Viele Schüler werden per Elterntaxi direkt bis vor die Schule gebracht. Laut einer Studie ist dies für Kinder gefährlicher, als wenn sie zu Fuß kommen. Eine Legdener Mutter will das ändern.

Legden

, 07.11.2018, 06:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Montagmorgen kurz vor 8 Uhr vor der Brigidenschule in Legden. Es ist einiges los auf der Wibbeltstraße: Viele Autos sind unterwegs, Kinder, Mütter, Väter zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Auch Helena Gründel (28) und ihr Tochter Julia laufen die Wibbeltstraße hoch. Julia trägt stolz ihren bunten Regenschirm. Es ist zwar trocken, aber die Siebenjährige hat ihn gerade zum Geburtstag geschenkt bekommen. Denn Helena Gründel und Julia gehen immer zu Fuß zur Schule, bei Wind und Wetter, oft begleitet auch von ihrem Hund Orlando. „Das habe ich schon so als Kind gemacht, das will ich auch für meine Tochter“, sagt Helena Gründel. Aber genau das ist das Problem.

Während Julia schon mal in die Schule läuft, erzählt ihre Mutter, wie gefährlich sie den Schulweg findet. Weil hier zu viele Autos fahren, darunter zahllose Elterntaxis, also Eltern, die ihre Kinder direkt bis vor die Türen der Grundschule chauffieren. Weil die Straße selbst beispielsweise wegen der viel zu schmalen Gehwege Gefahren birgt. Weshalb die Erstklässlerin auch nicht allein gehen darf. Helena Gründel will nicht tatenlos zusehen. Sie hat eine Aktion für einen sicheren Schulweg gestartet. Seit gut einem Monat sammelt sie Unterschriften. „Es sind schon mehr als 750“, erzählt sie nicht ohne Stolz. Noch liegen einige Listen aus, zum Beispiel bei der Bäckerei Ebbing an der Hauptstraße. Werden alle voll, und bald - das ist Helena Gründels Ehrgeiz - wird die 1000er-Marke geknackt.

Im Bereich der Schule ist eine 30er-Zone, kurz vorher verengen Betonblöcke auf beiden Seiten die Fahrbahn.

Im Bereich der Schule ist eine 30er-Zone, kurz vorher verengen Betonblöcke auf beiden Seiten die Fahrbahn. © Ronny von Wangenheim

Noch ein paar Minuten bis Schulanfang. Kinder fahren mit ihren Fahrrädern die Wibbeltstraße hoch, aus der Droste-Hülshoff-Straße kommt eine Gruppe Kinder im Gänsemarsch. Nebeneinander gehen können sie nicht, dazu ist der Gehweg zu schmal. Auf der Straße fahren mit dem Rad drei Mütter zur Begleitung, schauen, dass ihre Kinder sicher zur Schule kommen. Einmal um die Ecke, dann stehen die Schüler zwischen parkenden Autos. Verblasste weiße Fußstapfen deuten an, wo sie die Fahrbahn überqueren können. Einmal links, einmal rechts geschaut, und noch zwei Autos vorbeigelassen, dann gehen sie rüber in Richtung Schulhof.

Der schnelle Weg ist nicht der beste

Kurz vor den Betonblöcken, die die Fahrbahn zu beiden Seiten der Schule verengen, parkt eine Mutter, lässt kurz den Sohn raus. Noch ein Kuss, dann läuft er fröhlich davon. „Ich versuche möglichst langsam zu fahren und etwas früher, damit noch nicht so viel los ist“, sagt die Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte. Gleich wird sie abbiegen und durch die Droste-Hülshoff-Straße wegfahren. Wenn sie ehrlich ist, so sagt sie, immer mache sie das auch nicht. Der Weg durch die Wibbeltstraße ist einfach kürzer. Und sie will selbst schnell zur Arbeit.

Schulwege sind, das zeigen landesweite Zahlen, alles andere als ungefährlich. Das gilt gerade in der dunklen Jahreszeit. An jedem Schultag verunglücken in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 26 Grundschüler auf dem Schulweg – insgesamt 5049 im vergangenen Jahr. 13 Schüler verunglückten tödlich. Im Kreis Borken kam es von Januar bis Okober 2018 zu 39 Schulwegunfällen mit insgesamt 42 Verunglückten. Im ganzen vergangenen Jahr waren es 44 Schulwegunfälle mit 44 Verunglückten. In Legden hat die Polizei, so Danièl Maltese aus der Pressestelle der Kreispolizei Borken, in beiden Jahren jeweils einen Unfall mit einem Verunglückten verzeichnet. Beide geschahen allerdings gegen 16 Uhr und betreffen keine Brigidenschüler.

