US-Atomeinheit "Hacksaw" war in Herbern stationiert

Kalter Krieg

Vor zwanzig Jahren ging der Kalte Krieg zu Ende, aber noch immer hat er seine militärischen Geheimnisse. Erst nach und nach kommen die Informationen ans Licht der Öffentlichkeit und oft gibt es Überraschungen. So stellte sich mittlerweile heraus, dass eine US-Atomeinheit in den fünfziger Jahren in Herbern stationiert war, berichtet Gerhard Piper.

HERBERN

22.10.2011, 06:58 Uhr / Lesedauer: 5 min


Gerhard Piper, Jahrgang 1957 war nach dem Abitur ich Unteroffizier bei einer Aufklärungseinheit der Bundeswehr.
Anschließend studierte er Politikwissenschaft in Marburg und Berlin. Seit 1997 ist Piper Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS).
 

stationiert. Die Matador war eine „Flügelbombe“, wie man damals sagte; heute würde man eher von einem Marschflugkörper sprechen. Mitte der fünfziger Jahre war die Zahl der verfügbaren Atomraketen noch klein, und die Jagdbomber konnten nicht bei jedem Wetter starten. Außerdem waren die Matador mit einem Stückpreis von 70.000 Dollar (ohne Atomsprengkopf) relativ billig. Somit stellten die Marschflugkörper damals die wichtigsten US-Atomwaffen in Europa dar. Sobald der amerikanische Präsident (Eisenhower oder Kennedy) seinen Einsatzbefehl

erteilt hätte, sollten die Matador gemäß der damaligen NATO-Strategie der „massiven Vergeltung“ innerhalb der ersten acht Kriegsstunden abgefeuert werden.   Die Matador sah aus wie ein unbemanntes Flugzeug. Bei einer Länge von immerhin 12,1 Metern und einer Flügelspannweite von 8,7 Metern hatte das Geschoss ein Gewicht von 5,2 Tonnen. In ihrem Kopf transportierte die Matador einen Plutonium-Atomsprengkopf vom Typ

mit einer Sprengkraft von 50.000 Tonnen TNT, das entsprach der vierfachen Stärke der Hiroshimabombe. Die Reichweite der Matador betrug maximal 1.100 Kilometer. Dabei erreichte die Matador eine Spitzengeschwindigkeit von 1040 km/h bei einer Flughöhe von 13.500 Metern. Allerdings war der Marschflugkörper nicht sehr treffgenau.   Auf dem Fliegerhorst Bitburg in der Eifel war damals die

stationiert, die ab März 1956 in

umbenannt wurde. Diese Staffel verfügte über 357 Soldaten mit insgesamt 24 Atomwaffen Matador, die auf drei Abschussbasen verteilt waren: Steinborn, Rittersdorf und Idenheim. Auf dem Weg zu ihrem Ziel in der damaligen DDR hätte die Matador nach rund 24 Minuten das Münsterland überflogen. Da die Matador nicht sehr zielgenau war, musste sie auf ihrem langen Flug mittels Fernsteuerung nachgesteuert werden und ins Ziel gelenkt werden. Dafür war u. a. die kleine Atomeinheit in Herbern zuständig.

  Die vorgeschobene Funkstation in Herbern war offiziell als

bekannt. Sie trug den Codenamen

, was auf Deutsch „Säge“ bedeutet. Die Einheit gehörte zur

. Sie wurde zeitweise von einem Captain Zastrow befehligt und bestand – nach unterschiedlichen Angaben - aus 15 bis 23 Soldaten (Bachelor, Burke, Charles Jones, Dale Lake, etc.). Ihr Quartier lag damals auf dem Hügel Hardenberg (Höhe 116 Meter) an der Straße Gottesort zwischen Herbern und Stockum. Unter den Einwohnern war das US-Quartier als

bekannt, allerdings wusste niemand, was die Amerikaner dort genau trieben. Mal war die Rede von einer Radarstation, mal von einer Funkbasis. Jedenfalls war die amerikanische Einheit von Januar 1955 bis ungefähr Juni 1962 in Herbern stationiert.   Die Einheit war mit vier Sattelzugmaschinen (6 x 6) mit speziellen Aufliegern ausgestattet. Auf einem dieser Lkw war die Kontrolleinheit installiert: Mit einer Funkanlage vom Typ

