Kirchhellen: Ein Ortsteil mit hoher Lebensqualität, aber schwieriger Wohnsituation

mlzOrtsteil-Check Kirchhellen

Die Lebensqualität in Kirchhellen ist hoch. Das zeigen die Ergebnisse des Ortsteil-Checks. Doch bei den Angeboten für Jugendliche und bei der Wohnsituation hapert es.

Kirchhellen

, 28.03.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aus Arbeitsgründen ist Familie Bumiller 2012 aus der Nähe von Nürnberg in die Ortsmitte Kirchhellens gezogen. Vater Gerd hatte begonnen, als Professor für Energie- und Informationstechnik an der Hochschule Ruhr West zu lehren. „Zum Wohnen kam für uns nur Kirchhellen in Frage“, erklärt er.

Während Gerd Bumiller mit dem Bus in das Bottroper Zentrum pendelt, hat seine Frau Klaudia einen Job in einem Kosmetikstudio in Grafenwald gefunden. Die beiden Kinder Franziska und Fabian sind 18 und 17 Jahre alt. Franziska hat es zum Studieren mittlerweile wieder Richtung Süden verschlagen. Fabian macht in diesem Jahr sein Abitur am Vestischen Gymnasium und möchte danach Sport studieren.

In Kirchhellen fühlt sich die Familie pudelwohl, auch wenn sie die Heimat hin und wieder vermisst. „Wir waren sehr schnell integriert und haben uns eingelebt. Es ist toll, dass man nicht mitten in einer großen Stadt wohnt, sondern ländlich ganz in der Nähe“, erklärt Klaudia Bumiller.

Die Lebensqualität in Kirchhellen ist hoch: Sie wurde mit neun von zehn Punkten bewertet. Dazu trägt auch das Brezelfest bei.

Die Lebensqualität in Kirchhellen ist hoch: Sie wurde mit neun von zehn Punkten bewertet. Dazu trägt auch das Brezelfest bei. © Frederike Spyrka (A)

Dass die Lebensqualität in Kirchhellen mit neun von zehn möglichen Punkten bewertet wurde, kann die Familie verstehen. Gerd Bumiller erzählt: „Das Dorf lebt einfach. Wenn man am Wochenende in Richtung Johann-Breuker-Platz geht, ist eigentlich immer etwas los.“

Besonders gut bewertet werden in der Umfrage auch die Nahversorgung und die Grünflächen. Beide Aspekte erhalten von den Kirchhellenern volle Punktzahl. Klaudia Bumiller kann das nachvollziehen: „Im Dorf hat man alles, was man braucht, gleich in der Nähe, egal ob Apotheken, Supermärkte oder Drogerien. Und wenn ich mal mit dem Hund gehen will, geht das hier überall auch super.“

Punktabzüge gab es von den Kirchhellenern besonders in den Kategorien Jugend (6 Punkte) und Wohnen (5 Punkte). Auch Fabian Bumiller vermisst Angebote für seine Altersklasse: „Der Anspruch ist bei einem Dorf wie Kirchhellen ja ohnehin nicht hoch. Aber mit Ausnahme der Dorffeten ist hier nach 22 Uhr nichts mehr los. Das ist schon schade.“ Mit dem Bus komme man zwar schnell nach Bottrop, aber in Kirchhellen selbst gebe es nichts.

Für Familie Bumiller hat vor allem die Gastronomie (7 Punkte) im Dorf noch Potential, erklärt Gerd Bumiller: „Wir gehen sehr gerne im Dorf essen und sind zum Beispiel total begeistert von der Pizzeria. Aber es könnte durchaus noch vielfältiger sein, gerade weil Kirchhellen in der Entwicklung auf jeden Fall in Richtung einer Kleinstadt geht.“

Das wurde gut bewertet

Nahversorgung: Volle Punktzahl haben die Kirchhellener ihrem Dorf beim Thema Nahversorgung gegeben. Besonders in der Dorfmitte sind mit einem Supermarkt, einem Discounter, Apotheken und einem Drogeriemarkt alle nötigen Läden nah beieinander. Auch die Möglichkeit zum Bummeln besteht. „Ich brauche nicht einmal ein Auto, um alles zu erreichen“, sagt Klaudia Bumiller. Bezirksbürgermeister Ludger Schnieder kann verstehen, warum die Nahversorgung bei den Kirchhellenern so gut wegkommt: „Kirchhellen-Mitte ist da wirklich gut aufgestellt. Das hat ja schon das Einzelhandelskonzept gezeigt.“ Das Dorf hatte bei der Untersuchung des Einzelhandels durch Fachleute überdurchschnittlich gut abgeschnitten.

Die Nahversorgung hat in Kirchhellen die volle Punktzahl erhalten.

Die Nahversorgung hat in Kirchhellen die volle Punktzahl erhalten. © Johanna Wiening

Die Ortsteile Grafenwald und Feldhausen sind da durchaus kritischer zu betrachten, weiß auch Ludger Schnieder: „In Grafenwald gibt es ja noch den Cap-Markt. Aber in Feldhausen ist es schwierig.“ Auch der SPD-Vorsitzende Willi Stratmann sieht in Feldhausen ein Problem bei der Nahversorgung. Eine Lösung ist dafür allerdings nicht in Sicht: „In Feldhausen ist eine Verbesserung kaum möglich, weil es leider viel zu wenige Einwohner gibt. Das ist für einen Supermarkt leider nicht so lukrativ." In Grafenwald werde dagegen derzeit ein Wohnkonzept entwickelt, dass auch für die Nahversorgung dienlich sein soll, erklären Schnieder und Stratmann. Man versuche, das möglichst zu verbessern.

