„Warum habt ihr nicht eher eingegriffen?“ Ascheberger Dietmar Panske will Aufklärung im Fall Lügde

mlzUntersuchungsausschuss Fall Lügde

Es gab klare Hinweise. Doch es wurde nicht gehandelt. Der Fall Lügde mit hundertfachem sexuellen Kindesmissbrauch beschäftigt den Untersuchungsausschuss. Dietmar Panske aus Ascheberg ist mittendrin.

Ascheberg

, 03.03.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

293 Fälle von Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz, unzähliges Material von Kinderpornografie und fehlerhafte, manipulierte oder verschwundene Akten der Behörden. Der unbeschreibliche Fall Lügde hat die Landesregierung dazu gezwungen, einen Untersuchungssausschuss zu gründen. Eine der wichtigsten Fragen, die hier geklärt werden sollen: Gibt es ein strukturelles Problem in den Behörden Nordrhein-Westfalens?

Täglich beschäftigt sich Dietmar Panske, Landtagsabgeordneter aus Ascheberg, mit den Akten zum Fall Lügde. Er ist CDU-Obmann und Sprecher im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der im Sommer 2019 eingesetzt wurde. Sein Antrieb: Der 53-Jährige will verstehen und aufklären, wieso es überhaupt so weit kommen konnte.

200.000 Aktenseiten

Wie konnte der Hauptbeschuldigte Andreas V. jahrelang Kinder in seinem Campingwagen im ostwestfälischen Lügde missbrauchen? Wieso konnte ein alleinstehender 53-jähriger Arbeitsloser, der in Dreck und Chaos lebt, überhaupt Pflegevater werden? Und wieso sind Behördenmitarbeiter konkreten Hinweisen auf einen möglichen sexuellen Kindesmissbrauch nicht nachgegangen?

Etwa 200.000 Aktenseiten müssen durchgearbeitet werden.

Etwa 200.000 Aktenseiten müssen durchgearbeitet werden. © picture alliance/dpa

Wenn Dietmar Panske über seine Arbeit im Untersuchungsausschuss spricht, ist gleich zu spüren, wie ihn das Thema aufwühlt, wie es ihn bewegt. Zunächst geht es darum, die Akten aufzubereiten. Insgesamt sind es 200.000 Seiten, die gelesen werden müssen. „Deswegen muss man schon schauen, wie man strategisch am besten vorgeht“, erklärt Panske.

Fehlerhafte Akten

Täglich liest er die Akten, die er und die anderen Mitglieder des Ausschusses bekommen haben. Zunächst sind es die Aufzeichnungen aus dem Jugendamt Hameln-Pyrmont. Es ist über Jahre hinweg für das Kind zuständig, das auf dem Campingplatz ein Martyrium erlebt. Auch die Mutter des Mädchens ist hier geführt.

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Wie schwierig die Aufarbeitung sein wird, ist gleich bei einem Blick auf die Akten erkennbar. Die Namen der Opfer sind nicht mit Pseudonymen versehen, um sie zu schützen. „Das ist natürlich ein Unding. Da musste man ein ernstes Wort mit denen sprechen“, erzählt Panske. Mittlerweile ist dies korrigiert.

Viel wichtiger als die Namen der Opfer sind schließlich die Namen der zuständigen Behördenmitarbeiter. Sie müssen sich erklären, ob und wie sie Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung nachgegangen sind.

Es gab viele und eindeutige Hinweise

Eins ist klar: „Es hat eindeutige Hinweise gegeben. Es hat in den letzten zweieinhalb Jahren immer wieder Leute gegeben, die sich beim Jugendamt gemeldet haben und gesagt haben: ‚Da ist irgendwas nicht in Ordnung. Ich habe den Verdacht, dass er pädophil ist‘.“ Pädophil. Ja, dieser Ausdruck sei mehrmals und von verschiedenen Personen gefallen, erzählt der Ascheberger.

Abgesperrter Wohnwagen: Auf diesem Campingplatz in Lügde kam es zu mehrfachem sexuellen Kindesmissbrauch. Mittlerweile sind zwei Haupttäter verurteilt worden.