An der Brigidenschule ist die Polizei immer wieder mal vor Ort. Der Bezirksbeamte Werner Kock schaut manchmal morgens nach der Verkehrssituation. Damit Kinder gut klar kommen im Verkehr, machen sie in den vierten Klassen eine Radfahrerausbildung. Mit der Aktion „Kreis Borken sieht Gelb“ werden gemeinsam mit Partnern zum Schuljahresbeginn die Schulanfänger angesprochen. Danièl Maltese führt als weitere Aktion für Grundschulen „Dank- und Denkzettel“ auf. Hier misst die Polizei die Geschwindigkeit, Schulkinder haben dann die Möglichkeit selbst gestaltete Dank- oder eben Denkzettel an die Fahrer zu verteilen.

„Das ist hier eine Katastrophe“

Vor der Brigidenschule kommt eine weitere Mutter mit dem Fahrrad an und mischt sich in das Gespräch ein. „Das ist hier eine Katastrophe“, sagt sie. Sie stört vor allem, dass Eltern in den Parkbuchten vorwärts einparken und dann wieder rückwärts ausparken. „Die sehen die Kinder dann gar nicht.“ Sandra Thesing kommt mit dem Fahrrad, hinter ihr auf seinem kleinen Rad der Sohn, der in die zweite Klasse geht. „Alleine fahren lasse ich ihn noch nicht“, sagt sie. Zu gefährlich. Kinder, die von der Osterwicker Straße kommen, müssen auf der Fahrbahn fahren, weil die Gehwege viel zu schmal sind.

Wenn Autos rückwärts ausparken, ist die Sicht schlecht. Kinder auf der Fahrbahn können leicht übersehen werden.

Wenn Autos rückwärts ausparken, ist die Sicht schlecht. Kinder auf der Fahrbahn können leicht übersehen werden. © Ronny von Wangenheim

Viele der Mütter, die an diesem Morgen an der Schule sind, sehen das Problem ähnlich. Die schlecht angeordneten Parkbuchten, die engen Bürgersteige, Eltern, die gegen die Fahrtrichtung in der Bushaltestelle parken, das alles kommt zur Sprache. Ihren Namen wollen sie lieber nicht in dem Bericht lesen. „Das ist schwierig. Da geht es ja Eltern gegen Eltern“, nennt eine Mutter den Grund.

Das weiß auch Helena Gründel. Sie kennt die Problematik der Elterntaxis. „Kürzlich fuhr ein Vater direkt bis vor die Schranken am Schulhof.“ Auch darüber spricht sie, wenn sie nach Unterschriften fragt.

Jeder sechste Legdener hat unterschrieben

Ihr Ziel: 1000 Namen, 1000 Unterstützer. Das ist rein rechnerisch jeder sechste Legdener über 16 Jahren. Aber natürlich haben nicht nur Menschen aus dem Ort unterschrieben. Ob der Kölner, der am Wochenende in seine alte Heimat gekommen ist und Helena Gründel vor dem Edeka-Markt angetroffen hat, oder die Großeltern aus dem Nachbarort, die ihre Enkel abholen – die Legdenerin hat alle angesprochen. Sie war beim Konzert der Legdener Chöre, bei der Kleiderbörse, stand vor dem Edeka und dem K+K-Markt. Die meisten hat sie überzeugt. Viele haben ihr erzählt, dass sie die Situation noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen. „Jetzt gehe ich noch zur Blutspendenaktion nach Asbeck“, sagt sie. Dann will sie ihre lange Liste Bürgermeister Friedhelm Kleweken überreichen.

Für Bürgermeister Friedhelm Kleweken ist die Verkehrssituation an der Brigidenschule ein Thema, seit er Bürgermeister ist. Also seit knapp 20 Jahren. Einiges sei getan worden in der Vergangenheit, so erklärt er. „Am Ende hängt es aber immer an der Disziplin der Personen“, sagt er in Richtung Eltern.

Auch Schulleiterin Silvia Florack und ihre Kolleginnen machen die Verkehrssituation immer wieder zum Thema – ob bei Elternabenden, in der Schulkonferenz oder in den Informationsflyern, die zweimal im Jahr an die Eltern herausgehen. Auch sie beobachtet, wie Kinder möglichst nah an den Schuleingang gebracht werden und findet das Engagement von Helena Gründel gut.

Im Gänsemarsch geht es zur Schule.

