Bei Bauer Sagel in Kirchhellen kuscheln Erwachsene mit den Kühen

mlzKuhkuscheln

Für ungewöhnliche Ideen ist Burkhard Sagel immer offen. Seit Februar kann man auf seinem Hof in Kirchhellen mit Kühen kuscheln. Das entspannt nicht nur viel beschäftigte Arbeitnehmer.

Kirchhellen

, 06.03.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dirk Diedrich und seine Familie wandern gerne in den Alpen. Wann immer er auf dem Weg Kühe trifft, bleibt der Dorstener stehen. „Ich schaue dann, welche zutraulich aussieht, gehe hin und streichel sie.“ Schon als Kind hat er gerne auf Bauernhöfen im Stall und auf dem Feld mitgeholfen. Angst vor den großen Tieren hatte er nie. „Kühe sind einfach ganz tolle, friedliche Tiere. Sie haben diesen neugierigen Blick. Und strahlen eine solche Ruhe aus, das ist wunderbar.“

Dirk Diedrich hat keine Angst vor den großen Tieren. Im Gegenteil. Sie geben ihm Ruhe.

Dirk Diedrich hat keine Angst vor den großen Tieren. Im Gegenteil. Sie geben ihm Ruhe. © Jennifer Uhlenbruch

In der Stadt, im Alltag, hatte er bisher eher selten Kontakt zu seinen Lieblingstieren. Bis seine Frau vom Kuhkuscheln auf dem Hof Sagel in der Zeitung las. „Hier, das ist was für dich“, befand sie direkt und der Hardter nahm Kontakt zu dem Kirchhellener Bauern auf.

Seither kommt der Hygienetechniker freitags nach der Arbeit und verbringt ein bis zwei Stunden im Stall. „Ich habe mir ein paar Bürsten gekauft.“ Und mit diesen verwöhnt er jetzt die Kühe, streichelt sie und bekommt dabei selbst viel zurück. „Ich komme ganz zur Ruhe, denn hektisch darf man mit diesen Tieren nicht sein.“

Gewinn für Kuhkuschler und für den Bauern

Seit Februar bietet Burkhard Sagel Kuhkuscheln auf seinem Hof an. „Ich bin da nicht selbst drauf gekommen“, stellt er lachend klar. „Aber ich bin offen für ungewöhnliche Ideen und ich kann zuhören.“ Und so hörte er von Hofbesuchern vom Kuhkuscheln, das in den Niederlanden bereits bekannt ist. „Warum nicht?“, dachte sich der Bauer, der selbst gerne abends nach getaner Arbeit mit einem Bier auf dem Strohballen im Stall sitzt und die Ruhe mit den Tieren genießt.

Burkhard Sagel ist immer offen für ungewöhnliche Ideen.

Burkhard Sagel ist immer offen für ungewöhnliche Ideen. © Jennifer Uhlenbruch

„Die Menschen können sich bei den Tieren entspannen und für mich sind die Kuhkuschler auch ein Gewinn.“ Nicht nur, weil so derzeit 14 nette Menschen mehr seinen Hof besuchen. „Wenn die Tiere von Anfang an jeden Tag zu unterschiedlichen Menschen Kontakt haben, an sie gewöhnt sind, dann haben sie keine Angst vor Menschen und das macht mir das Arbeiten auch viel netter.“ Ab Ende März kommen in regelmäßigen Abständen Kälber auf seinem Hof zur Welt. „Und die würde ich gerne von Anfang an durch die Kuhkuschler zahm halten.“

Kühe helfen chronisch psychisch Kranken

Kuhkuschler – das können nicht nur Menschen sein, die durch den Kontakt zu den Kühen Abstand vom stressigen Berufsalltag suchen. Auch kranken Menschen kann der Kontakt zu den Kühen helfen. Dorothe Larisch von der Caritas Bottrop kommt einmal in der Woche mit chronisch psychisch erkrankten Menschen auf den Hof Sagel und ist „baff“, wie die Menschen auf die Kühe reagieren.

„Die Menschen sind sonst sehr in sich gekehrt und steif. Hier werden sie beweglich, können sich total entspannen. Sie haben sogar die Mitarbeiter über ihre Arbeit ausgequetscht.“ Auch der Fleischkonsum war danach Thema in der Tagesstätte. „Die Menschen wollen jetzt sparen und dann ein Fleischpaket kaufen, das von den Kühen hier stammt, denen es im Leben gut ging“, sagt Dorothe Larisch beeindruckt von dem Einsatz der Menschen.

Dorothe Larisch freut sich über die Wirkung der Kühe. Nicht nur auf sie, sondern auch auf die chronisch psychisch Kranken, die sie betreut.

Dorothe Larisch freut sich über die Wirkung der Kühe. Nicht nur auf sie, sondern auch auf die chronisch psychisch Kranken, die sie betreut. © Jennifer Uhlenbruch

Es gibt aber auch Besucher des Hofes, die sich so in eine Kuh verlieben, dass sie sie vor dem Schlachter bewahren wollen. „Sie kommen dann zu mir und sagen, dass ich diese Kuh nicht schlachten kann. Aber wenn ich das nicht tue, dann ist der Hof hin und da haben die Kühe auch nichts von“, erklärt Burkhard Sagel. Aber auch diesen Menschen hörte er zu – und kam so auf die Idee mit den Kuhpatenschaften.

Zehn Kuhpaten teilen sich eine Kuh

„Wenn ich es den Tieren nett machen will, ihnen gutes Futter und Auslauf geben will, dann kostet mich das 300 Euro im Monat. Das müssten die Kuhpaten zahlen, damit ich dieses eine Tier nicht schlachte“, rechnet der Bauer vor. „Das leistet sich natürlich niemand.“

Deswegen sollen zehn Paten sich jeweils eine Kuh teilen und für sie jeweils 30 Euro im Monat bezahlen. „Dafür können die Paten jederzeit kommen, das Tier besuchen und direkten Einfluss nehmen, wann die Kuh auf die Wiese kommt und welcher Ehemann ausgesucht wird.“ Im Stall gibt es eine Webcam, sodass die Paten von ihrem Handy aus das Tier jederzeit verfolgen können. Sechs Paten hatten Mitte Februar bereits verbindlich zugesagt.

Viel mehr möchte der Bauer auch gar nicht haben. „Ich will das nicht groß aufziehen. Es muss nicht immer höher, schneller, weiter und mehr werden“, kritisiert er das moderne Wirtschaftsdenken. „Wenn sich Paten für ein bis zwei Tiere finden lassen, dann reicht das. Es geht ja auch nicht, dass 50 Menschen im Stall rumlaufen. Aber ich finde es schön, wenn Menschen sich für die Tiere begeistern und sie pflegen wollen. Denn: Mir macht das zwar nicht viel aus, die Tiere zum Schlachter zu fahren, aber ich kann auch gut darauf verzichten.“

Mehr über den Hof Sagel und auch den Kontakt zum Bauern gibt es hier.
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