Abgesperrter Wohnwagen: Auf diesem Campingplatz in Lügde kam es zu mehrfachem sexuellen Kindesmissbrauch. Mittlerweile sind zwei Haupttäter verurteilt worden. © picture alliance/dpa

Jetzt, bei der Aufarbeitung der Akten, sei man im Nachhinein immer schlauer, so Panske. „Aber man stellt sich natürlich die Frage: Warum habt ihr nicht eher eingegriffen?“ Diese Frage werden die zuständigen Mitarbeiter beantworten müssen.

„Fehler sind passiert. Dafür muss man kein Prophet sein.“
Dietmar Panske, CDU-Obmann und Sprecher im Untersuchungsausschuss

Im Untersuchungsausschuss werden die Zeugen wie vor Gericht belehrt und müssen wahrheitsgemäß antworten. Am Ende des langen Prozesses möchten die Mitglieder des Untersuchungsausschusses eine Erklärung für das Geschehene haben: War es menschliches Versagen oder ein strukturelles Problem?

„Wenn Standard ist, dass wir keine Standards haben, dann müssen wir reden“, sagt Dietmar Panske. Dann müssen Prozesse verändert werden. „Fehler sind passiert. Dafür muss man kein Prophet sein. Ich glaube, dass wir einige Standards einziehen müssen. Davon bin ich überzeugt“, sagt der Ascheberger mit Nachdruck.

Hinweis versickert im System

Fehler sind in der Kommunikation zwischen Behörden - etwa Polizei und Jugendamt - und über Landesgrenzen von NRW und Niedersachsen hinweg passiert.

Ermittlungen in Lügde: Eine Polizeibeamtin der Spurensicherung trägt einen sichergestellten Monitor aus der abgesperrten Parzelle des Täters auf dem Campingplatz.

Ermittlungen in Lügde: Eine Polizeibeamtin der Spurensicherung trägt einen sichergestellten Monitor aus der abgesperrten Parzelle des Täters auf dem Campingplatz. © picture alliance/dpa

„Das allergrößte Problem im Fall Lügde war, dass Behörden entweder nicht kommuniziert haben oder völlig falsch bewertet wurde. Es hat Hinweise gegeben – zum Beispiel bei der Polizei. Dann versickert der Hinweis im System. Das darf natürlich nicht passieren. Jetzt müssen wir gucken, ob das nur bei der zuständigen Polizeibehörde in Lippe ein Alleinstellungsmerkmal ist oder ein strukturelles Problem ist. Haben vielleicht mehrere Fehlerketten dazu geführt, dass es so ausgegangen ist, wie es ausgegangen ist“, erklärt Panske.

Akten aus Jugendamt sind chaotisch

Einige Akten seien fehlerhaft. Sogar mehr als das. „Keine Aufzeichnung, keine Dokumentation, keine Übergabe“, zählt Panske die Zustände in einer Behörde auf. Andere Akten sind manipuliert, andere verschwunden. Und andere sind tatsächlich nichts anderes als chaotisch.

Die ersten Aufzeichnungen, die Panske erhält, sind nicht geordnet. „Natürlich ärgere ich mich, wenn ich drei Tage damit verbringe, alles auszudrucken, um die Akte erst einmal in einen Zustand zu bringen, damit ich damit arbeiten kann. Und Sie können sich sicher sein, dass ich dazu Fragen stellen werde“, so Panske.

Jede Dienstanweisung zum Fall Lügde wird geprüft

Zu klären wird auch sein, wie die Mitarbeiter mit Hinweisen umgegangen sind, wie diese bewertet wurden. „Wir gucken uns jede Dienstanweisung an. Wir gucken uns jeden Prozess an und schauen, ob danach gehandelt wurde“, erklärt er. Und es wird zu klären sein, warum in manchen Situationen gar nicht gehandelt wurde.

