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Brot gibt es an vielen Orten zu kaufen, die Bäcker haben es immer schwerer

mlzBäckerhandwerk

In Legden sind die vier verbliebenen Bäckereien jeweils Teil eines größeren Filialnetzes. Einzelkämpfer gibt es im Dahliendorf schon lange keine mehr. Die Tradition ist aber nicht verloren.

von Alex Piccin

Legden

, 23.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Einzelkämpfer im Bäckerei-Handwerk sterben nach und nach aus. Diese Erfahrung haben die Legdener vor einigen Jahrzehnten machen müssen, als der letzte Brötchenmeister seine Backstube verlassen hat. In dessen Fußstapfen wollte der eigene Nachwuchs nicht treten, doch die Versorgung mit Backwaren blieb trotzdem gesichert – zumindest in Legden, für Asbeck gilt dies mit Abstrichen.

Heute gibt es vier Großbäckereien im Dahliendorf: Ebbing, Ebbinghoff, Eihsing und Mensing. „Brot können wir in Asbeck bei Kemper bekommen, aber nur morgens“, sagt Monika Kerkhoff. Früher sah das ein wenig anders aus. Die Asbeckerin, Mitglied im Heimatverein und gute Seele des Dormitoriums, zählt auf: „Lindenbaum hat sich irgendwann auf Obst und Gemüse spezialisiert. Bis vor etwa 15 Jahren gab es auch noch Alfert an der Schule. Brötchen wurden auch rumgebracht.“

Brot gibt es an vielen Orten zu kaufen, die Bäcker haben es immer schwerer

Der ehemalige Asbecker Brotladen steht seit Langem leer. © Markus Gehring

Vor 40 Jahren habe man in Asbeck noch alles bekommen können, heute sei man auf ein Auto angewiesen, um umfangreiche Einkäufe zu tätigen. „Schlimm ist es nicht. Man gewöhnt sich daran, auf Vorrat zu kaufen“, sagt Monika Kerkhoff. Brot frisch aus dem Ofen gibt es aber tatsächlich noch in Asbeck, einmal im Monat nämlich, wenn die Backfrauen für den guten Zweck den Teig anrühren.

„Legden kann nicht klagen“

Zurück nach Legden. Die Einwohner fühlen sich quantitativ wie qualitativ gut versorgt. „Wenn sich auch die Versorgung, nachdem der letzte Bäcker in Legden seine Tätigkeit eingestellt hat, grundsätzlich geändert hat, so kann Legden nicht klagen“, sagt Heimatforscher Hermann Terhörst. Seinen Ausführungen nach gab es nach 1900 sieben Bäckereien: Heinrich Homeyer, später fortgeführt vom Pächter August und Sohn Hermann Werning auf der Neustadt; Paul Melchers an der Kirchstraße; Gerhard Thür, später Pächter Wagner an der Hauptstraße; Anton und später Hermann Fränkert in der Schulstraße; August Niedecker an der Hauptstraße, die zuletzt von Enkel Otto Müller betrieben wurde; Gerhard Dapper im Lütke Dorf. Schließlich gab es im zweiten Haus der Kirchenburg die Bäckerei Gerhard Strobel. „Dessen leckeres Schwarzbrot wurde bis zum preußischen Königshof geliefert“, sagt Hermann Terhörst.

Brot gibt es an vielen Orten zu kaufen, die Bäcker haben es immer schwerer

Die Ebbing-Filiale an der Hauptstraße verfügt auch über ein Café. © Alex Piccin

Die heutigen Legdener Bäcker sind von ihrer Güteklasse überzeugt, nach ihren Aussagen auch die Verbraucher. Stephan Mensing ist sich sicher, dass der Kunde die Qualität des Handwerkers zu schätzen weiß: „Wir müssen uns vor dem Brot aus Käfighaltung oder dem Bräunungsstudio nicht verstecken.“

Damit meint er die Konkurrenz aus den Verbrauchermärkten„In jedem Supermarkt wird Tiefkühl- oder Industrieware angeboten. Das ist schon spürbar“, sagt Josef Ebbinghoff. „30 bis 40 Prozent der Personen können sich den Bäcker nicht täglich leisten.“

Immer mehr Bürokratie macht Bäckermeistern zu schaffen

Teurer als der Supermarkt oder ein SB-Bäcker ist der Teig-Handwerker in der Regel schon. Einerseits aufgrund der Qualität, andererseits gesellen sich bürokratische Auflagen hinzu, die Zeit und somit Geld kosten. „Wir können bald jemanden einstellen, der sich nur darum kümmert“, klagt Josef Ebbinghoff. „Mein Schreibtisch quillt schon über. Es gibt den schönen Spruch: ‚Ich will doch nur backen.‘“ Ins gleiche Horn stößt Stephan Mensing. Zutatenlisten, Allergenkennzeichnung und viele andere Vorgaben und Richtlinien gelte es zu beachten.