Grünflächen: Auch bei den Grünflächen wurde das Dorf mit zehn von zehn möglichen Punkten bewertet. „Obwohl man so zentral lebt, ist man hier superschnell im Grünen“, erklärt Klaudia Bumiller. Sie geht mit Hündin Bella gerne in der Heide spazieren: „Das ist wirklich optimal dafür. Und auch Fahrrad fahren geht hier gut.“ Auch Ludger Schnieder sieht Kirchhellen im Bezug auf die Grünflächen positiv. Dennoch gebe es auch hier noch Potential für Verbesserung: „Wenn wir die Verbindungswege noch besser in Schuss halten, ist es für die Kirchhellener noch einfacher, mit dem Fahrrad ins Grüne zu fahren. Das sollte man angehen.“

Das wurde negativ bewertet

Jugend: Im Dorf ist das Angebot für die Jugend nicht ausreichend. So sieht es zumindest nach den Umfrageergebnissen aus, die Kirchhellener gaben durchschnittlich sechs Punkte. „Wenn man beispielsweise Jugend und Senioren in Relation zueinander setzt, ist das nicht ausgeglichen. Für die Jugend könnte es hier definitiv mehr geben“, findet auch Gerd Bumiller. Der Bezirksbürgermeister führt hingegen einige positive Beispiele wie die vielen Vereine und die Jugendeinrichtung der evangelischen Kirche an. Aber dennoch sagt er: „Es muss natürlich für die Jugendlichen passen. Und wenn sie sich hier nicht gut genug aufgefangen fühlen, muss sich etwas ändern.“

Am alten Spargelhof Beckmann soll ein neues Jugendhaus entstehen, um die Jugendarbeit zu verbessern.

Am alten Spargelhof Beckmann soll ein neues Jugendhaus entstehen, um die Jugendarbeit zu verbessern. © Johanna Wiening

Eine große Neuheit ist bereits in der Umsetzung. Ein neues Jugendzentrum soll entstehen. Die Villa Körner muss dafür weichen, der Träger bleibt aber derselbe. Schnieder sieht darin eine Gefahr, aber auch eine Chance: „Wenn den Jugendlichen das derzeitige Angebot nicht gefällt, muss sich etwas ändern. Da muss der derzeitige Träger die Chance der neuen Räume nutzen, um darüber nachzudenken, wie sein Angebot besser auf die Jugend abgestimmt wird.“ Mit dem neuen Jugendzentrum gehe man aber schon in die richtige Richtung und man hoffe, dort auch die Jugendlichen anzusprechen, die man derzeit nicht erreiche, so Schnieder weiter.

Wohnen: Die Wohnsituation in Kirchhellen ist schwierig. Das spiegelt auch die Umfrage wider. Beim Wohnen bekam das Dorf die schlechteste Punktzahl (5 Punkte). Familie Bumiller hat bei ihrem Umzug nach Kirchhellen ähnliche Erfahrungen gemacht, erinnert sich Vater Gerd: „Natürlich war die Wohnsituation damals eine andere. Aber es war schon immer so: Die Mieten waren im Dorf um ein Vielfaches höher als in den anderen Bottroper Stadtteilen.“

Kirchhellen: Ein Ortsteil mit hoher Lebensqualität, aber schwieriger Wohnsituation

© Verena Hasken

Willi Stratmann ist die Problematik der hohen Preise natürlich auch bewusst. Seine Partei fordere schon lange bezahlbaren Wohnraum, erklärt der Kirchhellener: „Ich kenne viele Leute, die Kirchhellen aufgrund der hohen Preise verlassen. Die müssen nur ein paar Kilometer weiter ziehen und da ist es schon deutlich günstiger. Das kann doch eigentlich nicht sein." Seine Partei setzt sich deshalb bereits seit mehreren Jahren für Sozialwohnungsbau ein und hat auch das Wohnflächenkonzept 2025 in die Wege geleitet. Stratmann erklärt: „Da ist geregelt, dass 25 Prozent der neuen Bauflächen sozialer Wohnungsbau sein sollen. Das ist wichtig und schon mal ein guter Anfang."

Historie

an der grenze zum Münsterland


Kirchhellen: Ein Ortsteil mit hoher Lebensqualität, aber schwieriger Wohnsituation

© Johanna Wiening

Kirchhellen ist der nördliche Bezirk der Stadt Bottrop im nördlichen Ruhrgebiet an der Grenze zum Münsterland. Der Ortsname hat sich in der Geschichte entwickelt und bezieht sich auf den historischen, auf einer Anhöhe im Dorf gelegenen Platz der alten Dorfkirche, die im Jahre 1917 durch einen Brand zerstört wurde. Heute steht an dieser Stelle das Ehrendenkmal Am alten Kirchplatz/Oberhofstraße. Das heutige Dorfbild wird von der 1924-25 an der Hauptstraße gebauten Pfarrkirche „St. Johannes der Täufer" geprägt. Bis zu seiner letztlichen Eingemeindung nach Bottrop am 1. Juli 1976 war Kirchhellen eine selbstständige Gemeinde im Kreis Recklinghausen.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt