Schlafen im Schichtsystem: Eine Lage Kleidung hält in Kombination mit dem Schlafsack den Körper warm. Unter dem Schlafsack sorgt eine Luftmatratze für etwas Komfort. Vor Wind und Nässe schützt der Biwaksack als äußere Hülle in Kombination mit einer Leichtplane, einem sogenannten Tarp. © Udo Hennes
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Mit Video: Winter-Biwaken auf dem Haarstrang – das muss man schon wollen

Im Sommer auf dem Campingplatz zelten ist für Amateure. Nur die Harten kommen in den Garten, verzichten auf das Zelt und legen sich mit Biwak- und Schlafsack unter den nächstbesten Baum.

Biwaken ist eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung, die für einen Corona-Lockdown prädestiniert ist und sich wunderbar mit einer Wanderung oder Fahrradtour kombinieren lässt, wenn man einige Regeln beachtet. Das gilt für die Wahl des Schlafplatzes, das Verhalten vor Ort und insbesondere in der kalten Jahreszeit für die nötige Ausrüstung.

Ich kombiniere eine Übernachtung in der Natur bevorzugt mit dem Rad. Dann darf man das aus dem Englischen entlehnt „Bikepacking“ nennen, muss man aber nicht. Und wer sich beispielsweise entschließt, nach einem Arbeitstag das Rad mit dem Nötigsten zu bepacken, eine Tour zu fahren, unter freiem Himmel zu nächtigen und am nächsten Morgen die Rückfahrt anzutreten, der darf das dem Englischen entnommen „Overnighter“, also „Übernachter“, nennen. Muss man aber nicht.

Gunnar Fehlau © dpa/Robert Günther © dpa/Robert Günther

„Insbesondere im Winter braucht es eine ordentliche Stirnlampe.“

Gunnar Fehlaus Ausrüstungs-Tipp

Ein rechtlicher Grauschleier legt sich über Draußenschläfer

Biwaken funktioniert ohne Zelt und bietet dadurch zwei Vorteile: Zum einen spart es Gewicht und Packvolumen. Zum anderen ist eine Übernachtung in der Natur ohne Zelt aus rechtlicher Sicht unkomplizierter. „Es ist nach wie vor so, dass man sich hinlegen sollte, wenn man einen gewissen Müdigkeitsgrad erreicht hat und so zur Gefahr für andere werden könnte“, sagt Gunnar Fehlau. Der gebürtige Dortmunder ist zum einen ausgewiesener Fahrradexperte und übernachtet zudem seit mehr als zehn Jahren regelmäßig unter freiem Himmel.

Hinter Fehlaus Satz steckt eine rechtliche Grauzone, die zudem von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich groß ist. Wie ein Autofahrer einen Rastplatz ansteuern sollte bei Müdigkeit, so gilt das per se auch für Wanderer oder Radfahrer. Umso besser, wenn ein Schlafsack zum Gepäck gehört.

Vereinfacht gesagt: „Sobald irgendwo eine Zeltstange steht, braucht es eine Genehmigung des Grundstücksbesitzers. Die bekomme ich im Zweifel aber nicht mal eben. Deshalb ist es eine beliebte Alternative, nur den Schlafsack rauszuholen. Wenn ich nach dem Oktoberfest zu viel intus habe und mich müde auf eine Bank lege, ist das ja auch legitim“, so Fehlau.

Video

Winter-Biwaken auf dem Haarstrang

„Die Distanz zum Schlafplatz sollte den Möglichkeiten der Kinder entsprechen und nicht der eigenen Kondition. Aber klar sollte man das auch mit den Kindern ausprobieren. Letztlich stammen wir alle von Nomaden ab.“

GUNNAR FEHLAU ÜBER DRAUSSEN-ÜBERNACHTUNGEN MIT KINDERn

Eigenes Verhalten bedenken und keine Spuren hinterlassen

Sprich: Sehe ich unterwegs einen Landwirt und frage, ob er seine Wiese zur Verfügung stellt – dann ist das mit oder ohne Zelt wunderbar. Liege ich aber irgendwo im Wald und ein Förster erwischt mich mit Zelt, droht Ungemach. Ob ein Ranger im Zweifel einen Unterschied zwischen Zelt und Biwaksack macht, ist eine andere Frage. Ohne Zelt wäre zumindest maximal eine Ordnungswidrigkeit drin.

Letztlich hängt Vieles beim Biwaken vom eigenen Verhalten ab: „Man sollte sich vernünftig benehmen und nicht wie die Vandalen hausen. Ich habe bisher noch keine Probleme gehabt“, sagt Fehlau. Der wichtigste Grundsatz: Ich hinterlasse nichts. Eine leere Mülltüte gehört zum Gepäck, um jedwede Überreste mitzunehmen und am nächsten Mülleimer zu entsorgen.

Ich brauche auch keine kompakte Musikbox, um nachts Fuchs und Hase mit meiner Musik zu beschallen. Und respektvolles Benehmen schließt andere Freuden wie ein Gute-Nacht-Bier nicht aus. „Im Winter bleibt das auch schön kalt“, sagt Gunnar Fehlau.

