Eiskristalle bilden sich im Eisspeicher, wenn dem Wasser im Winter Energie fürs Heizen entzogen wird. Das Eis kann im Sommer zur Kühlung verwendet werden. © Foto Archiv
Wohnen der Zukunft

Heizen mit Eis? Neue Erfindung macht die zweite Miete überflüssig

Es klingt wie der Coup eines genialen Erfinders: Heizen mit Eis. Doch das Wohnen der Zukunft hat schon jetzt begonnen. Mit diesem Eisspeicher werden 30 Mietwohnungen direkt mit Energie versorgt.

„Heizen mit Eis? Ja, das hört sich tatsächlich verrückt an!“ Architekt Martin Kolander (47) sagt das mit Blick auf eine mit Wildkräutern zugewucherte Mulde, in der in Kürze ein riesiger Wassertank versenkt wird. Er bildet das Herzstück der neuartigen Technologie, die das Wohnen der Zukunft nicht nur klimafreundlich machen soll, sondern auch viel günstiger. Der Eisspeicher, so lautet die Erwartung, wird das Haus mit den 30 Wohnungen nahezu vollständig mit Energie versorgen. In Kombination mit der Solaranlage und Luftabsorbern auf dem Dach ist das Wohngebäude fast autark. Strom und Gas vom Energieversorger? Nicht mehr notwendig. Die sogenannte zweite Miete, die Energiekosten, ist als Flatrate im Mietpreis enthalten.

Heizen mit Eis – auch ohne Daniel Düsentrieb möglich

Heizen mit Eis. Klingt wie eine jener unglaublichen Erfindungen aus der Werkstatt von Daniel Düsentrieb, dem menschenähnlichen Huhn aus dem Donald-Duck-Universum, das als Erfinder die Intelligenzstrahlen, die Denkkappe und den Luftroller erfunden hat.

Architekt Martin Kolander bei der Besprechung mit seinem Kollegen Michael Heimsath. In der Mulde (rechts) soll der Eisspeicher versenkt werden. Das Schachtbauwerk mit dem Gullydeckel zeigt an, wie hoch noch aufgeschüttet werden muss.
Architekt Martin Kolander bei der Besprechung mit seinem Kollegen Michael Heimsath. In der Mulde (rechts) soll der Eisspeicher versenkt werden. Das Schachtbauwerk mit dem Gullydeckel zeigt an, wie hoch noch aufgeschüttet werden muss. © Stefan Milk © Stefan Milk

Heizen mit Eis – möglich ist es und wird nunmehr auch ohne Daniel Düsentrieb durch die Wohnungsgesellschaft UKBS in Kamen real. Das Solarhaus, das direkt an dem kleinen Fluss Seseke entsteht, ist das erste Wohnhaus mit Eis-Energiespeichersystem im östlichen Ruhrgebiet. Zum Heizen wird sogenannte Kristallisationsenergie genutzt. Darin steckt so viel Energie, wie benötigt wird, um Wasser von 0 Grad auf 80 Grad zu erwärmen – und umgekehrt. Das kommunale Wohnungsunternehmen UKBS aus Unna investiert laut eigenen Angaben ca. 10,4 Millionen Euro. Fertigstellung ist Ende des Jahres. Der Eisspeicher, der etwas Vorlauf benötigt, um Energie zu produzieren, ist dann schon aktiv.

Martin Kolander ist Architekt bei der UKBS in Unna und freut sich darüber, dass eine neue Technologie künftig das klimafreundliche Wohnen möglich macht.
Martin Kolander ist Architekt bei der UKBS in Unna und freut sich darüber, dass eine neue Technologie künftig das klimafreundliche Wohnen möglich macht. © Stefan Milk © Stefan Milk

Energie aus Eigenproduktion neben dem Haus

Kolander rechnet damit, dass das neue Gebäude einen Energiebedarf von jährlich etwa 126.000 Kilowattstunden hat. Diese werden dann überwiegend nicht aus dem Gas- und Stromnetz der örtlichen Versorger fließen, sondern aus Eigenproduktion. „Zwei Drittel kommen aus dem Eisspeicher, ein Drittel kommt aus dem Kraftdach“, so die Rechnung. Das sogenannte Kraftdach hat spezielle Solar-Luft-Kollektoren, die aus Sonnenenergie und Lufttemperatur Energie sammeln und an den Eisspeicher abgeben. Brandneu ist die Technik nicht. „Aber sie ist wenig verbreitet. Ich habe sie vor sechs Jahren in Pforzheim zum ersten Mal gesehen.“ Kolander war sofort begeistert. „Im Angesicht des Klimawandels können wir auch im Wohnungsbau nicht so weiter machen, wie bisher“, ist er überzeugt.

Das Solarhaus besteht aus einem Betonkern für Treppenhaus und Innenhof, um den Wohnungen aus Holzgebaut werden. Oben rechts wird der Eisspeicher in den Boden gelegt.
Das Solarhaus besteht aus einem Betonkern für Treppenhaus und Innenhof, um den Wohnungen aus Holz gebaut werden. Oben rechts wird der Eisspeicher in den Boden gelegt. © Stefan Milk © Stefan Milk

Ein von der Natur befeuerter Kreislauf

Heizen und Kühlen mit Eis – das funktioniert so: Die Zisterne, die aus Beton und ohne weitere Isolierung besteht, wird mit ca. 150 Kubikmeter Wasser gefüllt. Erwärmt wird das Wasser nicht nur durch die Umgebungstemperatur des Erdreichs. Sondern auch durch die aus Sonne und Luft gewonnene Energie vom sogenannten Kraftdach. Wie aus Wasser Eis wird und daraus wieder Wärme ist ein komplizierter physikalischer Prozess, vereinfacht gesagt: Im Übergang von Wasser zu Eis und umgekehrt wird Kristallisationsenergie freigesetzt. Entscheidend sind kilometerlange PE-Rohre im Inneren der Zisterne, „wie ein Tauchsieder“, so Kolander. Spiralförmig verlegte Rohre, an denen das Wasser gefriert und wieder schmilzt. „Das passiert nicht täglich, sondern im Zeitraum eines Jahres.“ Kurzformel: Beim Kristallisationsprozess zum Winter wird aus dem werdenden Eis Wärme gewonnen, beim Schmelzen zum Sommer wird das Eis zum Kühlen genutzt. Ein von der Natur befeuerter Kreislauf.

Zisterne wird direkt vor Ort betoniert

Ab Ende Juni wird die Zisterne direkt neben dem Haus in den Boden gelassen, genauer gesagt: Sie wird direkt vor Ort betoniert, weil sie so groß ist. „Tiefenbohrungen für zusätzliche Erdwärme sind nicht notwendig. Die Umgebungswärme ist schon ab einem Meter Tiefe vorhanden“, so Kolander.

Zu sehen ist der Eisspeicher, der das Wohnen klimafreundlich macht, nicht. Und auch die zweite Miete wird fast unsichtbar: Strom, Warmwasser und Heizung sind pauschal enthalten. Das sei aber kein Freibrief dafür, mit der Energie verschwenderisch umzugehen, sagt UKBS-Geschäftsführer Matthias Fischer. „Natürlich ist es nicht egal, wie viel man verbraucht. Die Fenster öffnen und volle Pulle heizen, das geht natürlich nicht.“

Fischer erwartet aber nicht wirklich, dass so etwas passiert. Denn dagegen hätte wohl auch Daniel Düsentrieb, der geniale Erfinder, kein Wundermittel.

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Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke

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