Die Lage des Bäckerhandwerks bezeichnet er dennoch als positiv – unter der Voraussetzung, dass mit der Zeit gegangen und auf den Kundenwunsch eingegangen wird: „Heute verkaufen wir viele belegte Brötchen oder Kaffee zum Mitnehmen, das war vor 20 Jahren nicht so.“ Diesem Trend folgen die ortsansässigen Bäckereien, Ebbing und Ebbinghoff bieten etwa auch Sitzgelegenheiten wie in einem Café an. Eihsing hat im Zuge des vorübergehenden Umzugs des Edeka-Marktes etwas abgespeckt, bietet aber weiter sein Sortiment an.

Im Segment der Brötchen, besonders bei den belegten, hat sich der Absatz positiv entwickelt, berichtet Josef Ebbinghoff: „Beim Brot haben wir hingegen verloren.“ Die Zeit habe sich in den Bäckereien extrem gewandelt. Neben den Supermärkten und Discountern kommen mittlerweile auch Tankstellen ins Spiel, die den Brötchenmarkt für sich entdeckt haben. Sie besitzen unter anderem einen Vorteil von drei Tagen im Jahr, wie Josef Ebbinghoff erklärt: „Wir Bäcker dürfen bei zwei aufeinanderfolgenden Feiertagen nur an einem öffnen. Es kommt zwar dreimal vor im Jahr, aber jede Mücke sticht.“ Das ist Ostern, Pfingsten und Weihnachten.

Es wird schwer, Personal oder Nachfolger zu finden

Die Bäckermeister sind sich einig: Das Image der Produkte sei super, jenes der Arbeit dahinter hingegen nicht. Gehalt und Arbeitszeit versprechen nicht gerade Wohlfühlfaktor. Das schlägt sich auf das Personal und die Nachfolgesituation nieder. Was früher oft das K.o.-Kriterium für die kleinen Einzelbäckereien gewesen ist, können die Großen besser auffangen.

Josef Ebbinghoff macht sich dahingehend Gedanken. Seine Legdener Filiale hat er 1994 von Otto Müller übernommen – es war seinerzeit die zweite –, da dessen Töchter kein Interesse hatten, diesen Geschäftszweig fortzuführen. Ebbinghoff ist 55 und ist noch unsicher, wie es eines Tages mit dem eigenen Betrieb weitergehen soll. Der ältere Sohn ist 21 und hat eine Klempnerlehre beendet. „Er überlegt, ob er auf Bäcker umschwenken soll.“ Bei den 14-jährigen Zwillingen ist der berufliche Werdegang noch vollkommen offen.

„Die Personallage ist schwierig. Die Backstube ist zwar noch ganz gut besetzt, doch der Verkauf ist vor allem aufgrund der Sonntage unbeliebt.“ Ebbinghoff bekommt so gut wie keine Bewerbung. Jene die bei ihm auf den Tisch landen, sind meist von Interessenten, die einen Beruf in der Bäckerei als „Notnagel“ sehen: „Man muss schon nehmen, was kommt.“

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Bäcker mit Le(a)ib und Seele

Ob die Bäckerlehre attraktiv ist, kann Stephan Mensing nur bedingt unvoreingenommen beantworten, schließlich führt er die gleichnamige Bäckerei in der sechsten Generation und ist Bäcker mit Le(a)ib und Seele. Er weiß aber, dass die Zahl an Bewerbern mit den Jahren abgenommen: „Das ist wie in jedem handwerklichen Beruf. Acht bis zehn Auszubildende habe ich pro Jahr, früher waren es 15 und mehr.“

Mensing führt die Situation auch auf die Schulen beziehungsweise den Lehrplan zurück, in dem zu viel Wert auf Weiterbildung gelegt werde: „Zu meinen Realschulzeiten war es bereits so, dass wir nur zu zweit einen handwerklichen Beruf gewählt haben.“ Die Hoffnung, dass sich die Lage irgendwann wieder ändern wird, gibt er aber nicht auf.

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