne ich aber alle, da musste etwas faul sein.“ Als er von der Vermittlungsagentur erfuhr, habe er im Internet nach der Firma gesucht und sei auf lauter Warnungen mutmaßlich betrogener Kunden gestoßen. Mithilfe eines Anwalts kündigte der Heeker den Vertrag und erstattete Anzeige. „Es ist gar nicht seine Art, der unterschreibt nie irgendwas“, sagte er über seinen Vater. Der sei „in Vertragsangelegenheiten unbeholfen, aber auf keinen Fall senil.“

Vermittlerin weist alle Vorwürfe von sich

Die 49-jährige Essenerin wies alle Vorwürfe von sich. Die volle Summe habe sie während des Gesprächs immer genannt. Eine Verschleierung des Betrags nütze ihr nichts. Schließlich werde sie auf Provisionsbasis bezahlt und erhalte kein Geld für nachträglich angefochtene Verträge. 1600 Euro pro Vertragsabschluss erhalte sie von der Agentur. Sieben bis acht Kunden in der Woche besuche sie, von denen etwa jeder zweite unterschreibe. Rund drei Stunden Zeit habe sie sich für den Heeker genommen, um ihm alles zu erklären. „Das war alles ordnungsgemäß.“ In Schriftgröße 8 war die Summe auf dem Vertrag vermerkt.

Ständig wechselnde Summen

Von 1000 Euro Forderungssumme sei der Rentner ausgegangen, wie er vor Gericht angab. Mal sprach er von 1200 Euro, mal von 1300 Euro. Sein Sohn sprach von „Tausendirgendwas“. In der ersten Instanz waren von 1500 und 1800 Euro die Rede gewesen. Und auch sonst waren die Erinnerungen des Heekers löchrig. Den Vertrag mit seiner Unterschrift habe er so nie zu Gesicht bekommen. Und auch an mehrere Angaben zu seiner Person, die die Vermittlerin aufgeschrieben hatte, konnte er sich nicht erinnern. Ein Hörgerät, das er inzwischen trägt, habe er damals noch nicht besessen.

Die unklaren Angaben, kostete der Verteidiger genüsslich aus. „1000 Euro, 1200 Euro, 1500 Euro, 1800 Euro - wir haben hier schon alle Varianten gehört.“ Auch habe der Rentner wohl schon schlecht gehört. „Es gibt so viele Zweifel an den Aussagen des Zeugen.“

Staatsanwalt fordert trotz deutlicher Zweifel einen Freispruch

Trotz deutlichen Zweifels an der Version der Angeklagten, forderte auch der Staatsanwalt ihren Freispruch. „Das ist schon ein schmieriges Geschäftsmodell.“ Das fange bei der irreführenden Anzeige an. Auch das Verhältnis von Leistung und Gegenleistung sei „zivilrechtlich bedenkenswert“. Dazu komme eine Kundschaft, der es schwer falle die Sachverhalte nachzuvollziehen. Genau da sei aber das Problem: „Es gab ein Problem mit der Wahrnehmung des Zeugen. Mir reicht das nicht für eine Verurteilung.“

Dem schloss sich der Richter an. Auch er kritisierte das Geschäftsgebaren der Partnervermittlung. Im Falle der fehlenden Durchschrift sei dies sogar rechtswidrig. Aber: „Uns fehlt Hand und Fuß für eine Verurteilung. Es geht nur um die Frage, ob wir eine Täuschung nachweisen können und das können wir nicht. Daher kann es nur ein Urteil geben.“ Freispruch.

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