Ratlosigkeit bei Gastronomen in Herbern: „Wie sollen wir überleben?“

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Steigende Infektionszahlen mit dem Coronavirus und verschärfte Maßnahmen: Im November muss die Gastronomie für einen Monat schließen. In Herbern bangen Inhaber um ihre Existenz.

Ascheberg, Herbern

, 29.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Mittwochabend ist das passiert, was wahrscheinlich viele Gastronomen befürchtet haben: Die Bundesregierung und die Länderchefs haben verschärfte Corona-Maßnahmen beschlossen - inklusive einer einmonatigen Schließung von Gastronomiebetrieben.

Die Lieferung und Abholung von Speisen ist weiterhin erlaubt. Reicht das aus, um das Überleben der Gastronomen zu sichern? Wir haben in Herbern nachgefragt, wie die Inhaber die Situation bewerten.

Hauptsache überleben

Anke Lühring ist Inhaberin der Gaststätte "Zur alten Mühle" in Herbern in der Werner Straße. „Hauptsache wir überleben das. Einfach wird es nicht. Ich weiß nicht, wie wir das alles unter einen Hut kriegen sollen: die Rechnungen, die Fixkosten“, sagt Lühring.

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„Die staatlichen Hilfen können wir nicht nutzen für den Alltagsgebrauch. Mein Mann und ich sind selbstständig. Wovon sollen wir leben?“, fragt die Inhaberin der Gaststätte.

Kein Coronafall

In ihrer Gaststätte habe es keinen einzigen Coronafall gegeben. Die Lüftungsanlage mache ihre Arbeit gut, in den letzten Monaten wurde viel Geld investiert in Desinfektionsmittel und Schutzmaßnahmen.

Trotzdem müsse man jetzt schließen. „Natürlich kann ich härtere Maßnahmen nachvollziehen. Von den Pappnasen, die sich auf privaten Parties in irgendwelchen Kellern treffen, geht ein erhöhtes Risiko aus. Aber nicht von uns“, zeigt sich Lühring hörbar erbost.

Im November müssen Gastronomie, Kulturstätten und Freizeitangebote schließen.

Im November müssen Gastronomie, Kulturstätten und Freizeitangebote schließen. © dpa

Der Mittagstisch könne weiterhin abgeholt werden. Die Speisen reiche man über ein Fenster raus. „Die Rentner, die immer bei uns essen, werden wir weiterhin beliefern“, sagt Anke Lühring, „das ist eine Nettigkeit von uns“.

Mit dem Abhol- und Lieferservice mache die Gaststätte so geringe Beträge, das sich der Aufwand nicht rechnen würde. Anke Lühring wird Hilfe beantragen. Die Bundesregierung erstattet von der Schließung betroffenen Firmen 75 Prozent des Vorjahresumsatzes.

„Bei Nicos“ hofft auf Lieber- und Abholservice

„Für mich ist das ein ganz schöner Schock. Klar wurde gesagt, dass die Infektionszahlen im Herbst wieder steigen. Wie es jetzt weitergeht, weiß ich noch nicht. Ich muss mich erstmal sammeln", sagt Nicolas Pispas vom Grillstübchen „Bei Nikos“ in der Südstraße in Herbern.

Seine Hoffnung setzt er in den Liefer- und Abholservice, der weiterhin erlaubt ist. „Ich hoffe, die Leute nehmen das Angebot besser an als im März. Damals war tote Hose auf den Straßen.“

Nicht mehr verhältnismäßig

Er habe in den letzten Monaten so viele Auflagen erfüllt, einen Thekenschutz eingerichtet, Abstände im Lokal eingeführt und 50 Prozent der Plätze seien draußen im Freien. Jeder Kunde kriege einen Vorlagenzettel der Dehoga, um seine Kontaktdaten aufzuschreiben.

„Trotzdem habe ich am Mittwoch eine Strafe von 2000 Euro bekommen. Es kam jemand vom Ordnungsamt und hat bemängelt, ein Zettel sei nicht korrekt unterschrieben. Dann höre ich, dass wir ab kommenden Montag zu machen müssen. Das ist nicht mehr verhältnismäßig.“, bemängelt Nicolas Pispas.

Gaststättenverband: 70 Prozent bangen um Existenz

Der Gaststätten und Hotelverband (Dehoga) in Nordrhein-Westfalen kritisiert die erneuten Schließungen in einer Pressemitteilung: „Wir haben alles und mehr gemacht, als wir mussten. Jetzt müssen wir schließen, obwohl wir kein relevanter Faktor im Infektionsgeschehen sind. Wir sind frustriert!“, sagt Bernd Niemeier, Präsident des Dehoga Nordrhein-Westfalen.

Im Gegensatz zum privaten Bereich seien Gaststätten und Hotels nicht als Infektionsherde in Erscheinung getreten. Verbote in der Gastronomie würden häufig zu „Ausweichbewegungen“ in den privaten Bereich führen, kritisiert der Verband.

Im Gastgewerbe fühlten sich vor den nun angekündigten Schließungen nach Erhebungen des Dehoga bereits mehr als 70 Prozent in ihrer Existenz bedroht. Die Branche erwarte Umsatzverluste in Höhe von rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, heißt es weiter.

Zehn Milliarden stehen zur Verfügung Der Bund hat beschlossen, dass Betriebe, die im November zwangsweise schließen müssen, Gelder erstattet bekommen. Unternehmen bis 50 Mitarbeiter erhalten 75 Prozent des Vorjahresumsatzes, Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern bis zu 70 Prozent. Das Geld wird mit anderen Hilfeleistungen verrechnet und muss nicht zurückgezahlt werden.
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