Im Gänsemarsch geht es zur Schule. © Helena Gründel

Nicht jeder durfte übrigens bei Helena Gründel unterschreiben. „Ein Vater wollte unterschreiben, den ich jeden Morgen sehe, wie er mit dem Auto ganz nah zur Schule fährt. Dem habe ich gesagt, das hat ja gar keinen Sinne, wenn du mitmachst, wenn du morgen wieder hier anbraust.“ Das hat geholfen. Inzwischen beobachtet die Legdenerin, dass der Mann in der Seitenstraße sein Kind rauslässt.

Parkplätze an Osterwicker Straße bieten sich an

Es gibt viele Lösungen. Bei einigen sind die Eltern gefragt. „Zu Fuß kommen“, sagt Helena Gründel, „Legden ist doch wirklich nicht sehr groß.“ Sie selbst rechnet von der Neustadt mit maximal 15 Minuten Gehzeit. Eltern, die in der Nähe wohnen, würden aber häufig das Auto nehmen. Ja klar, so mancher Morgen saust davon, es regnet in Strömen – die Versuchung ist einfach groß. Mit dem Getränkemarkt und der Gaststätte Ostermann gibt es außerdem zwei gute Gelegenheiten, Kinder sicher aussteigen zu lassen. „Dann bleibt ein Fußweg von fünf Minuten“, sagt Helena Gründel. „Und wenn das alle machen, ist die Wibbeltstraße auch sicher.“

Die Gehwege an der Wibbeltstraße sind teilweise sehr schmal.

Die Gehwege an der Wibbeltstraße sind teilweise sehr schmal. © Ronny von Wangenheim

Eine gerade erst vorgelegte neue wissenschaftliche Studie im Auftrag des ADAC stützt die Meinung von Helena Gründel. Danach ist es gefährlicher, sein Kind in die Schule zu fahren, als es selbst gehen zu lassen. In vielen Fällen würden Eltern durch regelwidriges Anhalten oder riskante Wendemanöver die Sicherheit anderer Schulkinder und Verkehrsteilnehmer teils massiv gefährden.

Elterntaxis schaden den Kindern

Die „Elterntaxi“-Studie beklagt zudem als weiteren negativen Nebeneffekt, dass durch regelmäßige Hol- und Bringdienste die selbstständige Mobilität von Schulkindern immer mehr verloren geht. Der ADAC appelliert daher an alle Eltern, ihre Kinder auf einem sicheren Schulweg so oft wie möglich zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. Wer einen Schulweg allein laufen dürfte, habe ein besseres Bewusstsein für Gefahrensituationen, so der ADAC. Auch unter Psychologen gibt es die Kritik, dass Elterntaxis die Kinder passiv machten und sie in der eigenen Entwicklung behinderten. Die Tendenz ist jedoch eine ganz andere. Während sich in den 70er-Jahren noch mehr als 90 Prozent der Grundschüler in Deutschland alleine auf den Schulweg gemacht hat, war es nach einer Forsa-Umfrage zufolge im Jahr 2012 nur noch jeder zweite.

Für andere Lösungen, die sich Helena Gründel vorstellt, sind der Kreis Borken und die Gemeinde Legden gefordert. Wo die Betonblöcke stehen, wünscht sich die 28-Jährige einen Zebrastreifen. Für Fahrradfahrer könnten eigene Spuren auf der Straße markiert werden. Die Parkplätze könnten längs angeordnet werden, sodass das Ausparken sicherer wird. Am besten, so sagt sie weiter, wäre es, die Wibbeltstraße zur Einbahnstraße zu machen.

Manche Eltern wünschen sich eine Bannmeile

Auf eine Einbahnstraßen-Regelung angesprochen, zögert Bürgermeister Friedhelm Kleweken aber. „Das dauert ja morgens nur eine viertel Stunde. Dann ist alles vorbei“, sagt er: „Da straft man die Nachbarn ab.“

Und dann ist da noch eine Idee: eine Bannmeile. Dass diese in Legden eingerichtet werden könnte, hält Helena Gründel dann doch für unwahrscheinlich. Auch andere Eltern haben davon gehört. In Hannover, Hamburg oder Osnabrück wird das bereits an einigen Grundschulen praktiziert. Für gewissen Zeiten dürfen dann nur die Anwohner bestimmte Straßenabschnitte nutzen. Andernorts werden eigene Eltern-Park-Zonen ausgewiesen. Für beides finden sich auch an diesem Morgen vor der Schule Befürworter.

Die Polizei gibt generelle Tipps, gerade für die dunkle Jahreszeit:
  • helle Kleidung
  • Sicherheitswesten mit Reflektoren
  • Helme für die Radfahrer (auch für die Eltern als Vorbilder)
  • ein verkehrssicheres Fahrrad
  • ein Schulweg, der auf Gefahrenstellen hin überprüft und dann mit dem Kind geübt wird
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