Parken direkt über dem Radfahrer-Piktogramm, beobachtet auf der Westenmauer in Kamen. Sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer bieten nicht immer Schutz, sind sich Verkehrsexperten einig. © Carsten Janecke
Radfahren

Radler fahren um ihr Leben: Warum Schutzstreifen oftmals nicht schützen

Auf Schutzstreifen für Radler ist Lebensgefahr ein ständiger Begleiter. Sie sollen mehr Sicherheit bieten, bewirken aber oftmals das Gegenteil, wie ein Experte des VCD Dortmund-Unna bestätigt.

Der Luftzug rüttelt am Lenkrad, so dicht brettert der Laster am Schutzstreifen, der den Radfahrer eigentlich schützen soll, vorbei. Für manche Autofahrer ist die gestrichelte Line nicht vorhanden, wenn sie mit ihren Reifen einfach drüber rollen.

Obwohl immer mehr dieser sogenannten Schutzstreifen auf örtliche Straßen gestrichelt werden: Sicher fühlen sich Radfahrer dort nicht. Ein Einschätzung, die Lorenz Redicker teilt. Der Kreisverbandsvorsitzende des VCD Dortmund-Unna sagt: „Für Radfahrer ist das kein geschützter Raum, weil er auch von Autos und Lastwagen befahrbar ist.“

Hier geht es nur über den Schutzstreifen. Dieser darf von Lastern und Autos eigentlich nur überfahren werden, wenn sie dem Gegenverkehr ausweichen.
Hier geht es für den Laster nur über den Schutzstreifen. © Helga Felgenträger © Helga Felgenträger

Immer mehr Schutzstreifen für Radfahrer

Schutzstreifen für Radfahrer. In den vergangenen Jahren haben die gestrichelten Linien den Verkehrsraum für Auto- und Lkw-Fahrer verkleinert und für Radler vergrößert. Die Errungenschaft zur Förderung des Radverkehrs steht indes mehr und mehr in der Kritik. Michael Arnold vom Straßenverkehrsamt des Kreises Unna sagt: „Ich habe den Eindruck, das ist eher ein auslaufendes Produkt.“

Grund: Der Schutz, der Radlern gewährt werden soll, entpuppt sich oftmals als trügerisch. Arnold: „Der Autofahrer denkt, er könnte bis an die Linie heran fahren.“ Ergebnis: Der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Metern schrumpft zuweilen auf wenige Zentimeter.

Zudem: Die Streifen erreichen oftmals nicht die Regelbreite von 1,50 Metern, sondern sind deutlich schmaler. Die Mindestbreite beträgt 1,25 Meter, wird aber nur auf verkehrsarmen Straßen mit wenigen Konflikten empfohlen.

Gefährliche Fahrt: Durch Fahrbahnränder in schlechtem Zustand, unterbrochene Markierungen und Laster, die den Abstand nicht halten.
Gefährliche Fahrt: Durch Fahrbahnränder in schlechtem Zustand, unterbrochene Markierungen und Laster, die den Abstand nicht halten. © Stefan Milk © Stefan Milk

Für Radler was getan: „Dann sollen sie auch zufrieden sein“

„Beim Überholen von Radfahrenden auf Schutzstreifen unterschreitet fast jedes zweite Kraftfahrzeug den Seitenabstand von 1,50 Metern“, stellt der ADFC mit Verweis auf eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) fest. Wer überhole, orientiere sich vor allem an den Markierungen auf der Fahrbahn und reagiere nur unzureichend auf die Position der Radfahrers.

Für Redicker, dessen Kreisverband in Dortmund und Unna rund 550 Mitglieder hat, keine Lösung, die in der Verkehrsplanung eine große Zukunft hat. „Auf Schutzstreifen wird stadtplanerisch oft deswegen zurückgegriffen, weil gerade nicht mehr Platz vorhanden ist – nach dem Motto: Dann machen wir etwas für Radfahrer und dann sollen sie auch zufrieden sein.“

Hochgefährlich: Der Schutzstreifen für Radfahrer auf der Ickerner Straße in Castrop-Rauxel liegt zu dicht am Parkstreifen.
Hochgefährlich: Der Schutzstreifen für Radfahrer auf der Ickerner Straße in Castrop-Rauxel liegt zu dicht am Parkstreifen. © Iris Müller © Iris Müller

Horror pur: Weder subjektiv noch objektiv sicher

Zufrieden sind Radfahrer nicht, weil sie nicht sicher sind, „weder subjektiv noch objektiv“, so Redicker. Schutzstreifen dürfen vom motorisierten Verkehr nur bei Bedarf überfahren werden, insbesondere um dem Gegenverkehr auszuweichen.

