Hermann Terhörst hat viele seiner Erinnerungen gesammelt. Eine echte Schatztruhe. © Archiv
Kriegs-Weihnachten

Als Weihnachten für Hermann Terhörst das Paradies war

Hermann Terhörst hat viele Weihnachtsfeiertage erlebt. Genau sind es jetzt 81. Besondere waren für ihn die während des Krieges und danach. Als man sich über kleine Geschenke freute.

Ein kleiner „Panjewagen“ – ein Wagen, den ein Pferdchen zieht – Hermann Terhörst, Jahrgang 1940, hat sich seine Erinnerungen an Weihnachten in Kindertagen bewahrt. Jahrzehnte lang.

Gerade hat er das 75 Jahre alte Weihnachtsgeschenk wieder gefunden und es aus dem Keller nach oben ins Wohnzimmer geholt. Es stammt aus seinen frühesten Erinnerungen an Weihnachten, da befand sich Deutschland in einem fürchterlichen Krieg. Seit 1941 galt sein Vater Willy als vermisst.

Zwiespalt der Gefühle

Insofern gab es da an Weihnachten auch immer diesen Zwiespalt – zwischen Freude und bangem Hoffen. „Immer gab es auch die Frage, wann er wohl zurückkommen mag. Unser größter Wunsch war, dass es bald sein würde.“ Bis zum Jahr Jahr 1950 blieb das so, denn erst dann erfuhr die Familie, dass der Ehemann und Vater bereits 1941 den Feldzug in Russland nicht überlebt hatte.

Dennoch erinnert sich Hermann Terhörst gerne an bestimmte weihnachtliche Rituale auch in Kriegszeiten: „Im Kindergarten und mit meinen Geschwistern, meinem Bruder und meiner Schwester, haben wir Weihnachtslieder gesungen.“ Abends, wenn die Kinder früh ins Bett mussten, wurden Weihnachtsgeschichten vorgelesen.

Auch der Aufbau der Krippe in der Kirche mit ihren großen Figuren war für die Kinder der Familie Terhörst ein großes Erlebnis. Hermann Terhörst: „Es gab ja auch noch richtige Winter mit Eis und Schnee, die für Weihnachtsstimmung sorgten.“

Hochspannung an Heiligabend

An Heiligabend ging die Familie zuerst zur Messe in die Kirche. Und bei den Kindern steigt die Spannung auf das, was das Christkind wohl nach Hause gebracht hatte.

„Natürlich glaubten wir ans Christkind, sogar ganz lange“, sagt Hermann Terhörst. Für ihn und seine Geschwister ist die Aufregung auf dem Heimweg kaum noch auszuhalten: „Voller Spannung liefen wir durchs nur spärlich beleuchtete Dorf und hörten die Glocken läuten.“ Allerdings habe man auch immer wieder Angst gehabt, dass angesichts von häufigem Fliegeralarm das Christkind es gar nicht schaffen würde, zu kommen.

Was für ein Geschenk! Diesen “Panje-Wagen” besitzt Hermann Terhörst seit 75 Jahren. © Hermann Terhörst © Hermann Terhörst

Lange Zeit haben die Geschwister das Geheimnis des Christkindes nicht lüften können. Sie konnten auch ihre Mutter nicht „überführen“, die zuhause unter einem Vorwand das Weihnachtszimmer betrat, um die Kerzen anzuzünden, unbemerkt wieder zurück kam und sich mit solchen Scheinfragen wie „hat sich das Christkind noch gar nicht gemeldet?“ die Aufregung der Kinder nochmal anfeuerte.

„Erlösung“ gab es für die erst, wenn das laute Glöckchen zur Bescherung klingelte und das Weihnachtszimmer betreten werden durfte. Den Weihnachtsbaum hatte die Mutter von befreundeten Landwirten geschenkt bekommen und ihn festlich geschmückt.

Kleine Geschenke und große Freude

Die Geschenke waren klein, meist selbst genäht, gestrickt oder gewerkelt. „Wir freuten uns schon über ein Malbuch, über Buntstifte“. Einmal gab es für Bruder Willi einen Milchwagen und für Hermann Terhörst besagten Panjewagen. Natürlich selbstgebaut. Und der heiß ersehnte Schlitten, der mal unterm Weihnachtsbaum lag, war eine handwerkliche Kooperation. Das eiserne Untergestell hatte ein Schmied, die Sitzfläche ein Schreiner aus dem Ort gefertigt.

Auch wenn die Gaben nicht üppig waren, für die Terhörst-Kinder „kamen sie dem Paradiese gleich“, wie Hermann Terhörst mal seine Gefühle von damals in einem Gedicht zu Papier brachte. Seine Gedanken zu Weihnachten hat er auch schon bei verschiedenen Gelegenheiten vorgetragen.

Kritischer Blick auf Weihnachten

In dem genannten Gedicht kann man lesen, dass Hermann Terhörst den Jahren nach dem Krieg, den Weihnachtsfeiern in den Wirtschaftswunderjahren nicht nur Positives abgewinnen kann. Trotz wachsenden Wohlstands hat er sie auch als Verlust des Paradieses empfunden: „Nun wird gewünscht und gegeben und keiner fragt nach dem Wert. Vergessen sind Krieg und Armut und die Stunden am einsamen Herd.“ Und noch deutlicher: „Aus dem schönsten der christlichen Feste hat der Mensch einen Jahrmarkt gemacht.“

Auch wenn die ersten Weihnachtserlebnisse durchaus getrübt waren durch Krieg, Armut, die Abwesenheit des Vaters, Weihnachten 2020 ist für Hermann Terhörst das schlimmste seines Lebens: „Auch wenn damals viele Männer im Krieg waren, umso enger sind doch die Familien zusammengerückt, das fehlt heute einfach.“

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