Für mich ist eine Übernachtung im Freien eine wunderbar einfache Art, um zu entschleunigen. Im Prinzip rücken nur zwei Gedanken in den Vordergrund: Wo schlafe und was esse ich? Letzteres lässt sich für eine Nacht im Wald unkompliziert mit einer Fertigmahlzeit, einem Gaskocher und einem halben Liter Wasser beantworten. Fürs Frühstück warten vorbereitete Stullen und ein kleines Döschen mit Kaffeepulver, das ich per Presse in meinem Kocher zubereite. Minimaler Luxus, der klamme Minuten am Morgen vergessen macht.

Schlafsack und Matratze verschwinden im wasserdichten Biwak-Sack

Die Frage nach dem Schlafplatz habe ich mir an diesem Dezemberabend mit einem Waldstück auf dem Haarstrang beantwortet. Nach einer anderthalbstündigen Radtour erreiche ich kurz nach 21 Uhr mein Ziel. Ich hole einen wasserdichten Biwaksack, eine Luftmatratze und meinen Schlafsack aus den Packtaschen. Letztere stecke ich in ersteren.

Bis auf ein Langarmshirt aus Merinowolle wandern meine Radklamotten in eine der leeren Taschen. Ich wechsle zu einer langen Merino-Unterhose, einer normalen Jogging-Hose und einer wärmenden, doch klein packbaren Jacke, die mit Kunststofffasern gefüllt ist. Die Radschuhe tausche ich gegen Badelatschen – frisch, aber dank zwei Paar Socken auszuhalten.

Der Kocher erhitzt einen halben Liter Wasser in wenigen Minuten. Das reicht für eine schnelle Fertigmahlzeit. © Udo Hennes © Udo Hennes

Weil es fisselt und windet, spanne ich zudem ein Tarp über ein dünnes Seil, dass ich an zwei Bäumen befestige. Die Leichtplane ist zusammengepackt nicht größer als eine Pampelmuse und bietet scharf am unzulässigen Lager vorbei Schutz vor der Witterung.

„Als erstes Ziel bietet sich der Garten vom Kumpel, vom Schwiegervater oder der örtliche Sportverein an. Da kann man fragen, ist nicht in der Grauzone und übernachtet sicher.“

GUNNAR FEHLAUS TIPP FÜR BEGINNER

Nach gut einer halben Stunde ist mein Schlafplatz bereit. Etwas Laub unter dem Biwaksack isoliert von der Bodenkälte. Mit Fahrradbeleuchtung, Helmlampe und Stirnlicht richten sich meine Lichtquellen nun auf den Kocher. Mein Rad fasst zwei Trinkflaschen, eine weitere kommt im Gepäck unter. Rund 1,5 Liter Wasser reichen mir für eine Mahlzeit am Abend, Kaffee am Morgen, Katzenwäsche und Zähne putzen und den einen oder anderen Schluck zwischendurch. Außerdem hält das Gute-Nacht-Bier den Flüssigkeitshaushalt im Gleichgewicht.

Was man beim Winter-Biwaken nicht unterschätzen sollte: Man hat Zeit. Wer beispielsweise bis Einbruch der Dunkelheit wandert, muss damit klar kommen, dass er ab 17 Uhr an Ort und Stelle verharrt. „Dann ist um 21 Uhr Nachtruhe“, sagt Gunnar Fehlau. Mich verschlägt es dank meines relativ späten Aufbruchs erst gegen 23 Uhr in den Schlafsack. Die trockenen Blätter am Boden rascheln im Wind. Irgendwo in der Ferne beschleunigt ein Auto rasant – Ruhrgebiet eben.

Für die Übernachtung selbst sind in erster Linie Biwak- und Schlafsack sowie eine klein verpackbare Matratze wichtig. Der Schlafsack (oben) verschwindet in der roten Lenkertasche. Matratze, Biwaksack und auch das Tarp (unten rechts) finden in einer großen Satteltasche (nicht im Bild) einen Platz. Da passt auch zusätzliche Kleidung rein. Kocher und Kleinkram kommen in eine Tasche, die im Rahmendreieck des Fahrrads befestigt wird.

Die frische und kühle Luft lässt mich schnell einschlafen, um kurz nach 7 Uhr wache ich ziemlich fit auf. Es ist noch dunkel. Sonnenaufgang um 8.26 Uhr sagt mein Handy. Es ist wärmer als am Abend. Der smarte Helfer bestätigt: fünf Grad. Zeit für Kaffee, Stullen und dann Zähne putzen. Die Pasta ist biologisch abbaubar und fliegt aus dem Mund ins Gebüsch.

In 30 Minuten bin ich fürs Radfahren umgezogen, ist alles wieder am Rahmen verpackt und ich bin weg. Außer einem ovalen Abdruck im braunen Herbstlaub bleibt hier nichts von mir. Die Sonne lugt zwischen Wolken und Bäumen hervor. Sie wärmt. Ich schiebe mein Rad ein paar Meter zur Straße, sattel auf, freue mich auf die vor mir liegenden Kilometer durch das Ruhrtal bis nach Hause – ganz entspannt bis zur heißen Dusche.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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Christian Greis

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