Dem Boden auf den Grund gehen

Otger Dillmann

Er gibt schon ein seltsames Bild ab, der groß-gewachsene Mann in den grünen Gummistiefeln, der mit einem eisernen Stab und einem kurzen, einer Schaufel ohne Stiel ähnelndem Teil auf dem Acker steht. Den Stab in den Boden gedrückt, wieder herausgeholt, kurz auf die "Schaufel" geklopft. Und schon geht’s weiter.

LEGDEN

21.12.2016, 18:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer Otger Dillmann von Ferne beobachtet, mag sich ein wenig wundern, warum er den Acker fast in sich selbst versunken abschreitet. Die Landbesitzer, sprich: die Landwirte, wissen aber genau, was der Schöppinger auf ihrem Grund und Boden so treibt. Otger Dillmann ist "öffentlich bestellter und vereidigter Probennehmer" der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Ein Beruf, der so eigentlich keiner ist. Zumindest ist es kein Ausbildungsberuf. "Die meisten Probennehmer sind Quereinsteiger", bestätigt der 52-Jährige. "Nur eine Handvoll von uns ist in diesem Metier selbstständig, andere machen das im Nebenerwerb."

Solide Ausbildung

Auch Otger Dillmann hat eine grundsolide landwirtschaftliche Ausbildung, sollte eigentlich den elterlichen Hof übernehmen. "1987 habe ich mit Probenentnahmen angefangen. Zunächst, um mir ein wenig Geld dazu zu verdienen. Irgendwann hat sich das aber immer weiterentwickelt und ich stand vor einem Scheideweg: Mache ich es als Selbstständiger - oder führe ich den Hof weiter." Wie die Entscheidung ausgefallen ist? - Ganz klar.

Auftraggeber des Schöppingers sind neben den Landwirten auch Kommunen, die Landwirtschaftskammern oder Privatleute. Sein Einsatzgebiet umfasst ganz Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich aber die Kreise Borken, Coesfeld, Steinfurt und Recklinghausen. Hier kennt er die "Buurn", spricht deren Sprache. "Meine Eltern fanden es damals besser, dass ich Hochdeutsch und kein Platt lerne. Erst im Lehrbetrieb in Stadtlohn musste ich Platt küern", erzählt der Westfale. Das Problem: "In jeder Gemeinde ist es wieder ein anderer Dialekt. Hier in Legden sprechen die Bauern anders als in Alstätte. Ich habe mir aus allem ein Mischmasch zurechtgelegt. Und die meisten verstehen mich", lacht Otger Dillmann.

Prügelknaben der Nation

Ohnehin hat er als "Mann vom Fach" einen anderen Zugang zu den Landwirten. "Die Bauern sind leider ein wenig zu Prügelknaben der Nation geworden", meint er. "Dabei überlegen sie schon, ob und wieviel Gülle oder Dünger sie auf ihre Äcker aufbringen. Da auch das Düngen Geld kostet, bringen die Bauern nicht mehr auf, als sie müssen."

Und ein weiteres Argument führt Otger Dillmann ins Feld: "Wenn Ackerland verpachtet wird, gibt es zuvor oft Bodenproben. Ist das Land Jahre vorher mit Gülle oder Dünger überfrachtet worden, ist es weniger wert. Der Acker ist das Kapital der Landwirte, deshalb werden mit den Bauern eigentlich die falschen an den Pranger gestellt."

Mehrere Einstiche

Um genaue Aufschlüsse über die Bodenbeschaffenheit zu erlangen, läuft der Probennehmer das Feld diagonal ab, macht dabei mehrere sogenannte Einstiche. Auf Grünland muss er fünf bis zehn Zentimeter tief einschlagen, auf dem Acker etwa 30 Zentimeter tief. Die Gesamtzahl der Proben werden in ein Papiertütchen gepackt, das wiederum zur Auswertung an das Labor der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungs-Anstalt geschickt. Untersucht wird die Bodenbeschaffenheit dort auf den ph-Wert, Phosphor, Kalium und Magnesium.

"Die Ergebnisse sind wichtig für die Grunddüngung", erklärt der Experte, der dann auf Wunsch auch einen Düngeplan erstellt. Hinsichtlich der Gülle-Ausbringung entnimmt Otger Dillmann Proben in 60 Zentimetern Tiefe, die Aufschluss geben, ob der Boden noch nachgedüngt werden muss und wie sich die Konzentration möglicherweise auf das Grundwasser auswirkt.

Sand und Klei

Privatgärten, Pferdewiesen, Lebensmittel, Obst oder Saatgut werden von Otger Dillman geprüft. Je nach Willen des Auftraggebers. "Man lernt bei dieser Arbeit viele Menschen kennen", freut sich der 52-Jährige. "In Alstätte, da hat mir mal die Krahn-Marie drei Stunden lang was übers Schmuggeln erzählt. Sie hörte sofort heraus, dass ich ‚Lehm-Platt' spreche und rief ‚De kümp von Klei.'"

Die Landwirte im Münsterland, so klärt Otger Dillmann auf, "unterschieden sich früher nämlich in Lehm- und Sandbauern. Die vom Lehmboden, das waren die etwas besser betuchten, die Sandbauern eher die etwas ärmeren."

Landwirte kennengelernt

Für ihn unterscheidet sich die Bodenbeschaffenheit eher darin, wie leicht der Einschlag ist: Geschmeidig bei Sand, wie anhänglicher Fensterkitt bei Lehm. "Im Laufe der Jahre habe ich viele Generationen bei den Landwirten kennengelernt. Bei manchen habe ich schon für den Opa Bodenproben entnommen, dann für den Sohn und inzwischen ist die dritte Generation am Start. Mit jedem setze ich mich gerne an den Tisch, höre mir die Dönekes an."

Was dann wieder Beruf mit Hobby verbindet. "Denn eigentlich", so verrät der Probennehmer, "wäre ich gerne Historiker geworden." Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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