Martin Kühl-Lukas vom ADFC Castrop-Rauxel sagte in seiner Stadt zu Schutzstreifen am Ickerner Weg und am Parkbad Nord: „Die sind Horror pur.“ Er verwies dabei auf die Wegeführung direkt vorbei an Autoparkplätzen, wobei der empfohlene Sicherheitsabstand von 75 Zentimetern schlichtweg fehlte.

Ähnlich in Kamen auf der Westenmauer in Höhe Edelkirchenhof. Radfahrer müssen in Fahrtrichtung Lünener Straße direkt an den Autos vorbei und sind der Gefahr von plötzlich aufspringenden Autotüren ausgesetzt. „Fahrbahnränder, auf denen die Schutzstreifen liegen, sind zudem oftmals ins schlechtem Zustand. Es kommen viele Dinge zusammen“, so Redicker.

Dieser Autofahrer, der selbst Räder dabei hat, hält sich an die Verkehrsregeln und überfährt die gestrichelten Linien nicht.
Dieser Autofahrer, der selbst Räder dabei hat, hält sich an die Verkehrsregeln und überfährt die gestrichelten Linien nicht. © Stefan Milk © Stefan Milk

Lkw, die über dem Radfahr-Pikogramm parken

Wer im Übrigen auf einem Schutzstreifen hält oder parkt, der muss laut neuem Bußgeldkatalog 55 Euro berappen. Trotzdem: Die Hemmung, auf einem Schutzstreifen zu parken, sind geringer als das auf einem Radweg zu tun. Laut UDV-Studie werden fast 40 Prozent der befragten Radfahrer auf Schutzstreifen behindert. Bei Radfahrstreifen in Reinkultur sind es zehn Prozent. Lastwagen, die direkt auf dem Radfahrer-Piktogramm parken, muss man nicht lange suchen, wie jetzt am Edelkirchenhof in Kamen zu sehen.

Empfehlungen für sichere Schutzstreifen

Für Michael Arnold ist die Hansastraße in Unna ein Beispiel für einen Schutzstreifen, der zu wenig Schutz bietet, weil der Verkehrsraum viel zu eng ist. Schutzstreifen würden sich zwar gut machen, wenn Kommunen mehr für den Radverkehr tun wollen. „Wenn man sie macht, dann aber auch richtig“, sagt der Verkehrsexperte aus dem Kreishaus. Empfehlungen, wie man sie richtig macht, gibt die UDV. Diese lauten:

  • Bei Radfahr- und Schutzstreifen sollten verbindlich Sicherheitstrennstreifen mit einer Breite von 0,75 Metern zum ruhenden Verkehr markiert werden.
  • Radfahrstreifen sollten stets einen Sicherheitstrennstreifen von 0,75 Meter Breite zur Kfz-Fahrbahn erhalten. An Stellen ohne Parkmöglichkeiten könnte dieser als Sperrfläche markiert werden.
  • Radfahr- und Schutzstreifen sollten jeweils mindestens 1,85 Meter breit sein.
  • Um Radfahrenden auf Radfahrstreifen ein sicheres Überholen innerhalb der Markierung zu ermöglichen, sind Breiten von mindestens 2,25 Meter (inklusive der linken Markierung) erforderlich, da dieser auch beim Überholen nicht verlassen werden darf.
  • Bei der Anlage von Schutzstreifen sollte die Breite der verbleibenden Restfahrbahn für den Kfz-Verkehr mindestens 5 Meter betragen.
  • Die hohe Anzahl von Verstößen gegen das Park- bzw. Halteverbot auf den Streifen muss konsequent überwacht und geahndet werden.
Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke

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