konnten die Soldaten Funkbefehle zur Kurskorrektur an die vorbeifliegende Matador-Marschflugkörper übermitteln. Diese waren dazu mit einer Empfangsanlage

ausgestattet. Dieser Auflieger war rein äußerlich an seinen beiden Antennen-Masten zu erkennen. Auf einem weiteren Auflieger war eine Radaranlage vom Typ

mit einer runden Empfangsschüssel auf dem Wagendach installiert, um die vorbeifliegenden Flugkörper orten zu können. In einem dritten Container war die Funkanlage

für den Kontakt mit der Abschusseinheit in Bitburg untergebracht. In einem vierten Anhänger befanden sich zwei Stromaggregate. Hinzu kamen noch ein bis zwei Lkw für die sechsköpfige Bewachungseinheit.   Der ganze Prozess der Kurskorrektur dauerte pro Flugkörper ungefähr 35 bis 40 Minuten. Auf diese Weise konnte schließlich erreicht werden, dass die Matador im Durchschnitt 700 Meter neben dem angepeilten Objekt einschlug. Aber dies reichte aus, um das Ziel mit einer Atomexplosion zu zerstören.  

Allerdings war die Funkverbindung zwischen einer fliegenden Matador und den Bodenstationen nicht abhörsicher und störanfällig. So musste die Matador in ständigem Kontakt mit den Bodenstationen bleiben. Riss das Signal einmal für mehr als 45 Sekunden ab, ging man davon aus, dass der Flugkörper von seiner programmierten Flugbahn weit abgewichen war und ein Selbstzerstörungsmechanismus sprengte das Geschoss automatisch in die Luft. Tatsächlich ging das Pentagon davon aus, dass im Kriegsfall nur 71 Prozent der Flugkörper tatsächlich ihr Ziel erreichen würden.   „Das Fernkommandoverfahren kann funktechnisch beeinflusst werden,“ hieß es 1959 in einem Dokument der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR. Daher befürchtete die NATO, dass der Gegner die Matador im Flug „kidnappen“ und über westdeutschem Gebiet zum Absturz bringen könnte: Wuppertal, Dortmund, Hamm, Bielefeld, Hannover und Braunschweig lagen auf dem Flugweg. Da die Atomwaffen in den fünfziger Jahren nur über einfache mechanische Sicherungssysteme verfügten, hätte es dabei sogar zu einer Nukleardetonation kommen können.  

Welche Ziele das US-Militär seinerseits für einen Atomschlag ausgewählt hatte war damals streng geheim. George Mindling, der ab 1962 in Bitburg als Waffenmechaniker arbeitete, erklärte dazu: „Über die aktuellen Ziele hat niemand, den ich gekannt habe, auch nur ein leises Wort verloren. Solche Dinge zu diskutieren, war ein sicherer Weg, um vor dem Kriegsgericht zu landen. (...) Wir diskutierten die Zerstörung, die wir in Ost-Deutschland hervorgerufen hätten, unter uns am Anfang recht häufig, aber nach einer Weile wiederholt sich der Dienst und so eine Diskussion wird bedeutungslos. (...) Wenn wir in der ersten Runde nicht gebraten worden wären, hätten wir Glück gehabt. Aber wenn man jung ist und sich für kugelsicher hält, macht einem das nicht groß etwas aus.“   Mittlerweile sind die Angriffsziele eines Matadoreinsatzes bekannt geworden. Militärflughäfen, Armeedepots, Gebiete zum Truppenaufmarsch und Städte. Vorrangige Ziele waren die Fliegerhorste der

in Tutow, Templin, Oranienburg, Finow und Werneuchen. Hier waren z. B. Regimenter mit dem mittleren Frontbomber

stationiert, die im Rahmen des atomaren Rüstungswettlaufs ebenfalls mit Nuklearbomben

(42 Kilotonnen TNT) ausgerüstet werden konnten, um Ziele im Ruhrgebiet zu vernichten.

