Krisen- und Klimaangst: Wie wir in der Sorge Stärke finden

Krisenangst
Wie kann man mit ständigen Sorgen und Ängsten rund um Klima, Krieg und Corona umgehen? Experten geben Tipps. © Adobe Stock
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Der Klimawandel betrifft uns alle. Auch Corona empfinden viele als Bedrohung, genauso wie die Kriege auf der Welt. Und doch gehen Menschen verschieden damit um. Während viele ihre Sorgen verdrängen und sich wenig eingeschränkt fühlen, sind andere verängstigt, wütend oder verzweifelt.

Immer häufiger fällt der Begriff „Krisenangst“. Das klingt nach Krankheit – nach einer Störung, die es zu überwinden gilt. Wie die Scheu vor Spinnen oder die Angst davor, in einen Fahrstuhl zu steigen. Ist das so?

Krisenangst ist keine Diagnose

Nein, sagt Kathrin Macha, Psychologin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. „Der Klimawandel ist beispielsweise eine reale Bedrohung. Die Angst davor ist begründet.“

Eine eigenständige Diagnose ist Krisenangst allerdings nicht. Kathrin Macha hält das zum jetzigen Zeitpunkt für richtig: „Attestieren wir jemandem eine individuelle Krisenangst, die wir mit einer Behandlung heilen können, besteht die Gefahr, die Bedeutung der Krisen zu verharmlosen.“

Wie aus Krisenängsten eine Störung werden kann

Auch Psychiater Sandeep Rout sieht derzeit keine Notwendigkeit, Krisenängste pauschal zu pathologisieren, also als krankhaft zu bewerten. Er ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikums Neukölln in Berlin.

Führt Krisenangst hingegen zu tiefer Verzweiflung, Arbeitsunfähigkeit oder Isolation, kann sich eine Angststörung entwickeln, erklärt er. Für eine solche Angststörung kann es viele Auslöser geben.

Große Last auf den Schultern

Sucht die Angst sich tatsächlich den Klimawandel als Ventil, ist es häufig schwierig, von außen zu helfen, sagt Amelie Schomburg, Psychologin und Autorin des Buches „Klimaangst: Wenn die Klimakrise auf die Psyche schlägt“.

„Viele legen die Last der Verantwortung dann vollkommen auf die eigenen Schultern und driften beispielsweise ab in einen ungesunden Aktionismus, der ihnen nicht guttut und zum Burnout führen kann.“

Doch Betroffene spüren nicht immer einen Leidensdruck. „Vor allem Klimaangst hat eine Besonderheit: Sie ist gesellschaftlich akzeptiert und angesehen“, erklärt Psychiater Sandeep Rout. „Damit unterscheidet sie sich von vielen anderen Ängsten, die häufig schambehaftet sind und eher versteckt werden.“

Wie kann man mit Krisenängsten umgehen?

Wer spürt, dass die eigenen Krisenängste überhand nehmen, sollte sich genügend Pausen zugestehen, empfiehlt Psychologin Kathrin Macha, die sich bei den „Psychologists For Future“ engagiert. Auch sollte Raum für andere Themen bleiben, genauso wie für Familie und Freundschaften. Sie rät außerdem, Entspannungsmethoden auszuprobieren.

„Indem wir uns einen Ausgleich schaffen, können wir neue Energien für unser gesellschaftliches Engagement gewinnen. Das ist das beste Mittel gegen Krisenangst“, sagt Kathrin Macha.

Kostenlose Beratung durch Psychologen

Wer sich dennoch überfordert fühle mit seinen Sorgen und Ängsten, könne sich kostenlos von einem Expertenteam der „Psychologists for Future“ beraten lassen. Wird eine echte Angststörung diagnostiziert, ist beispielsweise eine Psychotherapie eine Behandlungsmöglichkeit. Sie kann aus den dunklen Gedanken heraushelfen, sagt Psychiater Sandeep Rout.

Abwehrmechanismen und Verdrängungsstrategien

Was aber, wenn die Krisenangst fehlt? „Manche Menschen verfügen über starke Abwehrmechanismen, die dafür sorgen, Ängste zu verdrängen oder nicht wahrzunehmen“, erklärt Psychiater Sandeep Rout.

Im Hinblick auf die Klimakatastrophe seien zu starke Abwehrmechanismen jedoch kontraproduktiv, sagt Psychologin Kathrin Macha. „Gerade bei der Klimaangst ist es so, dass uns diese Angst auch etwas mitteilen will. Sie soll uns ins Handeln bringen, hier ist Verdrängung fehl am Platz.“

So können Sie Angst in Stärke verwandeln

Die Sorgen auf vielen Schultern verteilen und dann daraus Stärke ziehen – das sei der beste Weg, um mit Krisenängsten umzugehen, sagt Amelie Schomburg.

Psychologin Kathrin Macha gibt ähnlichen Rat: Wer seine Ängste ernst nehmen und ihnen nicht unterlegen sein möchte, kann sich engagieren, Aktivistengruppen unterstützen oder sich mit Gleichgesinnten austauschen.

„So erlangen wir die Kontrolle über unsere Gefühle zurück, die Ohnmacht schwindet und wir tun dabei auch noch etwas Gutes“, sagt sie.

dpa