"Die Seele ist fast getötet"

Legden Wie viel Geld kann das Leid einer Familie lindern, deren Sohn (14) einem abscheulichen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist?

25.06.2008, 19:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit gestern muss sich die 2. Zivilkammer am Landgericht Münster mit dieser Frage befassen. Das Problem: Vergleichbare Fälle gibt es nicht.

Zwei Jahre ist es nun schon her, dass ein damals zwölfjähriger Schüler aus Legden in das Auto eines Mannes gestiegen ist, der als freier Handelsvertreter für den ADAC tätig war. Die Fahrt begann am Rande eines Kartrennens in Legden und endete auf einem Campingplatz bei Ibbenbüren. Der Junge wurde gefesselt, geschlagen, sexuell missbraucht.

Wie es ihm heute geht? Vater Leo Gausling wählte am Rande des Prozesses drastische Worte: "Nach wie vor beschissen. Sein Leben ist versaut." Der Anwalt der Familie, Derk Röttgering, sah die Sache genauso. "Der Junge hat das zwar überlebt. Aber im Prinzip ist die Seele des Kindes fast getötet worden." Der Junge nehme nicht mehr richtig am Leben teil, gehe unregelmäßig zur Schule, könne mit niemandem über die Sache sprechen.

25 000 Euro Schmerzensgeld hat der aus Münster stammende Täter bereits akzeptiert. Das ist die Hälfte der geforderten Summe. Richter Dirk Frenking hält die Zahl für angemessen. "Diese Höhe ist sicherlich gerechtfertigt", sagte er im Prozess.

Anwalt Röttgering hat dafür kein Verständnis. Er findet es "beschämend" über ein Schmerzensgeld von nur 25 000 Euro zu verhandeln. Vielleicht müsse man sich mal die Fotos ansehen, die nach der Tat entstanden sind. Dort sei ein Junge zu sehen, dessen Bild selbst den Polizeibeamten die Tränen in die Augen getrieben habe.

Der ADAC, der ebenfalls verklagt ist (beim Täter wird wahrscheinlich nie etwas zu holen sein), will gar nichts zahlen. Weil der Täter während der Tat nicht im Dienst des ADAC unterwegs gewesen sei. Sondern in seiner Freizeit.

Im Vorfeld des Prozesses waren dem Jungen aus Legden zwar einige Angebote gemacht worden, hieß es am Rande des Prozesses, doch die seien von der Familie allesamt ausgeschlagen worden. Der ADAC hatte angeblich unter anderem Freizeitaktivitäten (zum Beispiel einen kostenlosen Hubschrauberflug) vorgeschlagen. Das Urteil wird Mitte Juli erwartet.

Jörn Hartwich

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