Das Schild macht unmissverständlich klar, worum es sich bei dem Teilabschnitt der Ochtruper Landstraße handelt. © Markus Gehring
Verkehr

Was die Versuchsstrecke in Heek für Autofahrer so tückisch macht

In Heek gibt es einen Straßenabschnitt, den es in der Form kein zweites Mal im Kreis Borken gibt. Die so genannte Versuchsstrecke birgt Tücken. Jüngst krachten dort zwei Autos frontal zusammen.

Es kurz nach 12 Uhr an einem Dienstag im November. Eine 38-jährige Ahauserin ist mit ihrem Auto aus Richtung Ochtrup kommend nach Heek unterwegs. Dann passiert es: Die 38-Jährige kommt rechts von der Fahrbahn ab, gerät in den Grünstreifen, steuert stark gegen und kracht dann frontal mit dem Auto einer 48-Jährigen zusammen.

Wenig später sind Rettungsdienst und Polizei vor Ort. Die Unfallbilanz: Zwei leichtverletzte Personen und rund 8000 Euro Sachschaden. Auffällig: Der Unfall geschah auf einem ganz speziellen Streckenabschnitt der L573. Es waren nur noch wenige hundert Meter bis zum Ortsteil Nienborg. Reiner Zufall oder steckt mehr dahinter?

Ungewohnte Fahrbahnmarkierung

Dazu muss man wissen, dass die Ochtruper Landstraße, wenn man Nienborg verlässt, auf rund drei Kilometern offiziell als so genannte „Versuchsstrecke“ ausgewiesen ist. Und das bereits seit 2008. Dabei gibt es auf diesem Abschnitt keine Mittellinie, sondern an beiden Straßenrändern eine gestrichelte Linie mit etwa 80 Zentimeter Versatz zum Grünstreifen.

Viel Platz bleibt einem bei Gegenverkehr nicht. Zumal die Orientierungshilfe in Form der Mittel- und Seitenlinie fehlt. Kommt ein Trecker an, wird es richtig eng. Ist es dunkel, wird es noch komplizierter. Für Auswärtige doppelt ungewohnt, da es laut Straßen.NRW keine weitere derartige Versuchsstrecke im Kreis Borken gibt.

So richtig viel Platz bleibt nicht, wenn beispielsweise ein Trecker ankommt.
So richtig viel Platz bleibt nicht, wenn beispielsweise ein Trecker ankommt. © Markus Gehring © Markus Gehring

Doch dahinter steckt natürlich eine Idee. Heiner Lütke-Wenning vom Landesbetrieb erklärt auf Redaktionsanfrage: „So versucht man in der Regel bei älteren und untergeordneten Straßen den Verkehr in die Mitte zu verlagern.“ Der Belag an den Seitenrändern soll so länger halten.

Und „untergeordnet“ heißt weniger frequentiert als der Durchschnitt. Laut Straßen.NRW befahren binnen 24 Stunden rund 1963 Kraftfahrzeuge die Ochtruper Landstraße. Der Durchschnittwert auf Landstraßen betrage hingegen 5700 bis 6000 Kfz.

Unfallgeschehen ist unauffällig

So weit so gut – doch kann es sein, dass die „gewöhnungsbedürftige“ Fahrbahnmarkierung auf diesem Abschnitt die Unfallquote in die Höhe treibt? Und spielte die Markierung auch beim jüngsten Unfall eine Rolle?

Straßen.NRW bezeichnet das Unfallgeschehen auf der Versuchsstrecke als „absolut unauffällig“. Konkrete Zahlen liefert dann auf Anfrage die Kreispolizeibehörde.

2018 ereigneten sich dort drei Unfälle. In allen Fällen blieb es bei einem Sachschaden. 2019 kam es zu zwei Alleinunfällen mit Leichtverletzten und einem Sachschadenunfall unter Alkoholeinfluss. Auffällig: Mit Ausnahme des Alkoholfalls handelt es sich bei allen anderen um ein „Abkommen von der Fahrbahn“.

Deutlich erkennt man den Unterschied in Sachen Fahrbahnmarkierung.
Deutlich erkennt man den Unterschied in Sachen Fahrbahnmarkierung. © Markus Gehring © Markus Gehring

Einen Zusammenhang mit der Art der Markierung sieht Straßen.NRW aber nicht. „Von der Strecke kommen Autofahrer auch anderer Stelle leider ab“, so Heiner Lütke-Wenning. Und auch die Polizei hebt hervor, dass es sich bei der Versuchsstrecke nach den landesweit gültigen Richtwerten um keine Unfallhäufungsstelle handele.

Unfall war ein „klassischer Fahrfehler“

Und für den Frontalzusammenstoß im November lautet die Unfallursache laut Polizei „klassischer Fahrfehler“. Dabei sei der Unfallhergang als solches gar nicht mal so ungewöhnlich. Unabhängig von der Markierung.

„Es passiert sehr häufig, dass bei Abkommen von der Fahrbahn zu stark gegengelenkt wird“, so Kreispolizei-Pressesprecher Frank Rentmeister. Dabei verliere man dann erst recht die Kontrolle über das Fahrzeug. So wie jüngst eben auch geschehen.

Bleibt die Frage, ob sich der Versuch überhaupt rentiert hat? „Nach Bewertung der Direktion Verkehr hat sich Markierung auf der Versuchsstrecke bewährt“, so der Polizei-Pressesprecher.

Und ganz davon abgesehen, so Heiner Lütke-Wenning, werde sich an der Markierung auf absehbare ohnehin nichts ändern „Es sind keine Veränderungen geplant.“ Und: Der gestrichelte Randstreifen ist kein Radweg. Das betont Lütke-Wenning.

Hinweis: Tatsächlich gibt es weitere Versuchsstrecken im Kreis – unter anderem von Barlo nach Vardinghol. Warum Straßen.NRW diese Information der Redaktion auf explizite Nachfrage vorenthalten hat, ist unklar.

Über den Autor

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.