Etwa, als Zuständige der Familienhilfe der Awo Höxter auf dem Campingplatz in Lügde waren. Zwei Mitarbeiter haben sich die Lage vor Ort angeschaut und mit dem nun verurteilten Hauptschuldigen gesprochen. „Was hat das bei ihnen ausgelöst, welche Auswertung haben sie dazu gemacht und wurden weitere Meinungen eingeholt - das alles muss geklärt werden“, so Panske.

„Wenn man sieht, wie es da aussah, dann würde man sofort sagen: Das geht überhaupt nicht. Da muss man eingreifen.“
Dietmar Panske

Er selbst habe Bilder aus Lügde gesehen. „Wenn man sieht, wie es da aussah, dann würden Sie und ich und zehn andere, die wir jetzt befragen würden, sofort sagen: Das geht überhaupt nicht. Da muss man eingreifen. Es war total verdreckt und vermüllt. Das Jugendamt war ein paar Mal da und hat es gesehen. Dann wurden dem Mann Fristen gesetzt. Dann wurde mal ein bisschen aufgeräumt“, erzählt Panske.

Auch die Mitarbeiter des Jugendamtes seien immer wieder vor Ort gewesen. „Wenn man sich allein die Zustände im Campingwagen anschaut, hätte man das Ganze beenden müssen“, so Panske.

Blick in den Wohnwagen des Haupttäters

Blick in den Wohnwagen des Haupttäters © picture alliance/dpa

Warum wurde keiner wach? Warum hat keiner reagiert?

Aber auch die Konstellation an sich hätte für eine Reaktion der Behörden reichen müssen. Ein 53-jähriger, arbeitsloser und alleinstehender Mann möchte ein kleines Mädchen in Pflege nehmen. Selbst in der Prüfung, ob er als Pflegevater geeignet ist, habe es Hinweise wegen Kindesmissbrauchs gegeben. Und 2002 und 2008 sei er in genau diesem Deliktsbereich auffällig geworden.

Ein Zeuge, der für die Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Höxter tätig ist, wird vom Ausschussvorsitzenden Andreas Kossiski (SPD) im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zum Kindesmissbrauch von Lügde befragt. Die AWO soll mindestens acht Hausbesuche bei dem Haupttäter auf dem Campingplatz durchgeführt haben.

Ein Zeuge, der für die Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Höxter tätig ist, wird vom Ausschussvorsitzenden Andreas Kossiski (SPD) im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zum Kindesmissbrauch von Lügde befragt. Die Awo soll mindestens acht Hausbesuche bei dem Haupttäter auf dem Campingplatz durchgeführt haben. © picture alliance/dpa

Warum wurde dann keiner wach? Warum hat keiner reagiert? Die Reaktion zweier Mitarbeiter der Familienhilfe, die die Verhältnisse bei mindestens acht Hausbesuchen vor Ort beurteilt haben, ist für Dietmar Panske ungeheuerlich: „Ein Mitarbeiter hat gesagt, dass er das regelmäßig in seiner Arbeit sieht. Dann frage ich mich wirklich, in welcher Gesellschaft leben wir hier, wenn das so Standard ist. Wenn Menschen, die an solch einer Schnittstelle sagen: ‚Das habe ich jeden Tag‘.“ Die Mitarbeiter der Familienhilfe waren die ersten Zeugen, die der Untersuchungsausschuss Ende Januar angehört hat.

Kita-Mitarbeiterinnen bezeichnen Pflegevater als „pädophil“

Die nächsten Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss sollen weiter helfen, im Fall Lügde klarer zu sehen. Am Montag, 9. März, hören die Mitglieder des Untersuchungsausschusses etwa Mitarbeiterinnen aus einer Kita an. Auch hier habe es bereits 2016 Hinweise gegeben, dass die Pflegetochter missbraucht wird. Ebenso fiel der Begriff „pädophil“, als es um den Hauptbeschuldigten ging.

Andreas V. wurde mittlerweile wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als 200 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der zweite Hauptangeklagte, Mario S. (34), der auch auf dem Campingplatz in Lügde zu Besuch war, wurde zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

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