  Um die Zielobjekte in der DDR auszuspionieren, nutzten die Amerikaner ihre Überflugrechte nach West-Berlin aus. Sie setzten getarnte Spezialmaschinen ein, die auf ihrem Weg von Frankfurt nach Berlin-Tempelhof Luftaufnahmen machten oder die Radarstationen der Sowjets orteten

.   Ein Teil der Marschflugkörper war in ständiger Alarmbereitschaft

. Darüber hinaus wurden die Matador-Einheiten bei verschiedenen Konfliktsituationen während des Kalten Krieges in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt, so beim Ungarnaufstand 1956 und den Berlinkrisen 1958/59 und 1961. Dies galt auch für die Truppe in Herbern, die so ein kleines Rädchen im weltweiten Militärarsenal des Pentagon darstellte.   Am Ende blieb es bei harmlosen Militärübungen. Da man die weitreichenden Flugkörper nicht einfach in Deutschland abschießen konnte, wurden die Abschusseinheiten einmal jährlich zur US-Luftbasis Wheelus in Libyen verlegt, von wo die Flugkörper in die Sahara abgefeuert wurden

. Außerdem setzte die US-Luftwaffe zum Training der Verfahrensabläufe in der BRD zehn spezielle Flugzeuge vom Typ

ein, die auf dem Fliegerhorst Sembach stationiert waren. Sie simulierten den Flug eines Marschflugkörpers, indem sie dessen voraussichtliche Flugbahn abflogen und dabei mit den vorgeschobenen Funkstationen Kontakt aufnahmen. So manchesmal flogen diese ET-33A auch über das Münsterland hinweg, ohne dass dies Aufsehen erregt hätte.   Obwohl die kleine Atomeinheit von Herbern schon seit fünfzig Jahren nicht mehr existiert, kann man dennoch einiges über sie in Erfahrung bringen. Dies hat einen besonderen Grund: Die Militärspionage der Gegenseite interessierte sich natürlich sehr für die atomaren Matador-Staffeln. So berichtete der heute 82-jährige Josef Farwick, der als Lehrer an der Volksschule in Herbern arbeitete, dass er einmal sowjetische Soldaten beobachtete, wie sie die Basis der Amerikaner ausspionierten. Bei den vermeintlichen „Soldaten“ handelte es sich in Wahrheit um Agenten des sowjetischen Militärgeheimdienstes

, die gemäß dem Viermächte-Abkommen legal eine Sowjetische Militärmission im westfälischen Bünde unterhielten. Sie kundschafteten die Basis in Herbern aus, um diese im Kriegsfall durch

-Sonderkommandos in die Luft sprengen zu können, bevor die Amerikaner ihre Atomwaffen einsetzen konnten.

  Was die Sowjetagenten damals nach Moskau weitermeldeten, ist nicht bekannt. Allerdings konnte durch die deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1991 der Archivbestand der ostdeutschen Geheimdienste zum Teil gesichert werden. Dabei fand sich in den Akten der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR ein Dokument, dass die ostdeutschen Erkenntnisse über die Matador-Einheiten in einer umfassenden Broschüre zusammenfasste: „Bericht über die Zusammensetzung, Organisation, Basierung, Zweckbestimmung und Kampfbereitschaft des Amerikanischen 38. Taktischen Lenkgeschoss-Geschwaders (Matador) in Westdeutschland“ lautet der Titel des Geheimpapiers vom 15. April 1959. Ein Exemplar lagert heute im Bundesarchiv (Registriernummer DVW 1/25817).   Die Friedensforschung hat gerade erst begonnen, sich mit den Atomwaffensysteme der fünfziger Jahre im Detail zu beschäftigen. Der Amerikaner George Mindling und der Berliner Stefan Büttner haben dazu erste Arbeiten vorgelegt

Noch heute sind die alten US-Baracken in Herbern vorhanden, das seit der Gemeindereform 1975 zu Ascheberg gehört. Die ehemalige Militäranlage diente zwischenzeitlich schon mal als Festplatz für das lokale Schützenfest.    


Gerhard Piper, Jahrgang 1957 war nach dem Abitur ich Unteroffizier bei einer Aufklärungseinheit der Bundeswehr.
Anschließend studierte er Politikwissenschaft in Marburg und Berlin. Seit 1997 ist Piper Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS).
 

   

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