So präsentiert Scoperty die Immobilien-Situation rund um Legdens Kirchplatz. © Scoperty/Screenshot
Schätzpreise im Netz

Die Legdener kennen jetzt auch den Wert ihrer Nachbarhäuser

In Legden kann man offenbar noch recht günstig Immobilien kaufen. Die Schätzpreise, die die Plattform „Scoperty“ für jedes Haus im Ort ins Netz stellt, legen das nahe. Es hagelt Kritik.

Quer durch die Republik hat das 2019 gegründete Start-up-Unternehmen „Scoperty“ aus München inzwischen nach eigenem Bekunden „fast alle Immobilien“ (2020: 35 Millionen) bewertet und ins Netz gestellt. Darunter auch die in Legden.

Allerdings war so mancher Legdener Hausbesitzer in mehrfacher Hinsicht davon überrascht. Nicht nur darüber, dass sein Eigenheim überhaupt öffentlich bewertet wurde, auch der angegebene Wert irritierte oft. Die Reaktionen: von viel zu niedrig bis viel zu hoch. Warum das tatsächlich auch so sein kann, erfährt man auf der Homepage der Firma: Es handelt sich um Schätz- und nicht um rechtsverbindliche Marktpreise, heißt es dort.

Algorithmus errechnet Schätzpreise

Umfassend wird dort auch das Verfahren der Schätzung beschrieben. Grundlage sei ein „hochkomplexer Algorithmus, der einen Schätzwert pro Quadratmeter für jede Immobilie berechnen kann“.

Entwickelt wurde der Algorithmus vom Bewertungsunternehmen Sprengnetter, das den Algorithmus kontinuierlich mit öffentlich zugänglichen Daten und Informationen (zum Beispiel: Katasterämter, Landesvermessungsämter, Bundesamt für Kartographie und Geographie) füttert und ständig dazulernen lässt.

Claudia Hintemann (Immobilien Hintemann), Maklerin aus Legden, kennt Sprengnetter und dessen Programm zur Wertermittlung von Immobilien, das auch Maklern angeboten werde. Sie hat es allerdings nicht gebucht, sondern orientiert sich bei ihrer Arbeit an den klaren Regeln, die bei der Vermarktung von Immobilien zu beachten sind: „Es gibt eine Wertermittlungsverordnung, in der der Gesetzgeber das geregelt hat und an die wir uns halten.“

Von „Scoperty“ indes erfährt sie erst durch die Anfrage der Münsterland Zeitung und ist einigermaßen erstaunt, was sie auf der Scoperty-Seite zu sehen bekommt. Die dort genannten Preise sieht sie kritisch. Befürchtungen, dass dadurch ihr eigenes Geschäft betroffen werde, hat sie aber keine.

Kritik von vielen Seiten

Kritik aber gibt es von verschiedenen Seiten: Von Eigentümern, die den Wert ihrer Immobilie, egal ob er sich mit den eigenen Vorstellungen deckt oder nicht, nicht veröffentlich wissen und vor allem gar nicht verkaufen wollen. Auch Eigentümerverbände äußern Bedenken. Von Preisen, die mit der Realität nichts zu tun haben, ist die Rede. Aber auch von Irreführung.

Zumindest der Verdacht verdichtet sich beim persönlichen „Faktencheck“: Unter der Privatadresse der Autorin taucht ein Gebäude auf, ein Schätzpreis wird genannt.

Beides aber hält der Überprüfung nicht stand: Das Gebäude ist ein völlig anderes als das der Autorin, der Schätzpreis völlig absurd – findet sie. Das gleiche Spiel wiederholt sich beim Gebäude ihres Nachbarn. Auch da: falsche Liegenschaft, falscher Preis. Erst beim Anklicken der abgebildeten Gebäudeumrisse taucht dann jeweils die korrekte, also zum Bild passende, Immobilie auf.

Sparkassen-Immobilien-Direktor setzt auf Erfahrung

Ähnliche Erfahrungen hat auch Thomas Volmer, Direktor des Immobiliencenters der Sparkasse Westmünsterland, gemacht: „Bei Testsuchen nach mir bekannten Immobilien ist mir aufgefallen, dass wichtige Faktoren, die entscheidend für den Preis sind, wie die Grundstücks- oder Wohnfläche oder auch das Baujahr, nicht immer richtig waren“.

Gleichzeitig trommelt er für sein Haus: Zu einer fundierten Immobilienbewertung gehört seiner Meinung nach neben einer guten Kenntnis über die Region und die genaue Lage der Immobilie auch eine große Portion Erfahrung. Denn, neben der Grundstücksgröße und dem Haustyp sind beispielsweise auch die Raumaufteilung, der Renovierungszustand, die Gebäudesubstanz und die Energieeffizienz ausschlaggebend für den Verkaufswert einer Immobilie, sagt Volmer.

Allerdings ergänzt er: „Wir können sagen, dass die LBS West ebenfalls den Immobilien-Preisfinder einsetzt.“

Scoperty weist aber alle Kritiker darauf hin, dass es auf der Homepage auch die Möglichkeit des Widerspruchs gibt. Dr. Michael Kasch im Gespräch mit der Münsterland Zeitung: „Sie können die Immobilien verbergen lassen, das Produkt aber trotzdem nutzen, indem der Wert nur für Sie als Eigentümerin angezeigt wird

– Immobilie löschen lassen mit einem kurzen Widerspruch an Scoperty.“

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