Schausteller-Familie strandet in Legden und bringt Kirmesduft nach Hause

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Die Corona-Krise hat alle Pläne vernichtet. Statt auf Frühlingsfesten steht der Mandelwagen der Familie Scheffer jetzt in einer Legdener Scheune. Von hier aus verbreiten sie Kirmesduft.

Legden

, 08.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf dem Hof in Legden riecht es nach gebrannten Mandeln. Der Blick durch das Scheunentor zeigt einen großen Wohnwagen und einen Mandelwagen. In ihm stehen Katharina (35) und Fredi Scheffer (38) und streuen Zucker und Mandeln in den Kessel. Die Corona-Krise hat sie in Legden stranden lassen. Doch Aufgeben ist keine Option.

„Eigentlich wäre jetzt das Frühlingsfest in Nottuln dran“, sagt Katharina Scheffer. Doch die Corona-Pandemie hat alle Reisepläne über den Haufen geworfen. Keine Frühlingsfeste, keine Kirmessen – mit dem Beginn der Saison begannen die Corona-Beschränkungen. „Geld haben wir in diesem Jahr noch nicht verdient“, so Fredi Scheffer. So eine Situation, ergänzt seine Frau, gab es noch nie in ihren beiden Familien, Schausteller seit vier und mehr Generationen.

Sie sind froh, dass sie in Legden ein Notquartier haben. In der Scheune stellen sie normalerweise nur ihre zwei Mandelwagen und den Wohnwagen ab, wenn sie nicht gebraucht werden. Der Standort passt, weil die meisten Märkte, auf denen sie Jahr für Jahr stehen, in der Umgebung sind. Von März bis Dezember sind sie auf Reisen, nur die Winterwochen verbringen sie in ihrem Heimatort Fürstenau, wo sie bei Verwandten ein Zuhause haben.

Absage des Frühlingsfestes war der „Schock pur“

Das geht für die wenigen Wochen, nicht aber für längere Zeit, so Katharina Scheffer. Deshalb leben sie jetzt, wie sie es gewohnt sind, mit ihren drei Kindern im Wohnwagen. „Wir hatten ja schon alles eingeräumt und vorbereitet“, so Katharina Scheffer. Emsdetten wäre das erste Ziel gewesen. Freitags hieß es noch, sie könnten kommen, sonntags kam dann die Absage. Losfahren, das konnten sie nicht mehr. „Das war der Schock pur“, so Fredi Scheffer.

Obst wird mit belgischer Pralinenschokolade überzogen.

Obst wird mit belgischer Pralinenschokolade überzogen. © Ronny von Wangenheim

Einige Zeit haben sie gebraucht, um sich neu zu sortieren, so erzählt seine Ehefrau. „Das ging auch an die Psyche“, sagt sie. Nächtelang habe sie kaum geschlafen. Doch jetzt sind sie soweit, dass sie neue Pläne umsetzen. „Wir bringen Ihnen den echten Kirmesduft nach Hause“, verspricht das Schausteller-Ehepaar. Sie verteilen Flyer, haben in den entsprechenden Facebook-Gruppen von ihrem Angebot unter „Alt Wien Nuss und Fruchtspezialitäten“ berichtet.

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„Es kamen schnell die ersten Anfragen“, erzählt Katharina Scheffer, während sie Trauben und Bananen auf Holzspieße steckt und in Schokolade taucht. Gleich wird sich ihr Mann auf den Weg machen und die Schokofrüchte und Mandeln nach Coesfeld ausliefern.

Katharina und Fredi Scheffer in ihrem Mandelwagen.

Katharina und Fredi Scheffer in ihrem Mandelwagen. © Ronny von Wangenheim

Für Geburtstagsfeiern oder Familien mit Kindern haben sie in den vergangenen Tagen Mandeln und Schokofrüchte hergestellt, ein Paar hat sich für den Besuch im Autokino die passenden Leckereien wie Popcorn und Zuckerwatte bestellt. Das alles hilft. Vor allem für die Psyche: Die neue Geschäftsidee sorgt für Beschäftigung und Struktur. „Es macht Spaß, wenn man was zu tun hat“, sagt die 35-Jährige.

Ware war bereits für die Saison bestellt

Auch finanziell ist es eine Hilfe, obwohl sie von ihrem Lieferservice nicht leben können. Aber das investierte Geld kommt zurück in die Kasse. „Wir hatten ja schon Ware bestellt“, erzählt Katharina Scheffer: Mandeln, Lebkuchenherzen, die teure belgische Pralinenschokolade. „Die würde ja sonst ranzig. Es ist gut, dass wir wenigstens keine Ware wegschmeißen müssen“, sagt Fredi Scheffer. Verdient haben sie zuletzt beim Weihnachtsmarkt.

Bei den gebrannten Mandeln sind die Varianten Baileys und Kinderschokolade am beliebtesten.

Bei den gebrannten Mandeln sind die Varianten Baileys und Kinderschokolade am beliebtesten. © Ronny von Wangenheim

Eine ungewohnte Situation ist es auch für die drei Kinder Bernardo (11), Fredi (9) und Diego (2). Sie sind das Reisen gewöhnt, die beiden Großen gehen manchmal jede Woche in eine andere Schule. Im Gepäck sind Lernmaterial und Reisetagebücher, in denen das Gelernte für die wechselnden Lehrer festgehalten wird.

Immer wenn sie in der Nähe von Billerbeck ihren Mandelwagen auf einem Markt aufstellen, geht es in die Stammschule nach Billerbeck. Auch jetzt fährt Katharina Scheffer erstmal ihren elfjährigen Sohn wieder zur Schule. Der weite Weg lohnt sich. Hier kennen die Lehrer die Situation der Familie, hier haben Bernardo und Fredi Freunde. Aber lieber, da sind sich alle Scheffers einig, lieber wären sie jetzt unterwegs und stünden mit duftenden Mandeln und raschelndem Popcorn auf einem Frühlingsmarkt.

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